Interview mit Bestseller-Autor  Ist am 28. Juli der „Erdüberlastungstag“ oder ist das Panikmache?

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 27.07.2022 21:48 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 12 Minuten
Mit zunehmender Erderwärmung werden auch in Deutschland die Flächen größer, die von Waldbränden betroffen sein werden, sagt Buchautor David Nelles. Das Foto zeigt ein Feuer im Nationalpark Sächsische Schweiz. Foto: Michael/dpa
Mit zunehmender Erderwärmung werden auch in Deutschland die Flächen größer, die von Waldbränden betroffen sein werden, sagt Buchautor David Nelles. Das Foto zeigt ein Feuer im Nationalpark Sächsische Schweiz. Foto: Michael/dpa
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An diesem Donnerstag soll der „Erdüberlastungstag“ sein – an dem die Ressourcen aufgebraucht sind, die weltweit in einem Jahr regenerieren können. Wir haben mit Bestseller-Autor David Nelles darüber gesprochen.

Ostfriesland/Friedrichshafen - „Wir haben uns extrem darüber geärgert, wie emotional das Klimathema in der Öffentlichkeit diskutiert wird“, sagt David Nelles. Mit Christian Serrer hat er beschlossen, ein Buch über den Klimawandel zu schreiben: „Kleine Gase – Große Wirkung“ wurde zum „Spiegel“-Bestseller.

Den beiden Studenten vom Bodensee war es wichtig, den Stand der Wissenschaft leicht verständlich, mit kurzen Texten und vielen Grafiken darzustellen. Außerdem sollte der Preis für dieses „Kinderbuch für Erwachsene“ kein Hindernis sein, um sich zu informieren, wie Nelles erklärt. „Das Buch sollte nicht mehr kosten als eine Pizza – nämlich zwischen fünf und zehn Euro.“ Weil sie keinen Verlag fanden, der vollfarbig und klimaneutral zu diesem Preis drucken und vermarkten wollte, haben sie gleich noch einen eigenen Verlag gegründet – und inklusive Versand und Marketing alles selbst erledigt: www.klimawandel-buch.de. Dem Bestseller folgte nun ein zweiter Band über die „Klimalösung“. Der Titel: „Machste dreckig – Machste sauber“. Anlässlich des Erdüberlastungstags, der an diesem Donnerstag sein soll, hat unsere Redaktion mit David Nelles gesprochen.

Am 28. Juli ist der sogenannte Earth-Overshoot-Day, der Erdüberlastungstag. Demnach sind die Ressourcen, die für das Leben weltweit in einem Jahr erneuerbar sind, schon jetzt verbraucht. Ist die Erde überhaupt noch zu retten?

David Nelles: Ja, ist sie! Genauso, wie es niemals für die Menschheit zu spät sein wird. Weil wir werden als Menschheit auch eine fünf oder sechs Grad wärmere Welt überleben – die Welt wird nur schlichtweg eine andere sein. Wir dürfen nicht den Eindruck vermitteln: „Wenn die Zwei-Grad-Grenze reißt, ist alles vorbei.“ Das sorgt nur dafür, dass die Menschen den Kopf in den Sand stecken. Mit der Haltung, „es ist sowieso alles zu spät“, kommen wir nicht weiter.

Aber was würde das bedeuten, wenn sich das Klima noch mehr erwärmen würde?

David Nelles. Foto: Privat
David Nelles. Foto: Privat

Nelles: Also bei einer 1,5 Grad wärmeren Welt leiden ungefähr 200 Millionen Menschen mehr an Wasserknappheit – im Vergleich zu heute. Bei einer zwei Grad wärmeren Welt sind es 400 Millionen Menschen. Das heißt, es wird halt mit jedem Zehntel Grad immer ein bisschen schlimmer. Es werden sozusagen die Daumenschrauben immer weiter angezogen. Die Daumen sind noch dran, aber es tut halt immer mehr weh. Deshalb lohnt es sich, um jedes Zehntel Grad zu kämpfen! Aber Aussterben wird die Menschheit durch den Klimawandel nicht.

Wie sieht das in einem Land wie Deutschland aus, in dem wir seit langem auf Kosten von Menschen in anderen Teilen der Erde leben – heißt das, wir können uns doch noch ein bisschen Zeit mit dem Klimaschutz lassen, weil wir auch in einer mehr als zwei Grad wärmeren Welt zurechtkommen?

