Berlin  Droht eine neue Weltwirtschaftskrise?

Thomas Schmoll
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Von Thomas Schmoll
| 26.07.2022 15:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Pandemie, zerstückelte Lieferketten, Containerschiffe im Stau und ein Mangel an Arbeitskräften treffen auf künstliche Verknappung, steigende Preise und Unsicherheit in der Bevölkerung - eine Mischung, die gefährlich werden könnte. Foto: IMAGO/Sem van der Wal
Pandemie, zerstückelte Lieferketten, Containerschiffe im Stau und ein Mangel an Arbeitskräften treffen auf künstliche Verknappung, steigende Preise und Unsicherheit in der Bevölkerung - eine Mischung, die gefährlich werden könnte. Foto: IMAGO/Sem van der Wal
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Die Welt hat die Turbulenzen der vergangenen Jahre relativ gut überstanden, trotz aller Unkenrufe fiel die ökonomische Apokalypse aus. Doch was sich gerade zusammenbraut, hat eine andere Qualität.

Die Anlage zur Verflüssigung von Erdgas in Quintana, etwas mehr als eine Autostunde südlich von Houston in Texas gelegen, war nach jahrelangem Bau 2021 endlich in Betrieb gegangen, bevor sie diesen Juni eine Explosion lahmlegte. Das Unternehmen teilte mit, den Betrieb wegen der Reparaturarbeiten erst im September wieder aufnehmen zu können, aber wohl weitere drei Monate nur reduziert.

Die Preise für Flüssiggas in den USA sackten ab – in Europa aber schnellten sie nach oben, weil die Hiobsbotschaft aus Amerika hieß, dass der Rohstoff auf dem hiesigen Kontinent noch knapper wird, da die Anlage nicht liefern kann.

Ende 2019 – vor der Pandemie und dem Krieg in der Ukraine – wäre das eine Nachricht gewesen, die die Finanzmärkte nur marginal bewegt hätte. Jetzt aber führen Ausnahmen von der Normalität zu Kursanstiegen oder -abstürzen. Die Lage ist fragil wie seit Jahren nicht, es droht eine globale Rezession, gar eine Weltwirtschaftskrise, die das exportorientierte Deutschland hart treffen würde. Das Geschäftsmodell der Bundesrepublik, günstig eingekaufte Rohstoffe zu edlen Produkten zu verarbeiten und zu exportieren, ist akut in Gefahr. Die Bundesrepublik bewegt sich auf einen Konjunkturhänger zu – allein das Ausmaß ist nicht absehbar.

Aber sehr viele Fakten und Indizien sprechen für ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet mit einer globalen Rezession, der zweiten nach 2020. Gegenüber der Prognose von April senkte die Organisation ihre Vorhersage für die USA, China und Deutschland noch einmal deutlich. Wie sehr es die Bundesrepublik treffen könnte, zeigt der Ausblick für 2023: Der IWF traut ihr ein Wachstum von gerade noch 0,8 statt der bisher angesetzten 2,7 Prozent zu.

Zerstückelte Lieferketten als Folge der Null-Covid-Politik Chinas, Containerschiffe im Stau, ein Mangel an Lastwagenfahrer, fehlende Arbeitskräfte in der verarbeitenden Industrie, die nächste Corona-Welle treffen auf eine künstliche Verknappung von Rohstoffen, Nahrungsmitteln, steigende Preise und Unsicherheit in der Bevölkerung, deren Kaufkraft durch die Inflation sinkt. Über allem schweben die Gespenster einer neuen Euro-Krise, politischer Instabilität und ein Ende des Zusammenhalts des Westens. Schaffen es die Postfaschisten in Italien an die Macht, werden Kompromisse in der Europäischen Union noch schwieriger – Putin und Orban können sich die Hände reiben. Vermutlich setzen dann auch EU-Länder auf Protektionismus, der dem Welthandel weiter schadet.

Seit der Pleite der US-Bank Lehman Brothers bewältigt die Welt eine akute Krise nach der anderen, wobei das Staatsschuldenfiasko inklusive der Rettung Griechenlands Europa hart traf. Es folgte die globale Pandemie, nachdem Deutschland unmittelbar zuvor die weitgehend unkontrollierte Flüchtlingswelle zu meistern hatte, weil es Angela Merkel so wollte. Im Februar überfiel Russland die Ukraine und überzog das souveräne Land mit einem völkerrechtswidrigen Krieg. Jedes Mal litt die Wirtschaft unter der Entwicklung, gab Deutschland zig Milliarden aus, die Lage(n) zu beherrschen.

