Gelsenkirchen Rolling Stones auf Schalke: Warum sind die noch so jung und so gut?
Zwei Stunden lang volle Power: Die Rolling Stones wissen immer noch, wie sie ihr Publikum begeistern können. Auch wenn sie nach dem Tod von Charlie Watts nur noch zu dritt sind.
Da stehen die Rolling Stones seit jeher für das rotzlöffelige im Rock ’n’ Roll, für Drogen und Alkohol, für Frauen und Sex, für ein Leben im Übermaß, für „It’s only Rock ’n‘ Roll“, für eine Musik, die nur eine Rechtfertigung braucht: „I like it, like it, yes, I do“ – mir gefällt’s, Punkt. Und dann spielt diese Band im 60. Jahr ihres Bestehens – in Worten: im sechzigsten! – eine Tour, deren Konzerte mit politischen Botschaften durchzogen sind?
Viele von den 44000, die am Mittwoch in die Veltins-Arena in Gelsenkirchen gekommen sind, haben die Stones durch die sechzig Jahre Bühnenkarriere begleitet und umgekehrt. Da gibt es Männer, die die lange Mähne in voller Pracht ins Alter hinübergerettet haben, auch wenn sich die Stones-Zunge auf dem T-Shirt ein bisschen über dem wohlsituierten Bierbäuchlein wölbt.
Es gibt die, die aussehen, als wären sie früher mit Friedrich Merz auf der Mofa um die Wette durchs Sauerland gebraust, es gibt die Ehepaare, die man eher in Smoking und Abendkleid auf dem Bayreuther Hügel vermuten würde als mit Pullover über der Schulter und Designer-Sneakers auf Schalke. Zahnarzt- und Bankdirektorenväter kommen mit ihren Zahnarzt- und Direktorensöhnen, und Männer im reifen Alter gibt es, die sich ein Tuch um die Stirn gebunden haben, weil ihnen niemand sagt, dass das nur Keith Richards darf und bei allen anderen Männern reiferen Alters lächerlich aussieht.
Ja, es ist, zumindest gefühlt, eine männerdominierte Clique, die sich auf Schalke getroffen hat, ein gigantisches Abi- oder Erstsemestertreffen nach all den Jahren; vielleicht sind deshalb die Schlangen vor den Männerklos genausolang wie die vor den Frauentoiletten. Und es sind weniger gekommen als erwartet, weshalb der Schwarzmarkt drei Karten zum Preis von zweien verschleudert.
Wie auch immer. Um 20.50 Uhr spielen die Techniker das Charlie-Watts-Tribut ein, Filmschnipsel, mit denen die verbliebenen drei Stones und ihre Fans des im letzten Jahr verstorbenen Drummers gedenken, und da ist der Jubel schon riesig. Eine Minute später kommen die leibhaftigen drei Stones auf die Bühne, Keith Richards vorne weg, und legen mit „Street Fighting Man“ los: Das ist der Moment, wo Altfreaks und Bankierssöhne zum Kollektiv verschmelzen, niemand sieht mehr lächerlich aus, die Mutter, die ihren Sohn mitgebracht hat (oder waren es Oma und Enkel?) freut sich tanzend und schwingend, und so bleibt es die nächsten zwei Stunden.
Weil die Stones zwar auf die 80 zugehen – Mick Jagger wurde am Tag vor dem Konzert 79 Jahre alt –, aber fit sind, als gäbe es für sie kein Alter. Umso charmanter sind sie: „Gluck auf“, sagt Mick Jagger zur Begrüßung, und natürlich weiß er, dass er nicht in, sondern „auf Schalke“ ist.
Trailer zur „Sixty“-Tour:
Natürlich ist die Show ein Riesenspektakel. Das Bühnenportal erinnert an den Stones-Mund, aus dem die Laufsteg-Zunge 30 Meter lang ins Publikum ragt, drei Videoleinwände bringen das Bühnengeschehen optisch nahe, werden aber auch zur Abspielfläche für allerlei Videokunst, die mal die Stones-Männer umrahmt wie ein Bilderrahmen, mal mit eigens gedrehten Clips die Musik illustriert und manchmal mit der Bühne, dem Licht, der Musik zu einem surrealen Ganzen verschmilzt. Das ist schon mehr als nur Rock ’n’ Roll.
Dieses Klischee haben die Stones ja selbst widerlegt, Ende der 1960er-Jahre mit „Street Fighting Man“, im April 2020 mit „Living in a Ghost Town“, das zum Kommentar auf das stillgelegte Leben während des ersten Lockdowns geworden ist. Und dann natürlich „Gimme Shelter“: Da weht am Ende die ukrainische Flagge auf den Videoleinwänden, bevor sie hinter Bildern von zerbombten Häusern verschwindet.
Dennoch bleiben die Rolling Stones mit ihren ikonischen Songs eine Rock ’n’ Roll-Band. „Honky Tonk Women“, „Start Me Up“, „Jumpin‘ Jack Flash“: Mit dem ersten Ton, den Keith Richards in die Gitarre drischt, weiß jeder Bescheid. Im sechzigsten Jahr überwältigt die Band nun durch ihre pure Energie – Soli sind rar und wenn, dann überschaubar; wir sind ja nicht bei Led Zeppelin.
Zwar rast und hüpft Mick Jagger nicht mehr wie von der Tarantel gestochen über die Bühne, sondern hat ein, zwei Gänge zurückgeschaltet. Aber er singt immer noch wie ein Junger – mit seiner fülligen Rebellenstimme genauso wie bei „Miss You“ im Falsett –, animiert mit wedelnden Armen das Publikum, ist immer in Bewegung.
Ron Wood lässt die Gitarre aufjaulen wie einen Dinosaurier im U-Bahn-Tunnel, Keith Richards donnert die musikalischen Signets ins Stadion und freut sich riesig darüber, und dann stärkt die drei ja noch ihre fantastische Band. Da ist der bewährte Chuck Leavell an den Tasten, da ist Bassist Darryl Jones. Und da ist vor allem Steve Jordan, der Charlie Watts am Schlagzeug beerbt hat. Der, wie Charlie Watts, kein Schlagzeuggebirge braucht, sondern ein paar Drums der Firma Gretsch. Der, wie Charlie Watts, den linken Drum-Stick wie ein Jazzer zwischen Daumen und Zeigefinger legt, weil das einfach mehr swingt. Der zum Quell der unerschöpflichen Band-Energie wird. Wie Charlie Watts.
„Wir vermissen ihn sehr“, sagt Mick Jagger am Anfang der Show, und wenn die drei verbliebenen Stones bei „Midnight Rambler“ ganz eng zusammenstehen, ist das vielleicht nicht nur, weil sie sie sich da ihrer Blueswurzeln erinnern, sondern weil sie spüren, wie eng sie zusammenstehen müssen, sollen die Stones eine Zukunft haben. Doch nach „Let’s Spend The Night Together“ und „You Can’t Always Get What You Want“, nach „Paint it Black“und „Sympathy For The Devil“, nach all den Hits, weiß man: Die drei finden immer noch keine „Satisfaction“. Erfüllung finden Mick Jagger, Keith Richards und Ron Wood auf der Bühne, als Rolling Stones. Nach diesem Abend auf Schalke wissen wir: Gut so.