Nelles: (lacht) Nee, das sollten wir nicht tun. Auch in Deutschland werden beispielsweise mit jedem Zehntel Grad die Niederschläge mehr. Oder betrachten wir den Mittelmeerraum: Bei eineinhalb Grad mehr, werden die Waldbrandflächen dort um 40 Prozent größer sein, bei zwei Grad um 60 Prozent. Auf Deutschland trifft das in ähnlicher Weise zu. Daher geht es auch für uns um jedes Zehntel Grad. Wir werden nicht in jedem Jahr eine Hochwasserkatastrophe wie im vergangenen Jahr im Ahrtal haben, aber solche Ereignisse könnten dann immer öfter auftreten.

Was bedeutet der Klimawandel für die Küstenregion – können die Deiche auch in Zukunft Sicherheit bieten?

Nelles: Natürlich gibt es ein technisches Limit, also wenn der Meeresspiegel um mehrere Meter ansteigen würde – dann wäre die deutsche Nordseeküste in der heutigen Form nicht mehr vorstellbar. Momentan haben wir einen Meeresspiegelanstieg von ungefähr drei Millimetern pro Jahr – das heißt, es ist nicht so, dass von heute auf morgen die große Flut kommen würde. Aber in ein paar hundert Jahren könnte der Anstieg so groß sein, dass die Küstenlinie zurückgebaut werden müsste – falls sich das Klima um mehr als zwei Grad erwärmt.

In einer E-Mail vor unserem Gespräch haben Sie erwähnt, dass Sie auch die Berechnungsgrundlage des Erdüberlastungstags kritisch sehen – warum?

Nelles: Die Botschaft des Earth-Overshoot-Day ist es ja, dass wir Menschen jedes Jahr mehr Ressourcen verbrauchen als sich innerhalb eines Jahres wieder regenerieren können. Bei der Berechnung dieses Tages werden aber zwei Probleme vermischt, die extrem wichtig sind, aber so nicht wirklich zusammenpassen: der Ressourcenverbrauch und der Klimawandel. Beim Klimawandel geht es aber nicht darum, dass wir zu viele Ressourcen verbrauchen, sondern darum, dass wir zu viel Kohlenstoffdioxid ausstoßen. Das ist aber natürlich eine ganz andere Frage als beispielsweise die, wieviel Lithium als Rohstoff für die Batterie-Produktion noch im Boden ist. Trotzdem wird das Kohlenstoffdioxid über Umwege miteinberechnet und macht so etwa 60 Prozent des Earth-Overshoot-Days aus. Ohne die Klima-Rechnung reichen uns die Ressourcen daher für das ganze Jahr – dann wäre der Earth-Overshoot-Day erst im nächsten Jahr. Dieser Tag vermittelt also einen falschen Eindruck. Das heißt aber natürlich nicht, dass wir unsere Ressourcen verschwenden sollten, wir dürfen nur nicht anfangen, zu überdramatisieren.

Dass beim Klimaschutz dringendst etwas passieren muss, war im jüngsten Bundestagswahlkampf das Top-Thema. Aktuell verstärken kriegsbedingte Energiepreis-Explosionen den Handlungsdruck sogar noch. Faktisch wird jetzt aber an Übergangslösungen gearbeitet, die nicht unbedingt Übergangslösungen bleiben. In der Nordsee soll beispielsweise vor der Insel Borkum nach Gas gebohrt werden. Wie bewerten Sie die aktuelle Entwicklung?

Nelles: Also die Entwicklung, dass man bei Leuten Gas einkauft, die einem genauso wenig sympathisch sind wie der russische Präsident Putin, das ist leider eine Notwendigkeit, um unsere Energieversorgung sicherzustellen. Aber eine Gasplattform zu bauen, damit die uns in ein paar Jahren Gas liefern kann, das uns von Russland unabhängig machen soll, das ist der absolut falsche Weg. Denn dadurch bekommen wir noch mehr Infrastruktur für fossile Energie, die wir – wenn wir klimaneutral werden wollen – in zehn bis 15 Jahren wieder abbauen müssten. Also das ist Quatsch. Wenn wir jetzt neue Projekte anfangen, dann helfen die uns sowieso nicht akut. Wir brauchen das Gas ja für diesen Wetter. Wenn wir neue Großprojekte starten, müssen wir auf erneuerbare Energie setzen.

An was für Projekte denken Sie dabei?

Nelles: Statt einer Gasplattform nahe der Nordseeküste sollten wir lieber Photovoltaik-Parks in Nordafrika bauen, die die Elektrizität dann nach Europa transportieren oder Wasserstoff vor Ort produzieren. Ds sind jetzt die Mega-Infrastrukturprojekte, die wir brauchen.

