Dokumentation über Familie Wolff Mit Spielzeuglok vor Nazis geflüchtet
Eine filmische Dokumentation erzählt das Schicksal der jüdischen Familie Wolff aus Aurich. Darin spielt eine kleine Lokomotive eine große Rolle. Willi Wolff hatte sie dabei, als er flüchtete.
Aurich - Die Dokumentation „El Tren de la Memoria“ („Der Zug der Erinnerung“) von Martha Wolff aus Argentinien hat eine auf den ersten Blick recht ungewöhnliche Protagonistin. Es geht nämlich um eine alte Spielzeuglokomotive.
Dass jetzt auch das Auricher Historische Museum diesen Film bekommen hat, geschah aus gutem Grund. Denn in Ostfriesland begann der Zug seine große Reise, die nicht für alle Beteiligten ein gutes Ende nahm.
Eine kleine Lokomotive zum Abschied
Martha Wolff war verheiratet mit Wilhelm „Willi“ Wolff, der am 30. Januar 2006 in Buenos Aires verstarb. Ursprünglich stammte er aus der jüdischen Gemeinde in Aurich, wo er am 28. Juli 1933 geboren wurde. Wilhelm lebte mit seinen Eltern Siegfried und Eva Wolff und seinem jüngeren Bruder Levy, der am 11. April 1936 das Licht der Welt erblickte, im Haus der Großmutter Henriette Wolff in der Wallstraße 56.
Um dem Nazi-Terror zu entfliehen, beschlossen Siegfried und Eva Wolff, mit ihren Söhnen Ostfriesland zu verlassen. Unmittelbar vor der Abreise erhielt Wilhelm von seiner Tante Bertha die kleine Spielzeuglokomotive als Geschenk. Willi und Levy Wolff zogen mit ihren Eltern im Juni 1936 zunächst ins niederländische Zaandam. Von dort wanderten sie 1938 nach Argentinien aus.
Tod in Auschwitz
Ihre Tante Bertha blieb noch in Aurich, bis es auch sie 1937 in die Niederlande verschlug. In Amsterdam heiratete sie Hans Gottheim, einen laut behördlichen Unterlagen als „nichtarisch“ eingestuften Musiker aus Berlin. Der erste Sohn des Ehepaares starb 1939 nach wenigen Wochen.
Am 30. April 1942 wurde der zweite Sohn Heinz geboren. Nur anderthalb Monate später kamen Bertha und ihr Baby mit einem der ersten Transporte in das Durchgangslager Westerbork. Anschließend wurden sie nach Auschwitz deportiert. Als Todesdatum der Mutter ist der 17. Juli 1942 angegeben. Vermutlich wurde auch ihr Sohn Heinz an diesem Tag ermordet. Der Ehemann Hans Gottheim starb am 6. August 1942 ebenfalls in Auschwitz.
Ein neues Leben in Argentinien
Berthas Neffen und deren Eltern überlebten den Holocaust. Wilhelm Wolff machte in Argentinien Karriere als Architekt. Sein Bruder wurde Teilhaber und später Besitzer einer gemeinsam mit seinem Vater geführten Importfirma. Da die Einheimischen den Namen Levy nicht gut aussprechen konnten, verpasste man ihm den Spitznamen „Tito“, was so viel wie „kleiner Onkel“ bedeutet.
Den wahren Wert der Spielzeuglokomotive lernten die Brüder erst zu schätzen, nachdem sie vom Schicksal ihrer Tante erfahren hatten. Seitdem hütete Wilhelm Wolff seine Lok wie einen Schatz und übergab sie an seinen Enkel Alejo, damit der die Geschichte um den „Tren de la Memoria“ weiterträgt.
Der Heimat verbunden
Die Erinnerung an ihre ostfriesischen Wurzeln hat die Familie stets bewahrt. 1992 besuchten Willi und Tito Wolff Aurich im Rahmen einer Begegnungswoche. Tito Wolff ist danach regelmäßig in seine Geburtsstadt zurückgekehrt – zum Beispiel, als 2018 vor seinem Elternhaus Stolpersteine für seine Familie verlegt wurden. Kürzlich war er erneut in Aurich, um die DVD mit dem Film seiner Schwägerin persönlich an die Leiterin des Historischen Museums, Brigitte Junge, zu übergeben.
„Bertha lebt dadurch in Gedanken weiter“, sagte Tito Wolff, der seine Tante niemals kennenlernen konnte, weil er noch ein Baby war, als seine Familie Ostfriesland verließ.Der Film erzählt die Geschichte von Bertha und der Familie anhand alter Fotos und Dokumente mit der Spielzeuglokomotive als Hauptfigur. Die Originalversion ist auf Spanisch, es gibt aber inzwischen eine Version mit deutschen Untertiteln. Das Museum hat die DVD in ihren Bestand integriert, der Film soll dort gezeigt werden.
Zurzeit läuft im Museum die Ausstellung „Menschen in der Wallstraße“. In den Häusern dieser Auricher Straße lebten viele jüdische Familien. Daran erinnern heute Stolpersteine - wie auch vor dem Haus der Familie Wolff.