Bayreuth  Bayreuther Festspiele: Funktioniert der „Ring des Nibelungen“ bei Netflix?

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 01.08.2022 14:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Statt Gold zu horten, betreiben Alberich und sein Bruder Mime (Arnold Bezuyen) im neuen Bayreuther „Ring des Nibelungen“ einen Kinderhort. Foto: Enrico Nawrath
Statt Gold zu horten, betreiben Alberich und sein Bruder Mime (Arnold Bezuyen) im neuen Bayreuther „Ring des Nibelungen“ einen Kinderhort. Foto: Enrico Nawrath
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Die Bayreuther Festspiele bringen mit zwei Jahren Corona-bedingter Verspätung den „Ring des Nibelungen“ heraus. Regisseur Valentin Schwarz hat dafür ein paar interessante Ideen. Aber haut das auch alles hin? „Rheingold“ gibt erste Antworten.

Dass da noch niemand draufgekommen ist: Göttervater Wotan und sein Kontrahent Alberich sind Zwillingsbrüder. Im Video wird die Es-Dur-Ursuppe des „Rheingold“-Vorspiels zur Fruchtblase, in der sich zwei Babys friedlich schlafend wiegen. Bis eines dem anderen das Auge aussticht und das andere den einen entmannt.

Hauen und Stechen von Anfang an: Im neuen „Ring des Nibelungen, wie Valentin Schwarz ihn auf die Bühne der Bayreuther Festspiele bringt, wird Alberich zum Teil der Götterfamilie. Während bei Wagner die ganze Welt ihrem Ende entgegenschlingert, inszeniert Schwarz eine Familiensaga, als wäre es eine Netflix-Serie: Binge Watching im Festspielhaus. Das verspricht Spannung, und um die ins unermessliche zu steigern, arbeitet Schwarz mit dem größten anzunehmenden Tabubruch und eliminiert gleichzeitig Wagners Symbolik. Speer und Ring bleiben in der Requisitenkiste; stattdessen werden Kinder verschachert.

Dabei sind Kinder der größte Schatz, unsere Hoffnung, unsere Zukunft. Unsere Ängste? Alberich klaut kein Rheingold, er entführt ein Jungen. Alberich hortet kein Gold, er betreibt zusammen mit Bruder Mime einen Kinderhort. Der größte Schatz aber ist der Junge mit gelbem T-Shirt und Basecap. Er beschmiert Wände, schmeißt mit Essen und Stühlen um sich, liegt später auf Wotans Bett und spielt mit einem Zauberwürfel. Ein ADHS-Kind, ein „Systemsprenger“, womöglich ein Missbrauchsopfer. Manche Premierenbesucher sagen, es sei Hagen, Alberichs Sohn, der eigentlich erst in der „Götterdämmerung“ auftritt.

Vielleicht erschließt sich dann einiges; fürs „Rheingold“ muss man aber sagen: Die Geschichte geht nicht auf.

Mit der Symbolik pflügt Schwarz nämlich die mystischen Aspekte des „Rings“ gleich mit unter die Erde. Dafür rächt sich Wagner; deshalb zwickt’s und zwackt’s, dass nicht nur die Bühnenmaschinerie des Festspielhauses ächzt, sondern auch die Dramaturgie kräftig knirscht.

Handwerkliche Schlampereien machen die Sache nicht besser: Fasolt und Fafner kommen zum Geldeintreiben, stehen aber längst mit ihrem Porsche Cayenne in der Garage der schicken Göttervilla (Bühne: Andrea Cozzi) und fahren auch nicht mehr weg. Kinder werden aus Wotans Zimmer geholt und wieder hochgeschickt, und man weiß nicht, warum das passiert. Schließlich kann Schwarz die Wagner’sche Symbolik zwar auf der Bühne negieren, aber nicht aus dem Text streichen, was nicht zu dialektischer Spannung führt, sondern zu merkwürdigen Text-Bild-Scheren. Fast darf man froh sein über Sänger, die so undeutlich deklamieren, dass man eh kaum etwas versteht.

Immerhin: Dank Olafur Sigurdarson tollem Alberich funktioniert die böse Seite der Macht sängerisch wie darstellerisch. Mit Egils Silins als Wotan bleibt die andere böse Seite hingegen unspektakulär und ohne die nötige monströse Dimension. Daniel Kirch kostet die Figur des Loge als verschlagener, mitunter ängstlicher Berater aus, Jens-Erik Assbø ist ein hörenswerter Riese Fasolt, Christa Mayer als Wotans Gattin Fricka etwas wegen der metallischen Schärfe ihrer Stimme etwas gewöhnungsbedürftig.

Und Cornelius Meister? Der Dirigent ist kurzfristig für den Finnen Pietari Inkinen eingesprungen und hat vielleicht seinen Platz in Schwarz‘ Ästhetik noch nicht gefunden. Jedenfalls legt er mitunter erstaunlich rasche Tempi vor, kitzelt fast tänzerischen Schwung heraus, fördert einiges zu Tage, was sonst nicht aus dem Graben klingt. Doch er bleibt merkwürdig unentschieden, untermalt oft nur dezent, was auf der Bühne passiert, scheint sich ein Minimum an Pathos verordnet zu haben – Impulsivität und Sinnlichkeit, das Überwältigende in Wagners Musik, bleiben auf der Strecke. Aber er hat ja noch drei Abende, um sich zu positionieren. Das Premierenpublikum urteil jedenfalls einigermaßen mild, zeigt sich begeistert von der Musik, während die vernehmbaren Buhs und Pfiffe vor allem der Regie gegolten haben.

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