Osnabrück  Wann ist einem eigentlich blümerant zu Mute?

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 03.08.2022 18:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Kunst als Kreuzworträtsel alten Wörtern: „Blümerant“ hieß diese Installation aus Pflanzen 2007 auf dem Gendarmenmarkt in Berlin. Foto: imago/PEMAX
Kunst als Kreuzworträtsel alten Wörtern: „Blümerant“ hieß diese Installation aus Pflanzen 2007 auf dem Gendarmenmarkt in Berlin. Foto: imago/PEMAX
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Alte Wörter: In der Sprachkolumne „Wortklauber“ geht es um Sprachschätze, die in Gefahr sind, verloren zu gehen, uns aber noch viel zu sagen haben. Das Wort heute: blümerant.

Berliner haben es einfach drauf. Manchmal jedenfalls. „Mir is janz blümerant“: Das ist so ein Satz, der nicht nur vieles sagt, sondern auch noch schnoddrig und gewählt zugleich klingt. Ob einem nur nicht gut oder gleich richtig übel ist – mit dem Wörtchen blümerant ist beides abgedeckt und im gleichen Moment höflich kaschiert. Denn das Wort klingt niedlich, niedlicher jedenfalls als den Zustand, den es benennen soll. Blümerant: Dieses Wort scheint aus einer Zeit zu kommen, als man der Dame, der es für einen Moment nicht ganz wohl war, das Riechfläschchen reichte, der gleichen Zeit, in der man von einem Malheur sprach und ein Unglück meinte.

Auch wenn es so klingt – mit Blümchentapete oder Blümchensex hat das Wort blümerant nichts zu tun. Was ähnlich klingt, muss nicht das Gleiche bedeuten. Wer dem Wörtchen einen vornehmen Ursprung zuschreibt, liegt hingegen goldrichtig. Denn im 17. Jahrhundert, der großen Epoche von Versailles und Ludwig XIV., wurde aus dem französischen bleu mourant, dem sterbenden Blau, das deutsche blümerant. In blassem Blau schillern die Farbschleier, die sich bei Schwindelanfällen über die Augen legen. Blassblau sieht auch jemand aus, der im nächsten Augenblick in Ohnmacht fällt. Eine aparte Umschreibung für einen Zustand, der sich so gar nicht apart anfühlt.

Das Wörtchen blümerant klingt nicht nur höflich, es verhält sich auch so, weil es in vielen Kontexten bestens funktioniert. „Wenn er aber als wöchentlicher Kritiker seinen Brecht ausposaunt, dann allerdings wird mir etwas blümerant“, schreibt Kurt Tucholsky am 12. März 1932 über einen Berufskollegen in einem Brief an Carl von Ossietzky und signalisiert mit dem Wort blümerant auf hübsche Weise seine abgrundtiefe Missbilligung. Tucholsky musste, wie Heinrich Heine übrigens auch, verbal niemals blankziehen, um sehr deutlich werden zu können. Gut beraten also, wer das kleine blümerant in seinem Köcher mit den Wörterpfeilen hat. Das Wörtchen klingt nett, hat aber Widerhaken – wenn man gut zielt.

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