Fachkräftemangel Verkürzte Arbeitswoche bei gleichem Lohn trifft den Nerv der Zeit
Beim Auricher Unternehmen Rudnick gehen so viele Bewerbungen ein, wie nie zuvor. Die Aussicht auf mehr Freizeit bei vollem Lohn lockt die Bewerber – ein Konzept das Schule machen könnte.
Aurich - Die Personalerin Iris Dannholz der Auricher Möbel- und Bekleidungshäuser Rudnick ans Telefon zu bekommen, ist momentan nicht leicht. Sie erlebt gerade einen Bewerberansturm, den das Unternehmen bisher in diesem Ausmaß nicht kannte. „Wir erhalten sogar Bewerbungen auf Stellen, die wir gar nicht ausgeschrieben haben“, sagt Dannholz. Fünf bis sechs Bewerbungsgespräche führt sie momentan täglich.
Was und warum
Darum geht es: Dem Unternehmen Rudnick aus Aurich ist ein Coup gelungen. Es bietet vollen Lohnausgleich bei nur vier Arbeitstagen. Damit trifft es den Nerv.
Vor allem interessant für: Arbeitnehmer und Unternehmer, die nach Lösungen für den Fachkräftemangel suchen
Deshalb berichten wir: Auf der Seite des Unternehmens sind wir auf die Werbung für das neue Arbeitszeitkonzept aufmerksam geworden.
Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de
Das Gute: „Die Qualität der Bewerber ist so gut, dass die Auswahl wirklich schwerfällt“, sagt Dannholz. Viele bewerben sich aus festen Anstellungen. Das ist eine Situation, die auf dem aktuellen Bewerbermarkt ziemlich einzigartig ist. Die Ursache dafür sind verschiedene offene Stellenanzeigen und eine Werbung auf der Unternehmenswebseite: „Vier Tage arbeiten – drei Tage frei – bei vollem Gehalt“, heißt es darin. Und es ist, wie es geschrieben steht: Gearbeitet werden in Vollzeit auf Wunsch ab dem 1. August 36 Stunden statt der bisher üblichen 40 Stunden. Das Gehalt bleibt dasselbe.
Jeder kann das Angebot nutzen
Iris Dannholz klingt am Telefon, als wären Ostern und Weihnachten für sie auf einen Tag gefallen. Nicht nur als Personalerin freut sie sich über den Clou des Unternehmens, auch als Arbeitnehmerin. Denn das Angebot gilt für alle etwa 120 Mitarbeiter. Dannholz: „Jeder kann wählen, ob er zehn Prozent mehr Gehalt erhalten möchte oder lieber die Arbeitszeit reduziert.“ In der Situation habe sie noch mehr Spaß daran, die neuen Teammitglieder für das im Umbau befindliche Modehaus auszuwählen.
Auf die Idee mit dem neuen Arbeitsmodell war das Unternehmen bei einer internen Umstellung gekommen. „Wir wollen Energie sparen und zukünftig deshalb am Sonnabend früher schließen“, berichtet Geschäftsführer Ludwig Rudnick vom Hintergrund der Entscheidung. Sonnabend soll bereits ab 16 Uhr Schluss sein, da abends kaum noch Kunden in die Geschäfte kommen. „Aus diesem Anlass haben wir angefangen, die gesamte Struktur zu überdenken.“
Mehr Freizeit und weniger Spritverbrauch
„Manche möchten lieber weiterhin 40 Stunden arbeiten“, sagt Dannholz: „Aber viele nutzen das Angebot zugunsten einer besseren Work-Life-Balance.“ Mehr Zeit für Hobbys und für die Familie, leichtere Koordination bei der Kinderbetreuung. „Kollegen, die einen weiteren Anreiseweg haben, freuen sich, einen Tag weniger fahren zu müssen und so Sprit zu sparen“, sagt sie. Die Vorteile liegen auf der Hand und kommen bei den Bewerbern offenbar an.
„Das Arbeitsamt hatte uns sofort angerufen und gefragt, was bei uns los ist“, sagt Dannholz und lacht. Der Anruf kam von Heike Hippen vom Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit in Aurich. Sie wollte sich davon vergewissern, dass das Angebot auch wirklich so gut ist, wie es klingt – und ist begeistert: „Vier Stunden weniger in der Woche für das gleiche Gehalt zu arbeiten und dadurch einen ganzen freien Tag zu bekommen, bietet den Arbeitnehmern ganz neue Möglichkeiten“, sagt sie.
Der Arbeitsmarkt hat sich gewandelt
Die Lage auf dem Arbeitsmarkt habe sich in den letzten Jahren gewandelt: „Heute sind die Arbeitnehmer in der Pole-Position und sagen, wo es langgeht“, so Hippen. Schließlich sei Deutschland bei den Fachkräften nah an der Vollbeschäftigung. „Solche frischen Ideen kommen heute deshalb gut an.“ Viele Unternehmen ließen sich etwas einfallen, um Auszubildende und Mitarbeiter zu finden. Hippen spricht von „Goodies“ wie Hansefit für ein vergünstigtes Sportangebot, Firmenwagen oder geförderte Elektrofahrräder.
Auch die Bäckerbranche habe das schon durchgemacht, als es vor etwa drei Jahren ganz schlecht mit dem Nachwuchs aussah. „Der Wickingerbäcker hatte damals eingeführt, den Auszubildenden den Führerschein oder eine Reise nach Amerika zu zahlen, wenn sie die Ausbildung abschließen“, erinnert sich Hippen. Ähnliche Aktionen gebe es bei anderen Unternehmen auch. „In den meisten Branchen müssen sich die Firmen richtig etwas einfallen lassen, um neue Mitarbeiter zu finden.“ Einen Weg wie Rudnick gehe bisher allerdings kaum ein Unternehmen in der Region: „Das ist eine echte Kampfansage.“
Betriebskita und flexible Arbeitszeit
Auch der Auricher Windenergieanlagen-Hersteller Enercon setzt auf Zusatzangebote für die Mitarbeiter – mit dem Fokus auf die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freizeit. Dazu zählen flexible Arbeitszeiten mit wenigen Kernarbeitsstunden, unterschiedliche Teilzeitmodelle und bis zu 60 Prozent der Wochenarbeitszeit für mobile Arbeit. Außerdem gibt es eine eigene Betriebskita in direkter Nähe zum Arbeitsplatz. „Die Flexibilisierungsangebote werden von den Mitarbeitenden sehr gut angenommen“, heißt es aus der Presseabteilung.
Aus dem Möbel- und Modehaus Rudnick gibt es dafür sogar Zahlen: Laut Ludwig Rudnick nutzen etwa 70 Prozent der Mitarbeiter das Angebot, einen Tag mehr in der Woche frei zu nehmen. Die gewünschten Arbeitstage werden im Team abgesprochen und festgelegt. Die verkürzte Arbeitszeit oder alternativ zehn Prozent mehr Lohn gelten auch für die Teilzeitzeitkräfte. Viele Kollegen seinen anfangs fassungslos gewesen. „Die Logistiktruppe hat ganz verblüfft nach dem Haken gefragt“, sagt Dannholz lachend. Aber den gibt es nicht. Sechs Wochen Urlaub gibt es für alle nach wie vor. Auch sonst ändert sich nichts. Ob auch andere Unternehmen auf den Zug aufspringen, bleibt abzuwarten.
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