Geschichte eines Welthits Wie „Lili Marleen“ zu einem Freund aus Groothusen kam
Der von Lale Andersen gesungene Welthit „Lili Marleen“ soll auch auf die Geschichte eines Krummhörners zurückgehen. Sein Freund war der Erfinder des Liedes.
Groothusen - Mehr als 100 Jahre sind es her, dass sich Klaas Deterts aus Groothusen in Lili verliebte. Erst viel später führte das zumindest indirekt zum ersten deutschen Welthit: Es entstand ein Soldatenlied, das die Waffen an den Fronten schweigen lassen konnte und in viele Sprachen übersetzt wurde. Wie aber kam es dazu und was hatte der ostfriesische Volksschullehrer mit Lale Andersen und der Musikbranche zu tun? Diesen Fragen geht die Ländliche Akademie Krummhörn-Hinte (LAK) im Rahmen ihrer Aufführungsreihe „Dörfer erzählen Geschichte“ nach.
Was und warum
Darum geht es: um die Frage, was ein früher Welterfolg in der Musikbranche mit einem Volksschullehrer aus der Krummhörn zu tun hat
Vor allem interessant für: Geschichts- und Musikinteressierte
Deshalb berichten wir: Die LAK führt ein Erzähltheater über Klaas Deterts auf. Wir wollten genauer wissen, was sich dahinter verbirgt. Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de
Die LAK-Geschäftsführerin Christine Schmidt verweist auf die Recherchen von Gerd Brandt von der Band Laway, die dieser schon vor Jahren vor der ersten Aufführung des Erzähltheaters angestellt hatte. Deterts soll demnach der Sohn von Deter Deterts und dessen Frau Jantje gewesen und in einer Mühle zwischen Groothusen und Manslagt aufgewachsen sein. Ein Freund von ihm war Hans Leip, der Verfasser des Gedichts, aus dem später einmal das Lied „Lili Marleen“ werden sollte. Leip bestätigt den Kontakt zu Deterts in seiner 1979 erschienenen Autobiografie „Das Tanzrad“.
„Rotbäckiger Müllerssohn“ verliebt sich in „glutäugige Betty-Lili“
Darin heißt es, dass sich die beiden Männer im Jahr 1915 als Offiziersanwärter in Berlin ein Zimmer bei der „Witwe Stolzenberg“ teilten. Deterts wird als „rotbäckiger Müllerssohn aus Ostfriesland und Schulmeister“ beschrieben. Die Ausbildung in der Kaserne sei damals hart gewesen, „so daß wir nach dem Dienst kaum die vielen Stufen in unser Quartier entern konnten.“
Eines Tages trafen die beiden dann unten im Haus die „braungelockte, glutäugige“ Betty-Lili, die gerade Hühner fütterte. Den Beinamen „Lili“ habe man ihr verpasst, weil sie die beiden Männer an das Gedicht „Lilis Park“ von Johann Wolfgang von Goethe erinnert habe, heißt es weiter. „Der nicht ganz schüchterne Klaas“ habe sich gleich in sie verliebt. Leip selbst habe später seine eigene Freundin, „blond, groß mit genehmen Kurven“ im Tiergarten kennengelernt. „Sie hieß Marleen.“ Das Lied „Lili Marleen“ könnte also eine Mischform dieser beiden Namen sein. So lautet eine Vermutung, die unter anderem auch die LAK teilt. Es gibt aber noch ein paar weitere.
Nach der Romanze folgt der Krieg
Das Glück jedoch währte nicht lange, denn der damals 21-jährige Leip und sein etwa ein Jahr älterer Mitbewohner mussten im April 1915 an die Front. Zum Abschied trafen sich Lili, Marleen und die beiden Männer noch einmal, um ihren Abschied zu feiern. Leip soll dabei in dieser Nacht zum Ostersonntag die ersten drei Strophen seines berühmten Liedes vorgetragen beziehungsweise gesungen haben. Allerdings noch unter dem Titel „Lied eines jungen Wachpostens“ und mit einer heute unbekannteren Melodie. Laut der LAK-Geschäftsführerin Schmidt sahen die Soldaten die beiden Frauen nach diesem Abend nie wieder. Aus dieser Vorahnung heraus sei das Lied auch entstanden.
