Pfarrstellen werden gekürzt  „So zieht sich Kirche von den Menschen vor Ort zurück“

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 28.07.2022 18:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Mit noch etwa 560 Gemeindegliedern ist die Martin-Luther-Gemeinde in Bagband die kleinste im Kirchenkreis Aurich, die noch einen eigenen Pastor hat. Fünf Gemeinden im Kreisgebiet sind grundsätzlich noch kleiner. Fotos: Cordsen
Mit noch etwa 560 Gemeindegliedern ist die Martin-Luther-Gemeinde in Bagband die kleinste im Kirchenkreis Aurich, die noch einen eigenen Pastor hat. Fünf Gemeinden im Kreisgebiet sind grundsätzlich noch kleiner. Fotos: Cordsen
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In Bagband und Strackholt werden Pfarrstellen gekürzt, beide sollen sich auf Sicht einen Pastor teilen. Dort gibt es herbe Kritik am Kirchenkreis Aurich.

Bagband/Strackholt - Bislang feiern die Kirchengemeinden in Strackholt und Bagband an jedem Sonntag Gottesdienst. Die Gemeindeglieder fürchten aber, dass es damit auf Sicht vorbei sein könnte. Denn wenn es nach dem Willen des Kirchenkreises Aurich geht, sollen sich die Pfarrgemeinden in Bagband und Strackholt künftig einen Pastor teilen. Der Beschluss der Kirchenkreis-Synode steht seit Jahren, seine praktische Umsetzung rückt näher: Im nächsten Jahr wird die volle Stelle der St.-Barbara-Gemeinde in Strackholt mit ihren etwa 1800 Gemeindegliedern auf eine Dreiviertelstelle gekürzt, die halbe Stelle der Martin-Luther-Gemeinde in Bagband mit ihren gut 550 Seelen auf eine Viertelstelle geschrumpft. Im Laufe des kommenden Jahres erreichen sowohl in Bagband Pastorin Elske Oltmanns wie auch in Strackholt Pastor Bernd Battefeld das Ruhestandsalter. Was folgen soll, ist eine pfarramtliche Verbindung: zwei Gemeinden, ein Pastor. Mit der Idee anfreunden können die Menschen vor Ort sich aber nicht: Bis zuletzt haben Kirchenvertreter aus Strackholt und flankierend zeitweise auch aus Bagband sogar Möglichkeiten ausgelotet, dagegen zu klagen.

Hintergrund der Entscheidung ist, dass die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt und damit die Höhe der Zuwendungen aus Kirchensteuern an den Kirchenkreis. Um fast 600.000 Euro – etwa zehn Prozent – muss der die Kosten im Verlauf der kommenden sechs Jahre senken. In Summe sollen drei Pfarrstellen im aktuellen Planungszeitraum bis Ende 2028 wegfallen – je eine volle in den Regionen Aurich und Wiesmoor/Großefehn, je eine halbe in den Regionen Südbrookmerland und Ihlow. Der Strackholter Pastor Bernd Battefeld (64) sagt: „Es fehlen neue Taufen, Menschen treten aus der Kirche aus, die evangelische Gemeinschaft schrumpft. Die Frage ist aber, wie reagiere ich darauf? Da sehe ich schon eine Schieflage im Kirchenkreis.“ Inwiefern? Battefeld verweist auf eine vor sieben Jahren von der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) verantwortete und in Auftrag gegebene Studie mit dem Titel „Engagement und Indifferenz“.

Viertelstelle in Ihlow für nichts?

Die ergab unter anderem, dass die Erwartungen und Ansprüche an die Kirche vor Ort trotz sinkender Mitgliedzahlen wachsen. „Kirche muss ein Gesicht haben. Der direkte Kontakt zu den Menschen muss da sein und stimmen“, sagt Battefeld und ergänzt: „Wir sagen seit Jahren: Wir sind nicht bereit, wesentliche Teile der wichtigen Arbeit vor Ort einzuschränken, um damit nachrangige Stellen zu finanzieren. Wäre die Kirche ein Unternehmen, müsste das Ziel doch sein, den Vertrieb zu stärken – nah bei den Menschen, um die es uns geht – und nicht die Präsenz in der Fläche zu schwächen, während man Funktionsstellen behält und schafft.“

Nachrangige Stellen? „Es gibt im Stellenplan immer noch eine Viertelstelle für die Klosterstätte in Ihlow“, sagt Battefeld. „Nur dass der Klosterverein dort federführend ist, die Klosterstätte formal ein weltlicher Ort ist und diese Stelle qua Betriebsführungsvertrag gar nicht mit Inhalt gefüllt ist.“ Auch die Viertelstelle für Öffentlichkeitsarbeit, die von dieser Stelle aber kaum wahrnehmbar geschehe und von der die kleinen Gemeinden nichts hätten, und die halbe Stelle für einen B-Kirchenmusiker halte er für entbehrlich. In Summe eine volle Stelle. Die Pauschale, die die Landeskirche pro voller Pfarrstelle und Jahr einbehält, beträgt noch 92.800 Euro, steigt ab 2023 auf 106.800 Euro. Daraus werden Gehälter gezahlt und Rückstellungen für Pensionen gebildet. „Wir reden vom Sparen und bauen um, und dass gespart werden muss, ist ja einleuchtend.

