Milch aus Ostfriesland  Aus konventionellen Bauern werden Bio-Landwirte

Gordon Päschel
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Von Gordon Päschel
| 29.07.2022 18:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Kleegras statt chemischer Dünger: Auf seinen Weiden setzt Carsten Leemhuis nur noch auf eine natürliche Stickstoffversorgung. Foto: Ortgies
Kleegras statt chemischer Dünger: Auf seinen Weiden setzt Carsten Leemhuis nur noch auf eine natürliche Stickstoffversorgung. Foto: Ortgies
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Wachsen oder weichen: Der Landwirt Carsten Leemhuis hat sich von dieser Logik verabschiedet. Er wird Bio-Bauer und zahlt dafür einen hohen Preis.

Ostfriesland - Als Carsten Leemhuis Ende der 90er-Jahre auf dem Hof seines Onkels einstieg und Unternehmer wurde, zählte der Betrieb rund 35 Milchkühe. Er investierte und wuchs - zunächst auf knapp die doppelte Größe, bald darauf auf etwa 100 Tiere, die täglich gemolken werden. „Ich bin den Weg des Wachsens oder Weichens mitgegangen“, sagt der Mann, der aus Ditzum stammt, aber mittlerweile in Moormerland lebt. Als vor ein paar Jahren erneut die Entscheidung anstand, etliche Hunderttausend Euro für den nächsten Ausbau in die Hand zu nehmen, kamen die Zweifel und schließlich die Bauchschmerzen. „Ich bin da innerlich richtig krank von geworden“, erzählt Leemhuis.

Was und warum

Darum geht es: Veränderungen in der Landwirtschaft und den Wechsel von konventioneller Herstellung auf Bio

Vor allem interessant für: Landwirte, Händler und Kunden, die sich für regionale Bio-Produkte interessieren

Deshalb berichten wir: Ostfriesland ist traditionell Weideland und Heimat vieler Milchviehbetriebe.

Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de

Zusammen mit seiner Frau beschloss er im vergangenen Jahr, aus der Wachstumslogik der konventionellen Landwirtschaft auszusteigen. Sie sattelten um, der 46-Jährige wird Bio-Bauer. Zum 1. September liefert sein Betrieb zum ersten Mal Milch, die nach den Kriterien des Anbauverbands Bioland erzeugt wird. Es ist das Ende eines gut anderthalbjährigen Umstellungsprozesses. Aber eigentlich ist es erst der Anfang. Denn Leemhuis muss lernen, ganz anders mit seinen Flächen und Tieren umzugehen.

Chemie vernichtet Problemkräuter

Die Bioland-Richtlinien zählen in Deutschland zu den strengsten für einen organisch-biologischen Landbau. Für die, die das Siegel tragen, heißt es unter anderem: Der Einsatz von künstlichem Stickstoff-Dünger ist Tabu. Und gegen Schädlinge und Unkraut, die die Ernte bedrohen oder zumindest erwartbar schmälern, darf keine chemisch-synthetische Keule mehr eingesetzt werden. Kurz gesagt, bedeutet die Bio-Verpflichtung für Leemhuis und seine Familie vor allem deutlich mehr Arbeit. Früher spitzte er großflächig gegen Problemkräuter. Drei Tage später ließen die ungewollten Pflanzen dann die Köpfe hängen. „Jetzt laufe ich mit einem Ampferstecher über das Feld“, sagt der vierfache Vater.

Ein Traktor bringt auf einem Acker Pflanzenschutzmittel aus. Der Einsatz solcher chemischer Substanzen ist auf Höfen, die sich Bioland-Kriterien verschreiben, nicht erlaubt. Foto: Armin Weigel/DPA
Ein Traktor bringt auf einem Acker Pflanzenschutzmittel aus. Der Einsatz solcher chemischer Substanzen ist auf Höfen, die sich Bioland-Kriterien verschreiben, nicht erlaubt. Foto: Armin Weigel/DPA

Während der Landwirt, dessen Familienbetrieb am Rand eines Dorfes in der Gemeinde Moormerland liegt, mitten in der Umstellung steckt, ist Henning Weißbach in Friedeburg bereits am Ziel. Er zählte vor sechs Jahren zu den ersten Betrieben in Ostfriesland, die zusammen mit der Molkerei Ammerland aus Dringenburg den Aufbau einer Bio-Linie wagten. Bereut habe er es nicht, sagt Weißbach. Aber: „Man muss es wollen. Für die, die Geld verdienen wollen, ist Bio nicht das Richtige“, stellt der 55-Jährige fest.

Milchpreis liegt auf Rekordniveau

Zum einen sei die Neuausrichtung mit hohen Anfangsinvestitionen verbunden – so darf der Landwirt seinen Kühen kein konventionelles Kraftfutter mehr geben, was deren Milchleistung deutlich verringert. Im laufenden Betrieb eines Biohofs kann ein höherer Milchpreis den Verlust später kompensieren. Doch während der monatelangen Umstellung gilt die Milch noch als konventionell erzeugt. Die Molkerei kann sie nicht für ihre Bio-Produkte nutzen und in den Handel bringen. Sie zahlt also weiter den Preis für konventionell erzeugte Milch, was in der Vergangenheit zum Teil einen erheblichen Unterschied ausmachte.