Das ist der Liedtext
Vor der Kaserne vor dem großen Tor stand eine Laterne, und steht sie noch davor. So woll’n wir uns da wiederseh’n, bei der Laterne woll’n wir steh’n, wie einst Lili Marleen, wie einst Lili Marleen. Uns’re beiden Schatten sah’n wie einer aus. Dass wir uns so lieb hatten, das sah man gleich daraus. Und alle Leute soll’n seh’n, wenn wir bei der Laterne steh’n, wie einst Lili Marleen, wie einst Lili Marleen. Schon rief der Posten: Sie blasen Zapfenstreich, es kann drei Tage kosten! Kam’rad, ich komm‘ ja gleich. Da sagten wir auf Wiederseh’n. Wie gern‘ wollt ich mit Dir geh’n, wie einst Lili Marleen, wie einst Lili Marleen. Deine Schritte kennt sie, Deinen schönen Gang, alle Abend brennt sie, doch mich vergaß sie lang. Und sollte mir ein Leid geschen, wer wird bei der Laterne stehn, mit Dir Lili Marleen, mit Dir Lili Marleen. Aus dem stillen Raume, aus der Erde Grund hebt mich wie im Traume Dein verliebter Mund. Wenn sich die späten Nebel drehn, werd‘ ich bei der Laterne stehn, wie einst Lili Marleen, wie einst Lili Marleen.
Richtig bekannt wurde Leips Text allerdings erst Jahre später – mit einer von Komponist Norbert Schultze erdachten neuen Melodie. Sängerin Lale Andersen trug das Lied „Lili Marleen“ während ihrer Karriere in beiden Versionen vor, auch wenn die neuere schließlich 1938 auf Schallplatte veröffentlicht wurde.
Überraschung im Radio
Laut Schmidt und dem LAK-Vorsitzenden Hero-Georg Boomgaarden blieb Deterts nach dem Wechsel an die Ostfront bis zum 1. August 1917 dort stationiert. Dann war für ihn aufgrund einer Verwundung die Zeit an der Front vorbei. Er kehrte als Lehrer nach Köhlen bei Bremerhaven zurück, wo er schon vor dem Krieg als Lehrer gearbeitet hatte. Vom Lied „Lili Marleen“ soll er dann erst Anfang 1940 im Radio überrascht worden sein.
Dabei soll der Kontakt zwischen Deterts und Leip noch bis mindestens 1955 fortbestanden haben. Aus diesem Jahr existiert noch ein Schreiben, das dies bestätigt, sagt Boomgaarden. Leip verstarb schließlich im Jahr 1983, wann Deterts verstorben ist, kann Boomgaarden nicht sagen.
Wurzeln des Liedes sind noch älter
Die Band Grenzgänger aus Bremen befasst sich mit alten Liedern und bereitet diese nach eigenen Angaben für das heutige Publikum neu auf. „Zu unseren Volksliedern haben wir nämlich ein Nicht-Verhältnis“, sagt unserer Zeitung auf Nachfrage Michael Zachcial, der kreative Kopf und Gründer der Gruppe. Das zu ändern, sei der Antrieb der Band. Darum befassten sich die Grenzgänger auch schon mit „Lili Marleen“ und nahmen den Klassiker in ihr Repertoire auf.
Zachcial betont den „pazifistischen Charakter“ des Liedes, der aufgrund seines weichen Charakters den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge war. Aufgrund seiner Beliebtheit ließ sich die Ausbreitung irgendwann aber nicht mehr aufhalten, wie auch Boomgarden bestätigt. Zachcial ergänzt jedoch, dass der von Hans Leip verfasste Text seine Wurzeln in noch älteren Liedern hat, in denen ein Soldat Posten stehen muss und unter Gefahr seiner Freiheit oder gar seines Lebens heimlich seine Geliebte trifft.