Die Preisexplosion, die wir gerade erleben, ist ja ein marktwirtschaftliches Phänomen. EWE-Chef Stefan Dohler hat kürzlich in einem Gespräch mit unserer Zeitung gesagt, er halte den Gaspreis am Weltmarkt für übertrieben. Ist der Kapitalismus Teil des Problems oder Teil der Lösung?

Nelles: (lacht) Das kommt darauf an, wie man den Kapitalismus aufbaut. Er kann sowohl Problem sein als auch Lösung. Wir leben ja seit langem im Kapitalismus – und wir haben das Klimaproblem und wir haben noch ganz andere große Umweltprobleme. Die resultieren natürlich aus unserer Lebensweise – aus unserem Wohlstand, der vor allem auf der Ausbeutung der Erde beruht. Der Kapitalismus kann aber auch Teil der Lösung werden, wenn entsprechende Gesetze gemacht werden – wie beispielsweise zum Kohleausstieg. Die Vorstellung jedenfalls, man schafft den Kapitalismus ab und dann hat man das Klima-Problem gelöst, ist Quatsch.

Warum?

Nelles: Folgendes Beispiel: Ende der 80er Jahre gab es noch die DDR. In der kapitalistischen Bundesrepublik war die Wirtschaftsleistung sieben Mal höher als in der DDR – aber der Kohlenstoffdioxid-Ausstoß pro Kopf war in der DDR doppelt so hoch. Das zeigt, dass die Frage, ob man umwelt- oder klimafreundlich lebt, nicht eine Frage von Kapitalismus, Sozialismus oder etwas anderem ist, sondern welche Gesetze man hat. Demokratie ist dabei sinnvoll. In der Bundesrepublik konnten sich die Leute beschweren und sagen: „Der Himmel soll wieder blau werden über dem Ruhrgebiet.“ Dann haben die Politiker das umgesetzt. In der DDR, wo die Leute sich nicht frei äußern konnten, war dem Regime die Umwelt scheißegal. Es kommt also wirklich auf die Gesetze an.

Auch China ist ja eine Diktatur, eine riesige Diktatur – wird daran der globale Klimaschutz scheitern?

Nelles: Das ist eine spannendes Beispiel. Ich habe das Gefühl, dass wir gerade nicht checken, dass das chinesische System weltweit mit der Demokratie nach dem europäischen und amerikanischen Modell konkurriert. Die Menschen in Indien, in Südamerika oder im südlichen Afrika sehen: Die Chinesen haben es innerhalb von 20 Jahren hingekriegt, sich großen Wohlstand aufzubauen. Wenn die Chinesen es jetzt noch hinkriegen, in den nächsten 15 bis 20 Jahren schneller klimaneutral zu werden als es die Europäer schaffen, dann haben wir ein Legitimationsproblem. Und daran arbeiten die Chinesen. Da besteht wirklich die Gefahr, dass mehr Länder dem chinesischen Beispiel folgen als dem europäischen. Auch das sollte uns Ansporn sein, möglichst schnell klimaneutral zu werden.

In einer Demokratie handelt nicht nur der Staat, sondern jeder Bürger hat große Freiheiten. Was kann jeder persönlich tun, um den Klimawandel zu stoppen beziehungsweise den Ressourcenverbrauch zu reduzieren?

Nelles: Das Allereinfachste ist es, zu einem Ökostrom-Anbieter zu wechseln. Ansonsten sind es die altbekannten Klassiker: Weniger tierische Produkte essen, häufiger Fahrrad statt Auto fahren, die Ölheizung durch eine Wärmepumpe ersetzen – das sind wirklich die Sachen, die einen großen Beitrag leisten. Vor allem ist es aber wichtig, das habe ich bei mir selbst erlebt, seine eigene Denkweise zu verändern. Das heißt, nicht jedem Trend hinterherzulaufen. Nich immer das neueste I-Phone haben müssen. Urlaub in der Region statt am Ende der Welt. Das ist auch entspannter, als 16 Stunden im Flugzeug zu sitzen. Wenn man ein bisschen entschleunigter lebt und nicht jedem Trend hinterherhechelt, dann lebt man klimafreundlicher und gleichzeitig deutlich entspannter. Jeder, der Lust auf ein entspanntes Leben hat, kann es ja mal ausprobieren.

Sie hatten gerade auch die Gesetze angesprochen, auf die es ankomme – was ist da aus Ihrer Sicht besonders dringlich?