Den Entschluss, den Betrieb auf eine Bioland-Zertifizierung umzustellen, fasste das Ehepaar aus der Gemeinde Moormerland gemeinsam. Foto: Ortgies
Den Entschluss, den Betrieb auf eine Bioland-Zertifizierung umzustellen, fasste das Ehepaar aus der Gemeinde Moormerland gemeinsam. Foto: Ortgies

2016 beispielsweise bekamen konventionelle Milchbauern in Deutschland durchschnittlich 26,7 Cent pro Kilogramm. Für Bio-Milch gab es im gleichen Zeitraum mit 48,2 Cent fast das Doppelte. Die Kluft ist allerdings nicht immer so groß, die Marktpreise unterliegen enormen Schwankungen. Wegen einer in dieser Form weltweit bislang einmaligen Knappheit und anderer Faktoren werden aktuell Höchstpreise erzielt. Für ein Kilogramm Bio-Milch zahlt die Molkerei Ammerland ihren Lieferbetrieben 61 Cent (Stand Juli). Parallel ist jedoch auch der konventionelle Kilopreis mit 59 Cent nach oben geschossen.

Kein Grund zum Jubeln

Die Spitzenpreise sorgen in der Landwirtschaft trotzdem nur bedingt für Erleichterung. Denn den gestiegenen Einnahmen stehen Kostenexplosionen für Futter, Dünger und Energie gegenüber. Die Betriebe – ob konventionell oder bio – ächzen wie alle Branchen unter der Last der Inflation.

Sigrid Waterholter-Leemhuis versorgt zusammen mit ihrem Mann rund 100 Milchkühe und etliche Kälber. Foto: Ortgies
Sigrid Waterholter-Leemhuis versorgt zusammen mit ihrem Mann rund 100 Milchkühe und etliche Kälber. Foto: Ortgies

Der Krieg, die Krisen und die rasante Geldentwertung bereiten Dr. Lars Schildwach Kopfzerbrechen. Er ist Geschäftsleiter für Vertrieb und Marketing bei der Molkerei Ammerland. Und er ist verantwortlich für den Aufbau der Bio-Linie. Weil immer mehr Konsumenten im Supermarkt auf günstigere Produkte ausweichen, gerät die noch junge Produktpalette unter Druck. Die Nachfrage „erlahmt im Moment“, stellt der Vertriebsleiter fest. Es fällt ihm deswegen schwerer, weitere Betriebe zum Umstellen zu bewegen. „Wir können die Landwirte nur dann animieren, wenn wir wissen, dass es auch eine Nachfrage gibt.“

Wie viel Bio ist nachhaltig?

Die Molkerei bezieht ihre Milch von knapp 2000 Lieferanten. Sämtliche Betriebe befinden sich in einem Radius von 80 Kilometern rund um die Zentrale in Dringenburg. Die Bio-Nische ist klein. Nach Angaben des Unternehmens haben bisher 51 Betriebe auf Bio-Landwirtschaft umgestellt, 13 davon kommen aus Ostfriesland, so wie der Hof von Henning Weißbach. Geht es nach dem Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir sollen es sehr schnell sehr viel mehr werden.

Der Milchviehbetrieb der Familie Leemhuis liegt am Ortsrand von Neemoor. Foto: Ortgies
Der Milchviehbetrieb der Familie Leemhuis liegt am Ortsrand von Neemoor. Foto: Ortgies

Der Grünen-Politiker hat das Ziel ausgegeben, den Flächenenteil der Bio-Landwirtschaft in Deutschland innerhalb der nächsten acht Jahre auf 30 Prozent zu steigern. Weißbach sieht das kritisch. „Meinetwegen können es auch gerne 50 Prozent sein“, sagt er. Seine Sorge: „Wenn der Verbrauch aber gleichzeitig bei 15 Prozent bleibt, gehen die Betriebe kaputt.“ Ähnlich wie der Molkerei-Vertriebsleiter plädiert er für ein langsames Wachstum des Bio-Marktes. „Es ist ein zartes Pflänzchen“, sagt Henning Weißbach.

Trotz der hohen Anfangskosten und aller Risiken ist Carsten Leemhuis weiter davon überzeugt, mit seiner Entscheidung den richtigen Weg zu gehen. Er sagt, dass er sich darauf freue, den Ernteertrag auf seinen Feldern und die Milchleistung seiner Kühe ohne künstliche Hilfe hochzuhalten. Als Öko-Aktivist versteht er sich dabei nicht. „Ich will kein bezahlter Naturschützer sein“, so der 46-Jährige. Aber er habe für sich beschlossen: „Ich bin kein Mann für 200 Kühe. Ich bin kein Manager, sondern ein Bauer, der zwischen seiner Arbeit sitzen will. Weniger ist mehr.“ Für dieses Weniger ist er bereit, einen Mehraufwand in Kauf zu nehmen.

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