Die Welt hat die Turbulenzen vor dem Krieg in Osteuropa relativ gut überstanden, trotz aller Unkenrufe hat es die ökonomische Apokalypse nicht gegeben, der große Crash an den Börsen blieb aus. Was aber nicht heißt, dass er ein Ding der Unmöglichkeit ist und der Globus davor gefeit wäre. Die Welt ist mit Geld geflutet, das investiert werden will, die Schuldenstände der Staaten und Privathaushalte rund um den Erdball haben astromische Höhen erreicht. Für Deutschland wäre besonders kritisch, wenn die Versorgung der Industrie und Wohnhäuser mit Gas nicht mehr flächendeckend oder überhaupt nicht gesichert werden kann. Nicht auszudenken, fiele dann auch noch partiell der Strom aus.

Russland, von dem sich die Bundesrepublik unter Ex-Kanzlerin Merkel auf dem Gebiet fossiler Rohstoffe abhängig gemacht hat, wird den Gashahn zudrehen, wenn es dadurch Deutschland destabilisieren kann. Schon jede Aussicht auf oder tatsächliche Drosselung der Zufuhr lässt die Stimmung unter Managern deutscher Unternehmen in den Keller sacken, wie der überraschend starke Einbruch des Geschäftsklimaindex des Münchner Ifo-Instituts erst diese Woche zeigte. Gibt die Bundesrepublik Putin nach, wie es schon diskutiert wird, verrät sie die Ukraine.

Das sind die größten Sorgen in Deutschland:

Hinzu kommt Unsicherheit, weil alte volkswirtschaftliche Rezepte scheinbar nichts mehr taugen. Die USA versuchte vergeblich, die Inflation mit einer Erhöhung des Leitzinses in den Griff zu kriegen nach der guten alten Theorie: Mach das Geld teurer, dann kaufen die Leute weniger und die Preisbildung flacht ab. Der erhoffte Effekt stellte sich bisher nicht ein.

Die Europäische Zentralbank (EZB) steckt in dem – schon vor zwei Wochen an dieser Stelle beschriebenen – Dilemma: Erhöht sie den Zins weiter kräftig, wächst die Rezessionsgefahr vor allem in den wirtschaftlich schwächeren Euro-Ländern. Letztendlich steigt damit die Gefahr, dass die Krise der Gemeinschaftswährung zurückkehren könnte, was den Kontinent vor eine Zerreißprobe stellen würde, die härter sein wird als die davor. Reagiert die EZB nicht weiter oder zu zaghaft, fällt der Wert des Euro weiter hinter den US-Dollar zurück, was der deutschen Exportnation mehr schadet, als hilft und wahrscheinlich die Inflation treibt.

Das größte Risiko für die Weltwirtschaft besteht darin, dass es wie nie zuvor in den vergangenen Jahrzehnten an allen Ecken und Ende gleichzeitig lichterloh brennt und obendrein Herausforderungen wie der Klimawandel, das Artensterben und die Pandemiebekämpfung nicht global angegangen werden (können), die ebenfalls Einfluss auf die Produktion und den Handel haben. Die durch viele verschiedene Faktoren und Entwicklungen entstandene Gesamtsituation ist gleichermaßen sowohl ökonomisch als auch politisch brandgefährlich.

Schon wenn man sich vor Augen führt, was sich in Deutschland zusammenbraut, kann man nur hoffen, dass die Sicherheitsbehörden sehr aufmerksam und gerüstet sind. Rechtsradikale und -extremisten schüren mit Blick auf den Winter fleißig Ängste vor sozialem Absturz und befeuern Untergangs- und Bürgerkriegsfantasien. Wichtig wird zudem Deutschlands außenpolitische Positionierung sein, ob es unter seinen Verbündeten weiterhin als unsicherer Kandidat wahrgenommen wird. Früher oder später wird sich die Bundesrepublik ohnehin entscheiden müssen zwischen den USA und China, schon weil die Amerikaner genau das einfordern werden. Dann steht das deutsche Erfolgsmodell, sich nicht nur halbgar zu positionieren, um mit allen Geschäfte zu machen, endgültig auf dem Spiel.

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