Besuch beim Jugger-Training  Ein Sport mit Trommeln, Ketten und Hundeschädeln

| | 02.08.2022 16:29 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Fokus ist Noah Schlörmann aus Holtland im Gesicht anzusehen. Der Zwölfjährige trifft sich mit anderen Kindern und Jugendlichen – sie nennen sich die Strohhutbande – neuerdings regelmäßig in Hesel, um Jugger zu spielen. Foto: Ortgies
Der Fokus ist Noah Schlörmann aus Holtland im Gesicht anzusehen. Der Zwölfjährige trifft sich mit anderen Kindern und Jugendlichen – sie nennen sich die Strohhutbande – neuerdings regelmäßig in Hesel, um Jugger zu spielen. Foto: Ortgies
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Im Kreis Leer bilden sich mehrere Gruppen, die eine ganz spezielle Sportart ausüben: Jugger. Es ist ein Sport, der Elemente anderer Sportarten kombiniert.

Hesel - Es ist ein lauer Sommerabend in Hesel. Während die Nachbarn der Grundschule auf der Terrasse die letzten Sommerstunden genießen, geht es auf dem Schulsportplatz richtig zur Sache. Wie in Filmen stehen sich zwei Gruppen auf Distanz gegenüber, die Blicke sind ernst. Dann laufen sie aufeinander zu – und kämpfen eins gegen eins. Aber nicht mit Waffen, sondern sogenannten Pompfen. „Das Wort Waffen für die Spielgeräte vermeiden wir bewusst. Sonst könnte der Eindruck entstehen, dass es nichts für Kinder ist und man sich verletzen könnte“, sagt Steven Jongmans. Der Jugendpfleger der Gemeinde Ostrhauderfehn weiß, wovon er spricht. Denn er ist in der Sportart Jugger, die an diesem Tag in Hesel ausgeübt wird, mehr oder weniger der Experte in Ostfriesland. „Jugger ist ein Mannschaftssport, das Elemente vom Fechten und Rugby integriert.“

Seit 2016 leitet Steven Jongmans eine Jugger-Mannschaft in Ostrhauderfehn. Seit 2018 sind die Osterfehner Wölfe, wie sie sich nennen, als Sparte beim TSV Ostrhauderfehn eingegliedert. Damit ist der TSV, der 2019 sogar die Deutsche Jugger-Meisterschaft mit neun Teams ausrichtete, der einzige Verein in der Region mit dieser Abteilung – noch. Denn gerade sind im Kreis Leer mehrere Gruppen in der Entstehung. Hauptverantwortlich dafür zeigt sich Christoph Bruns, ebenfalls Jugendpfleger, aber in Hesel. Seit einem halben Jahr trainiert er wöchentlich zwei Jugger-Jugendteams in Hesel. Sie werden sich wohl die Heseler Strohhutbande nennen, weil sie zur Erkennung Strohhüte tragen, verrät Bruns. „Auch in Neukamperfehn soll eine Gruppe entstehen. Schwerinsdorf kam auf mich zu und will es sich mal anschauen“, sagt Christoph Bruns. „Ziel ist es, dass es irgendwann eine ostfriesische Liga im Jugger gibt“, sagt der 30-Jährige ambitioniert.

Eine Szene aus einem Jugger-Spiel: Janik Tinnemeyer (links) und Tom-Klaas Bunger (Vordergrund) versuchen, den jeweils anderen mit den Spielgeräten am Körper zu treffen. Dafür gibt es zwar keinen Punkt, der Gegner ist dann aber für eine kurze Zeit aus dem Spiel. Fotos: Homes
Eine Szene aus einem Jugger-Spiel: Janik Tinnemeyer (links) und Tom-Klaas Bunger (Vordergrund) versuchen, den jeweils anderen mit den Spielgeräten am Körper zu treffen. Dafür gibt es zwar keinen Punkt, der Gegner ist dann aber für eine kurze Zeit aus dem Spiel. Fotos: Homes

