Osnabrück Ist die 42-Stunden-Woche die Lösung für den Fachkräftemangel?
Ist die 42-Stunden-Woche die Lösung für den Fach- und Arbeitskräftemangel in Deutschland? Kritik kommt vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). BDA-Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter sieht Arbeitszeitgestaltung als Aufgabe der Tarifparteien.
Seit Jahren ist der Fachkräftemangel für Wirtschaftsbetriebe ein Thema. Daran haben auch die Corona-Pandemie und Lieferengpässe nichts geändert. Und es gibt kaum eine Branche, die aktuell nicht klagt: Zehntausende Handwerker fehlen, ebenso wie, Servicekräfte in der Gastronomie, Bodenpersonal am Flughafen oder Mitarbeiter im Maschinenbau, im Krankenhaus und der Pflege.
Das Resultat: Der Fachkräftemangel zählt in Umfragen unter Unternehmen in Deutschland regelmäßig zu einem der größten Risikofaktoren für die künftige Entwicklung. Dem DIHK-Fachkräfte-Report zufolge erwarteten zuletzt 85 Prozent der Firmen, dass sich der Fachkräfteengpass negativ auswirkt. Und mehr als die Hälfte findet keine passenden Arbeitskräfte, wie diese Statista-Grafik zeigt:
Geht es nach dem ehemaligen SPD-Chef Sigmar Gabriel, könnte eine 42-Stunden-Woche Abhilfe schaffen. Er ist nicht der Erste, der Mehrarbeit ins Spiel bringt, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken: Siegfried Russwurm, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), und Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), hatten zuvor Ähnliches gefordert. Und auch FDP-Chef Christian Lindner hatte im Juni vorgeschlagen, Wirtschaftskrise und Wohlstandsverlust mit “mehr Überstunden” zu begegnen.
Beim Deutschen Gewerkschaftsbund kommen solche Forderungen indes nicht gut an. „Längere Arbeitszeiten, egal ob innerhalb der Woche oder am Ende des Erwerbslebens, sind der fadenscheinige Versuch, die Herausforderungen von Alterssicherung und Fachkräftemangel allein auf dem Rücken der Beschäftigten zu stemmen – billige Scheinlösungen ohne sozialen Kompass”, kritisiert DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel gegenüber unserer Redaktion.
Aus ihrer Sicht ist ein solcher Vorschlag „komplett aus der Zeit gefallen”. „Wenn deutsche Unternehmen für junge, qualifizierte Menschen attraktive Arbeitgeber sein wollen, müssen sie Arbeitsbedingungen nach deren Bedürfnissen gestalten. Wer heute nach der 42-Stunden-Woche ruft, dem wird die Generation Z die kalte Schulter zeigen”, ist Piel überzeugt.
Denn die hat andere Ansprüche an ihren Arbeitsplatz als vorherige Generationen, so das Markt- und Medienforschungsinstituts Rheingold. Dazu gehört, dass die „Work-Life-Balance” eine entscheidende Rolle spielt. Der Job sollte nicht das Leben dominieren. Darauf verweist auch Piel. „Selbstausbeutung für Karriere ist für die Generation Z nicht attraktiv. Es lohnt der Blick auf diejenigen, die das hohe Lied der längeren Arbeitszeit singen. Ein Sprachrohr für die Jungen sind sie vermutlich schon lange nicht mehr.“
Aber auch aus anderen Gründen kritisiert das DGB-Vorstandsmitglied die Vorschläge zur 42-Stunden-Woche. Dazu zählt das anhaltend hohe Niveau von rund 1,7 Milliarden Überstunden pro Jahr, zum großen Teil unbezahlt, die Arbeitnehmer in Deutschland leisten. Zum anderen machten lange und überlange Arbeitszeiten nachweislich krank, so Piel.
Der Schlüssel zur Lösung des Fachkräftemangels liegt für Piel stattdessen unter anderem in der Aus- und Weiterbildung, aber auch Zuwanderung. „Deutschland braucht endlich ein modernes, unbürokratisches Zuwanderungsrecht”, sagte sie. Dazu zählt für sie eine leichtere Anerkennung von ausländischen Berufsabschlüssen. Und: „Zugewanderte müssen außerdem gemäß ihren Qualifikationen beschäftigt werden, sonst bleiben wertvolle Potentiale ungenutzt.“
Zuwanderung sieht auch Steffen Kampeter als einen Aspekt. Der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) sagte unserer Redaktion: „Der derzeitige Arbeitskräftemangel kann nicht mit den Instrumenten von gestern begegnet werden. Wir brauchen neue Antworten bei Zuwanderung, Lebensarbeitszeit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und sicherlich auch beim Arbeitszeitvolumen.”
Allerdings schränkt er bei Letzterem ein: „Arbeitszeitgestaltung ist Aufgabe von Tarifvertragsparteien oder Betriebspartnern. Schon heute sind Wochenarbeitszeiten von sogar mehr als 42 Stunden tariflich möglich und werden selbstverständlich vergütet. Das können die Sozialpartner schon heute regeln.“