„Ich hab‘n Puff...“  Viel Aufregung um wenig bei Ballermann-Hit „Layla“?

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 25.07.2022 19:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Brechend voll war Deckers Disco, als darin vor wenigen Wochen DJ Robin mit seinem Hit „Layla“ auftrat. Fotos: Fabian John/Deckers Disco
Brechend voll war Deckers Disco, als darin vor wenigen Wochen DJ Robin mit seinem Hit „Layla“ auftrat. Fotos: Fabian John/Deckers Disco
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Frauenfeindlich? Verachtenswert? Oder nur eine aufgebauschte Debatte? Was sagen Ostfriesen zur Diskussion über den aktuellen Nummer-1-Hit „Layla“?

Ostfriesland - Der Ballermann auf Mallorca, dort wo feierwilde und druckbetankte Horden im „Bierkönig“ und in Nachbarlokalen die Nächte durchtrinken und niedergrölen, ist zuletzt ins Gerede gekommen. Verantwortlichen auf der Insel ist der Sauftourismus ein Dorn im Auge. Gesetze sind schon vor zwei Jahren verschärft worden, jüngst wurden gleich acht Lokale geschlossen wegen Regelverstößen – und Gastronomen fordern weitere Verschärfungen, um der sturztrunkenen Horden Herr zu werden. Parallel ist in Deutschland und auch in Ostfriesland lebhaft über einen Party-Hit diskutiert worden, der seinen Weg vom Ballermann in die Bollerwagen-Boxen vieler Vatertags-Ausflügler und weiter bis an die Spitze der Charts gemacht hat. „Layla“ heißt er, stammt vom Duo DJ Robin & Schürze – und an ihm haben sich Diskussionen entzündet, nachdem er wegen als frauenverachtend eingeordneter Textzeilen auf einigen Volksfesten nicht mehr gespielt werden durfte oder soll: in Würzburg etwa, in Düsseldorf, bald auch auf dem Münchner Oktoberfest. „Ich hab’n Puff – und meine Puffmama heißt Layla. Sie ist schöner, jünger, geiler“, heißt es darin. Auch als „Luder Layla“ wird sie ein paar Mal bezeichnet. Seinen ersten Live-Auftritt in Deutschland hatte das Duo in Deckers Disco in Großefehn. Wie steht man in der Region zum Song – und zu Veranstaltern, die den Song auf ihren Festen nicht hören möchten?

Was und warum

Darum geht es: Ostfriesen reagieren relativ entspannt auf Debatte um den Ballermann-Hit „Layla“

Vor allem interessant für: Fans des Songs, Besucher von Volksfesten und Menschen, die Anstoß an politisch unkorrekten Textzeilen in Pop-Liedern nehmen

Deshalb berichten wir: Zuletzt gab es hitzige Debatten, nachdem die Ausrichter einiger Volksfeste festlegten, dass das Lied bei ihnen nicht gespielt werden darf.

Den Autor erreichen Sie unter: o.cordsen@zgo.de

Hendrik Becker, Betriebsleiter der Diskothek Deckers, sagt: „Im Grunde ist es ein Skandal, der gar keiner ist. Es ist ein Ballermann-Hit wie jeder andere auch. Nicht schlimmer als ,Dicke Titten – Kartoffelsalat‘ von Ikke Hüftgold, ,Joana (du geile Sau)‘ von Peter Wackel oder ,Zehn nackte Friseusen‘ von Mickie Krause, um die es keine solchen Diskussionen gab. Das ist völlig stumpf, klar. Aber die Sänger haben ja auch nie den Anspruch gehabt, differenzierte Sozialstudien und Geschlechterrollen-Betrachtungen anzustellen.“ Er persönlich halte etwa „17 Jahr, blondes Haar“ von Udo Jürgens für deutlich fragwürdiger, und es gebe auch im Deutschrap Texte mit sexistischen Frauenbildern, über Drogenkonsum und Gewalt, die man mindestens so kritisch hinterfragen könne. Zudem gebe es unter englischsprachigen Songs sehr eindeutige Texte, die seit Jahren unbeanstandet auf Partys gespielt werden. „Blurred lines“ von Robin Thicke und „Blow my whistle“ von Flo Rida etwa. „Ich finde das alles etwas aufgebauscht“, sagt Becker.