Eine für alle

Aber warum leisten wir uns dann Stellen, die nicht nah bei den Menschen sind, die die Stellen über die Kirchensteuer doch bezahlen?“, fragt Battefeld. „Stellen, die – wie in Ihlow – sogar überflüssig sind? Warum lassen wir die Kirche in kleinen Orten ausbluten, während etwa in Aurich sogar zusätzliche Stellen geschaffen worden sind?“, fragt Battefeld. „Und während Kirche sich von den Menschen vor Ort zurückzieht, wo die Pastoren Hand in Hand mit den Ehrenamtlichen arbeiten, schafft man aus Sondermitteln eine hauptamtliche Stelle mit 25 Wochenstunden für die Betreuung der Ehrenamtlichen, quasi von der Zentrale aus. Eine für alle. Das begreift hier kein Mensch.“

Der Strackholter Pastor Bernd Battefeld kritisiert, dass der Kirchenkreis Aurich sich „nachrangige Stellen“ leistet, während er vor Ort Anteile streicht.
Der Strackholter Pastor Bernd Battefeld kritisiert, dass der Kirchenkreis Aurich sich „nachrangige Stellen“ leistet, während er vor Ort Anteile streicht.

Kirche ziehe sich hier von den Menschen zurück, die doch die Kirche bildeten, mit Leben erfüllten und ausmachten. Die Inhaberin dieser Stelle geht zudem, das Amt muss neu besetzt werden. „Wenn Kirche diese althergebrachten Strukturen in den Orten zerschlägt, was bleibt denn noch? Die Leerstellen werden anders gefüllt. Wenn kein Gottesdienst mehr ist, sind zu der Zeit eben Sportwettkämpfe. Und so schwindet die Bindung zur Kirche weiter.“

„Die Zentrale ist weit weg von den Menschen“

Fenna Bohlen, Vorsitzende des Kirchenvorstands in Bagband, sieht dies ähnlich. „Hier im Dorf wird der Pastor für alles gebraucht – anders als in der Stadt. Die Gemeinden auf den Dörfern muss man mitnehmen, das passiert aber nicht. Wir sind allein auf weiter Flur, wenn abgestimmt wird. Die Kleinen werden abgehängt, dabei haben wir ein wirklich lebendiges Gemeindeleben“, sagt sie. Sie ärgert sich auch über geänderte Regeln zur Stellenbesetzung: „Früher, zur Zeit des vorherigen Superintendenten Dr. Karl-Hinrich Manzke, gab es viele Faktoren, die berücksichtigt wurden über die Zahl der Mitglieder hinaus: Gottesdienstbesuche, Kirchengruppen, Konfirmanden. Heute zählt nur noch die nackte Zahl der Mitglieder.“ 2300 bis 2500 braucht es für eine volle Stelle, Bagband hat nur etwa ein Viertel.

Und noch etwas ärgert sie: „Die Zentrale in Aurich ist weit weg von den Menschen. Kirchenkreismusiker, die wir alle bezahlen, sind für den ganzen Kirchenkreis zuständig, lassen sich hier aber nicht blicken. Motettengottesdienste in St. Lamberti sind toll, aber es wäre schön, wenn man auch mal die Chöre auf den Dörfern weiterbrächte.“ Drei Mal sei man in Hannover gewesen, um sich gegen die pfarramtliche Verbindung zu wehren. „Landesbischof Ralf Meister hat uns aber zu verstehen gegeben, dass wir nicht wiederzukommen brauchen.“ Beim Widerstand gehe es auch nicht um Streit mit den Nachbarn in Strackholt. „Wir arbeiten an vielen Stellen zusammen. Feiern etwa das Missionsfest gemeinsam in Strackholt, am 28. August im Hilgenholt. Wir haben einen gemeinsamen Kreativkreis, um neue Formen kirchlichen Lebens zu entwickeln, wir gestalten den Weltgebetstag zusammen. Trotzdem hat jede der Gemeinden eigene Wünsche an ihren Pastor, beide möchten bei allem freundschaftlichen Miteinander eigenständig bleiben.“

