Bayreuth  Bayreuther Festspiele: Kein Inzest, aber ein zerbrochener Stuhl

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 02.08.2022 14:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Schon schön schrill: Der neue Bayreuther „Ring“ schickt die Walküren zu Schönheits-Op. Foto: Enrico Nawrath
Schon schön schrill: Der neue Bayreuther „Ring“ schickt die Walküren zu Schönheits-Op. Foto: Enrico Nawrath
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Valentin Schwarz beantwortet im neuen Bayreuther Ring Fragen, die niemand stellt. Und er stellt Konstellationen her, die nicht zum Text passen. Und dann verletzt sich auch noch Wotan-Darsteller Tomasz Konieczny, weil ein Stuhl zusammenbricht.

Abgesprungene Darsteller, erkrankte Dirigenten: Im neuen Bayreuther „Ring des Nibelungen“ läuft es nicht rund. Jetzt hat bei der Premiere der „Walküre“ Wotan-Darsteller Tomasz Konieczny eine unfreiwillige Slapstick-Einlage hingelegt, die ihn zum Rückzug gezwungen hat: Im Streit mit der Göttergattin Fricka setzt Wotan sich auf den berühmten wie bequemen „Lounge Chair“ von Charles und Ray Eames, legt die Beine hoch – und das Rückenteil bricht ab, Wotan landet auf dem Rücken. Konieczny singt zwar in aller Würde den zweiten Akt zu Ende. Doch im dritten Akt muss Michael Kupfer-Radeczky für ihn einspringen.

Kupfer-Radeczky singt am Freitag den Gunter in der „Götterdämmerung“, aber den Wotan hat er auch gut vorbereitet: Bebender Zorn liegt in der Stimme, als er mit Brünnhilde ins Gericht geht, weil sie Siegmund gegen den Befehl Wotans das Leben retten wollte. Einfühlsam, sanft, tränenerstickt klingt, wie er sich von Brünnhilde, der Lieblingstochter, verabschieden muss und sie auf einem Felsen in den Schlaf schickt und in einen Feuerring einschließt. Und man versteht jedes Wort.

Richard Wagner hat dazu seine schönste, berührendste Liebesmusik geschrieben. Dirigent Cornelius Meister kostet die am Pult des Festspielorchesters in vollen Zügen aus; vergessen ist der Mangel an Sinnlichkeit und Überwältigung aus dem „Rheingold“; hier gibt es Leidenschaft in Reinform. Und weil auf der Bühne von Andrea Cozzi nur wenig Licht strahlt und ein bisschen Theaternebel wabert, stellen sich zum ersten Mal in diesem „Ring“ magische Momente ein. Endlich!

Regisseur Valentin Schwarz versucht ja, Wagners Charakteren nahe zu kommen. Was passiert mit Freia, der Schwägerin von Wotan, wenn das „Rheingold“ vorbei ist? Nicht, dass das vor Schwarz jemand gefragt hätte, aber die Antwort kriegen wir trotzdem: Am Ende von „Rheingold“ setzt sie sich die Pistole an den Kopf – Cliffhanger! –, einen Tag später, im zweiten Akt der „Walküre“ liegt sie im Sarg.

Dieses Seitensträngchen füllt die Bühne, bedeutet aber nichts. Viel brisanter ist eh die Frage, wer Sieglinde geschwängert hat. Siegmund - wie Wagner es vorgesehen hat - ist es nicht; als er bei ihr eintrifft, ist Sieglinde längst schwanger. Von wem?

Das liefert Gesprächsstoff für die Pause, entfernt sich allerdings denkbar weit vom Text. Widersprüche, die sich ergeben, bleiben unaufgelöst stehen: Der Streit zwischen Fricka und Wotan – bei dem der Eames-Sessel zu Bruch geht – verliert seinen Anlass, denn der Konflikt entzündet sich an einem Inzest, den Wagner ins Textbuch geschrieben hat, der bei Schwarz aber gar nicht stattgefunden hat. Konsequent wäre es gewesen, die Streitszene zu streichen.

Trotzdem geht es in der Walküre insgesamt klarer zu als im „Rheingold“. Lise Davidsen als Sieglinde flutet das Festspielhaus mit ihrem glühenden Sopran, Klaus Florian Vogt ist ein Siegmund mit einer Stimme, die glänzt wie Platin – und beide singen wunderbar textverständlich, machen den ersten Akt zu einem herausragenden Erlebnis.

Der zweite Akt fällt ab, weil Tomasz Konieczny und Iréne Theorin als Brünnhilde kaum zu verstehen sind. Immerhin aber verfügt sie über beeindruckende Walküren-Kräfte. Georg Zeppenfeld als Hunding schließlich ist eh immer ein charismatischer Bühnencharakter mit vollendeter Gesangstechnik.

Cornelius Meister springt beherzt ins Geschehen; das Vorspiel rumpelt zwar unruhiger, als die Noten es vorschreiben, aber letztlich wartet er mit einer dramatisch stimmigen Ausdeutung der Oper auf. Er trifft den emotionalen Gehalt der Geschichte, ja, und setzt merkwürdigen Regieideen eine leidenschaftliche, präzise musikalische Erzählung entgegen. Zwar schrumpft Schwarz das Schwert Notung zum profanen Revolver, umso mehr lässt Meister es klingend leuchten. Und das Feuer um Brünnhilde lodert in der Musik so fein und verspielt, dass niemand das Feuer auf der Bühne vermisst.

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