„So werden wir zu kränkbaren Wattebäuschen“

„Dass die Künstler selbst nach dem ersten Verbot sofort eine ,Rettet Layla‘-Petition gestartet und dadurch die Debatte befeuert haben, kann man auch als cleveres Marketing begreifen. Aber die Aktion finde ich gut, weil in unserer Gesellschaft immer häufiger Einzelne Anstoß an etwas nehmen, was in Verboten für alle mündet“, sagt Becker und fügt an: „So schürt man Egoismus, keine Toleranz. So werden wir zu kränkbaren Wattebäuschen. So lange keine Gesetze verletzt werden, sind Verbote auch nicht das Mittel der Wahl. Man darf auch mal etwas aushalten und tolerieren können, auch wenn es einem nicht gefällt – wenn andere daran Freude haben.“

Und wenn man auf der einen Seite fragwürdige Frauenbilder im Text kritisiere, dürfe man die Kritiker auch fragen, ob sie im selben Wimpernschlag nicht das legale Gewerbe der Prostitution und das Ansehen von Sexarbeiterinnen diskreditierten.

DJ Robin (links) posierte am Rande seines Auftritts in Großefehn mit dem Betriebsleiter von Deckers Disco, Hendrik Becker.
DJ Robin (links) posierte am Rande seines Auftritts in Großefehn mit dem Betriebsleiter von Deckers Disco, Hendrik Becker.

„Protest widersinnig – da er sich ins Leere richtet“

Annie Heger aus Spetzerfehn, selbst Bühnenkünstlerin, Kolumnistin und Mitbetreiberin einer Veranstaltungs- und Künstleragentur in Berlin, sagt: „Faktisch gibt es kein Verbot, darum ist das Gehabe der selbst ernannten Märtyrer*innen mir ein Rätsel und ihr sogenannter Protest widersinnig – da er sich ins Leere richtet.“ Sie finde erschreckend, „dass die Menschen sofort glauben, der Song müsste vor einer nicht vorhandenen Zensur gerettet werden, ohne zu hinterfragen, ob es wirklich eine gibt“. Auf der eigenen Hochzeit habe das Paar doch auch die Chance, dem DJ seine Musikwünsche zu unterbreiten und zu äußern, was es nicht hören möchte. „Als Veranstalterin finde ich, dass man immer das Recht haben muss, sagen zu können, was auf der eigenen Veranstaltung gespielt werden soll. Wir spielen ja auch nicht Mozart beim Wacken Open Air.“ Das habe lange noch nichts mit einem allgemeingültigen Verbot zu tun. „Und ja: Der Song ist sexistisch, die Frau objektifizierend, nicht wirklich weit und umfassend hinsichtlich der Lebensrealität von Sexarbeiter*innen gedacht. Ein Ballermann-Hit hat aber auch definitiv nicht diesen Anspruch. Es ist also nicht überraschend, und in die Werkschau diverser Mallorca- und Schützenfest-Stars reihen sich Songs ein, die dem natürlich in nichts nachstehen.“ Schlimmer gehe immer. „Heißt aber nicht, dass das weniger Schlimme, dadurch gut ist. Es muss immer einen Moment, eine Geschichte, ein Schicksal, einen Song geben, der uns Impulse gibt, über Dinge noch einmal neu nachzudenken“, sagt Annie Heger.

„Es gibt viele Lieder, die bewusst ein wenig provozieren“

Udo Hippen, Vorsitzender des Kaufmännischen Vereins in Aurich, der vor wenigen Tagen das örtliche Weinfest ausgerichtet hat, sagt: „Wir haben uns von der Aufregung nicht anstecken lassen – ungeachtet dessen, dass der Text des Songs fragwürdig ist. An zwei Abenden haben eh Musiker auf der Bühne gespielt, da hätte es eh nicht gepasst.“ Am dritten Abend des Festes war mit Olaf Henning („Cowboy und Indianer“) ein weiterer ballermannbekannter Schlagersänger und DJ zu Gast. „Aber auch da ist der Song nicht gespielt worden.“

Der über die Sendung „Bauer sucht Frau“ zu einer gewissen Popularität gelangte Thomas Willms aus Aurich-Dietrichsfeld bringt selbst unter dem Namen „Crazy Farmers“ mit seinem TV-Show-Weggefährten Kai Ruppel Partyhits heraus und hat mit „Lass mich dein Bauer sein“ kürzlich die dritte Single veröffentlicht. Er sagt: „Es ist ein Lied, das zur Erheiterung beitragen will, nicht mehr und nicht weniger – daran sollte man auch keine anderen Maßstäbe legen. Es gibt viele Lieder, die bewusst ein bisschen provozieren.“ Auch er grübelt, ob die Aufregung durch das Marketing der Künstler selbst angeheizt wurde. „Ich kenne viele deutlich heftigere Songs. Hier wird niemand beleidigt, wirklich Anrüchiges erkenne ich auch nicht. Das hier ist Quatsch, aber harmlos.“ Dank der Debatte blieb der Song jedenfalls auch in der fünften Woche in Folge auf Platz 1 der deutschen Single-Charts.

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