Nur ein Spieler darf Punkte erzielen

Er spielte während seines Studiums in Neubrandenburg aktiv Jugger. „Der Sport hat mich irgendwie gepackt“, sagt Bruns. „Das Tolle ist einfach, dass jeder Spieler immer gefordert ist. Im Vergleich zum Fußball steht niemand rum.“ Jugger sei ein Sport für Kinder, Jugendliche und Erwachsene aller Körperstaturen. „Ich bin 1,98 Meter groß und habe eine entsprechend große Reichweite, die beim Jugger ein Vorteil ist“, sagt Janik Tinnemeyer von den Osterfehner Wölfen. „Dafür habe ich eine große Angriffsfläche, da sind kleinere wiederum im Vorteil.“

Jugger ist ein sehr taktisch geprägtes Spiel, das zwei Teams à fünf Akteure austragen. Ziel ist es, den Jugg (also den Ball) ins gegnerische Mal (sozusagen das Tor) zu bringen. Dafür gibt es einen Punkt. Punkte erzielen kann nur ein bestimmter Spieler im Team: der Läufer. Nur er darf den Ball tragen. Die anderen vier Spieler eines Teams sind die sogenannten Pompfer. Sie halten die Pompfen – das sind gepolsterte Stäbe, Schilder oder ein Seil mit einem Ball am Ende, die sogenannte Kette – in der Hand. Damit versuchen sie, sich zu verteidigen, die Gegner am Körper zu treffen und damit den Weg des Läufers zum gegnerischen Mal freizumachen. Denn wenn ein Spieler – auch der Läufer – getroffen wurde, muss er sich auf den Boden hocken. Der Spieler ist für fünf Trommelschläge, die im Anderthalb-Sekunden-Takt ertönen, aus dem Spiel. „Wurde man von der Kette, die es in jedem Team nur einmal geben darf, getroffen, muss man sogar acht Schläge sitzen bleiben“, erklärt Christoph Bruns. Auf dem 20x40 Meter großen Feld ist also fast überall Action. Um alles im Blick zu haben, gibt es vier Schiedsrichter.

Christoph Bruns möchte Jugger im Kreis Leer populärer machen. In der linken Hand hält er den Spielball, den Jugg, in der rechten eine Kurzpompfe, eines der Spielgeräte.
Christoph Bruns möchte Jugger im Kreis Leer populärer machen. In der linken Hand hält er den Spielball, den Jugg, in der rechten eine Kurzpompfe, eines der Spielgeräte.

Drebuchautor erfand das Spiel

Jugger ist in vielerlei Hinsicht eine spezielle Sportart. So liegt der Ursprung in einem Film. Der amerikanische Drehbuchautor David Webb Peoples erfand das Spiel für die Handlung des dystopischen Spielfilms „Die Jugger – Kampf der Besten“ aus dem Jahr 1989. In Anlehnung an den Film sieht der professionelle Jugg aus wie ein Hundeschädel. „Man kann sich seinen Jugg aber auch einfach selber basteln. Wichtig ist nur, dass er oval ist – und ähnlich groß wie ein Football ist“, sagt Christoph Bruns. Im Film wird Jugger äußerst brutal gespielt. Doch so wie der Sport jetzt praktiziert wird, ist es „absolut ungefährlich“, sagt Bruns. „Bisher haben bei mir im Training zweimal Kinder geweint, aber vor Schreck, nicht vor Schmerzen.“

Das erste nachgewiesene Jugger-Spiel wurde 1993 in Heidelberg ausgetragen. Von da aus verbreitete sich die Sportart auf der ganzen Welt. Wirklich populär ist sie aber in keinem Land. Die weltweit besten Jugger-Nationen seien Deutschland, Spanien, Irland, England und Australien, sagt der Osterfehner Steven Jongmans. „In Ostfriesland gibt es gewiss noch Luft nach oben, was das Jugger angeht.“ Noch gibt es so wenig Teams, dass die Heseler und Osterfehner manchmal sogar zusammen trainieren – wie am Mittwoch vergangener Woche bei der Grundschule in Hesel.

Wer Jugger mal ausprobieren möchte, kann sich bei Steven Jongmans (Tel.: 01 51/ 53 90 37 39) oder bei Christoph Bruns (Tel.: 01 60/ 96 66 92 52) melden.

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