„Kirche, die nur verwaltet, schafft sich ab“

Helmut Albers aus dem Kirchenvorstand in Strackholt pflichtet ihr bei: „Ich halte es für den falschen Weg. Da muss ein Pastor dann ein Gebiet von etwa 100 Quadratkilometern und zwei Kirchengemeinden betreuen. Das ist kaum zu schaffen.“ Aus Kostengründen habe man sich nach langem Ringen nun gegen eine Klage entschieden. „Sollten wir die verlieren, säßen wir mit Tausenden Euro an Verfahrenskosten zulasten der Gemeindekasse da.“ Den Kurs des Kirchenkreises sieht Albers von der Landeskirche gesteuert. „In der Stadt kann man mit Zahlen rechnen, aber nicht auf dem Dorf. Da stiftet Kirche noch Identität, da trifft man den Pastor auf dem Rad und schnackt. Kirche, die nur verwaltet, schafft sich doch ab.“

Die St.-Barbara-Kirche in Strackholt ist Heimat für gut 1800 Gemeindeglieder.
Die St.-Barbara-Kirche in Strackholt ist Heimat für gut 1800 Gemeindeglieder.

In Bagband hofft man, dass Pastorin Elske Oltmanns über den Eintritt ins Rentenalter hinaus bleibt, zumal sie nicht verbeamtet ist. Albers sagt: „Wenn es soweit ist, dass für beide Gemeinden ein gemeinsamer Pastor gesucht werden muss, werden wir uns natürlich zusammensetzen.“ Fenna Bohlen sagt: „Wir werden versuchen, das Beste draus zu machen. Wie das dann aber in der Praxis aussieht, müssen wir sehen.“

„Das ist eine Realität, die wir akzeptieren müssen“

Auf der Homepage des Kirchenkreises Aurich heißt es: „Unsere Kirchen sind Schatzhäuser des Glaubens. Sie erzählen alle Geschichten des Glaubens hier vor Ort. Ihr schönster Schmuck sind die Menschen, die sie aufsuchen und mit Leben füllen. Von ihnen gibt es Gott sei Dank viele bei uns.“ Superintendent Tido Janssen sagt aber auch: „Kirche verändert sich. Das ist eine Realität, die wir akzeptieren müssen.“ Die Kriterien für die Pfarrstellenzuweisung habe der Stellenplanungsausschuss der Synode, in dem er selbst nicht stimmberechtigt sei, entwickelt.

Die geplanten Kürzungen für Bagband und Strackholt habe die Synode Ende 2015 abgesegnet. „Seitdem wissen die Gemeinden, dass es so kommen wird. Seitdem hätten sie Zeit gehabt, gemeinsam ein Konzept zu entwickeln. Auch eins, indem einem künftigen Stelleninhaber ermöglicht wird, an beiden Orten weiter jeden Sonntag Gottesdienste zu feiern. Das kann auch über Lektoren oder Lektorinnen erfolgen. Das sind Absprachen, die man treffen muss: Was ist uns wichtig, was ein Pastor macht?“, so Janssen. „Eins zu eins wie vorher wird es nicht gehen können.“

Janssen räumt ein, dass die Viertelstelle in Ihlow „offiziell nicht ausgefüllt werden kann“. Weil man als politisches Signal aber hoffe, dass es zukünftig wieder möglich sein werde, kirchlich an der Klosterstätte mitzuarbeiten, habe man sie so im Stellenplan belassen – aber für Öffentlichkeitsarbeit umgewidmet, die so von einer viertel auf eine halbe Stelle gewachsen ist. „Irgendwer muss schließlich auch die Homepage betreuen“, so Janssen. Dort wurden unter Neuigkeiten zuletzt ein bis fünf Beiträge pro Monat eingestellt. Zudem schaffe man zentral in Aurich ein Sekretariat, um die Theologen von Verwaltungsaufgaben vor Ort zu entlasten und ihnen mehr Zeit für Gemeindearbeit zu verschaffen. „Ich kann die Gemeinden nur ermuntern, das anzunehmen und keine Skepsis walten zu lassen.“ Wie die personell ausgestattet werden sollen, ist offiziell noch nicht bekannt. Überdies habe der Kirchenkreis Geld locker gemacht, um die eigentlich schon für Ende 2020 geplanten Stellenkürzungen herauszuzögern – bis zum Renteneintritt der Pastoren in Bagband und Strackholt im Verlauf des kommenden Jahres. „Wir kommen da durchaus entgegen. Aber wir können die Augen auch nicht vor der Realität verschließen, dass die Gemeinden und wir als Kirchenkreis schrumpfen“, sagt Janssen.

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