Nelles: Also eine ganz, ganz, ganz wichtige Sache ist, dass wir aufzuhören, das Klimaproblem als nationale Frage zu betrachten. Es gibt ganz viele Länder auf der Welt, die wollen zu Wohlstand kommen. Die gehen den Weg über Kohlekraftwerke. Das ist billig und einfach. Wir müssen mit solchen Ländern kooperieren – und zum Beispiel die erwähnten Photovoltaik-Parks in Nordafrika aufbauen. Dann haben die Menschen vor Ort günstige Energie und es kann Wohlstand entstehen. Gleichzeitig können wir diese günstige Energie von dort einkaufen. Es kann Wasserstoff hergestellt werden, der nach Europa transportiert werden kann. So können wir die Energiewende schaffen. Diese grenzüberschreitenden Projekte sind wichtig. Natürlich könnte es theoretisch auch funktionieren, dass sich Deutschland alleine mit Energie versorgt. Aber das wäre erstens viel zu teuer. Und zweitens müssen wir das so regeln, dass wir andere mit ins Boot nehmen.

Ebenfalls ein globales Thema sind ja die Regenwälder, die als grüne Lunge der Erde gelten. Haben sie die Hoffnung, dass deren Zerstörung gestoppt werden kann?

Nelles: Man muss sich knallhart anschauen, warum die abgeholzt werden. Und da sprechen die Zahlen für sich. Zwei Drittel der Flächen, die gerodet werden, werden für den Anbau von Futter verwendet, das in der Landwirtschaft an Tiere verfüttert wird. Weil der Konsum von tierischen Produkten weltweit immer weiter steigt und gerade in den Industrienationen extrem hoch ist. Die Regenwälder brennen also vor allem, um dort Futtermittel für die Tiere anzubauen. Wenn wir das stoppen wollen, dann muss – und das wollen die wenigsten hören – der Konsum von tierischen Produkten weltweit runtergefahren werden. Beziehungsweise er darf nicht weiter steigen. Denn sobald er nicht weiter steigt, brauchen wir keine neuen Flächen. Das ist eine extrem schwierige Aufgabe, das ist mir klar. Aber das ist letztendlich die einzige Möglichkeit.

Was Ernährung betrifft, vertreten sie ja auch die These, dass der Grundsatz „regional und saisonal“ ziemlich egal sei. Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Nelles: Es kommt, wenn es ums Klima geht, vor allem darauf an, was ich esse – und nicht darauf, woher mein Essen kommt. Wenn ich zum Beispiel das Rindersteak vom Bauern um die Ecke nehme, was ich früher auch ziemlich oft gekauft habe, und es mit einem Tofu-Schnitzel aus Brasilien vergleiche: Dann könnte man dieses Tofu-Schnitzel über 100 Mal mit dem Schiff um die Erde schicken – erst dann wäre es klimaschädlicher als das Rindfleisch. Das zeigt einfach ganz deutlich: Es kommt wirklich darauf an, was man isst – also vor allem weniger tierische Produkte. Das liegt daran, dass wir unfassbar große Container-Schiffe haben. Auf denen können so viele Waren transportiert werden, dass die Emissionen nicht mehr ins Gewicht fallen, wenn man das auf das einzelne kleine Produkt runterrechnet.

Wie würden Sie die Klimabilanz der Steaks von Wasserbüffeln bewerten, die künftig vermehrt in wiedervernässten Mooren beispielsweise in Ostfriesland weiden könnten?

Nelles: Wenn die Wasserbüffel dazu beitragen, dass die Moore wiedervernässt werden, dann kann es sehr gut sein, dass im Einzelfall solche Lösungen auch klimafreundlich sind. Aber wenn man jetzt wieder im globalen Kontext denkt, dann wird man es nicht schaffen, den Fleischhunger durch Wasserbüffel aus Mooren zu decken. Das ist lokal eine Lösung, die funktioniert. Aber wenn wir das Klimaproblem weltweit in den Griff bekommen wollen, dann geht die Rechnung leider nicht auf.

Zum Abschluss mal noch ganz allgemein gefragt: Was ärgert Sie am meisten, dass es gerade passiert oder eben nicht passiert?

Nelles: Am meisten ärgert es mich, wenn man mit dem Finger auf andere zeigt und sagt: „Die Chinesen sind schuld, die US-Amerikaner sind schuld – die machen nichts.“ Solange ich von mir weg zeige und sage, die anderen sind das Problem, so lange mache ich erst mal nichts. Das haben wir die letzten 30 bis 40 Jahre so gehandhabt. Und man muss sich eingestehen, dass jeder beziehungsweise fast jeder auf der Welt ein Teil des Problems ist, wir daher aber auch alle Teil der Lösung werden können. Wenn wir uns das nicht eingestehen, werden wir das mit dem Klima nicht hinbekommen. Das wird nur funktionieren, wenn wir es gemeinsam anpacken.

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