Hamburg Unsere Reporter erinnern sich: Mein Moment mit Uwe Seeler
Die Todesmeldung von Uwe Seeler sorgte auch in unserer Redaktion für große Bestürzung. Einige Reporter haben die HSV-Ikone früher einmal persönlich getroffen. Hier erzählen sie von ihren Begegnungen mit „Uns-Uwe“.
Uwe Seeler war das Idol meines Vaters. Er schwärmte von seinen Toren, aber auch von seiner Haltung als Sportsmann, als ich mit Fußball noch nichts anzufangen wusste. Mein Vater sorgte sich bereits, dass ich immun sein könnte für die Faszination des Fußballs. Aber dann schaute ich mit ihm im September 1965 erstmals ein Länderspiel am Fernsehen, es ging um die Qualifikation zur WM 1966; wir bangten und jubelten gemeinsam – und das entscheidende Tor schoss Uwe Seeler.
Ein paar Jahre später stand ich nach einem Freundschaftsspiel des HSV in Osnabrück mit pochendem Herzen zusammen mit fünfzig drängelnden Autogrammsammlern vor der Kabinentür, aus der irgendwann Uwe kam. Er erfüllte freundlich jeden Wunsch, machte ein bisschen Small-Talk und fragte mich irgendetwas, als ich an der Reihe war. Ich konnte vor Aufregung kaum antworten, aber mein Autogramm bekam ich – und einen Klaps auf die Schulter und den Satz: „Mal ruhig, min Jung!“
Vor ein paar Jahren schrieb ich einen kleinen Beitrag für ein HSV-Jubiläumsbuch und bat anstelle eines Honorars um eine Ausgabe des Werks mit einer persönlichen Widmung Uwes für meinen Vater. Nie hat er sich so über eins meiner Geschenke so gefreut.
Harald Pistorius, Jahrgang 1956, Sportredakteur Neue Osnabrücker Zeitung
Ich habe ihn nie live spielen sehen, keine seiner Triumphe im Stadion verfolgt und kein einziges Tor von ihm gefeiert. Und doch wirst du mir fehlen – Uwe Seeler. Als HSV-Fan schwebte der Name ohnehin seit Tag eins meines Fußball-Interesses über allem. Mein Vater ist ebenfalls HSV-Anhänger, die Leidenschaft wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Er selbst hat „Uns Uwe“ live erlebt. Seine Erzählungen über den einst besten Mittelstürmer der Welt faszinierten mich.
Umso aufgeregter, ja fast wie ein schüchterner Schuljunge, stand ich eines Tages vor der Legende Uwe Seeler. Dabei war ich bereits 22 Jahre alt, absolvierte ein Praktikum in der Sportredaktion eines großen Boulevardblattes. Das war der Grund, weshalb ich eine Heimniederlage des HSV gegen Augsburg von der Pressetribüne aus verfolgt hatte. Nach dem Spiel ging es in den VIP-Bereich. In einer Runde mit Journalisten und mir stand er auf einmal vor mir, Uwe Seeler – wumms.
Er lächelte mich an, reichte mir seine Hand und begrüßte mich mit einem herzlichen „Moin!“. Uwe Seeler kam auf mich zu, einem Praktikanten, wir hatten uns zuvor noch nie gesehen. Wie ein alter Bekannter fragte er mich nach meiner Meinung zum Spiel. Ich quetschte wirre Worte durch meine Lippen durch, er grinste, klopfte mir auf die Schulter und sagte: „Sehe ich genauso.“ Ich erinnere mich nicht mehr, was ich gesagt hatte. So oder so: Eine HSV-Legende stand vor mir, er behandelte mich wie einen alten Freund – bescheiden, warmherzig und grundsympathisch. Auch wenn es kitschig klingen mag: Ich war in diesem Moment der glücklichste Mensch auf Erden. „Nur der HSV“, mein lieber Uwe Seeler. Du wirst fehlen.
Kim Patrick von Harling, Jahrgang 1986, Adhoc-Team NOZ
Als ich ein kleiner Buttscher war, gab es im Fernsehen nur ein Programm – und das hat der kleine Harald wie ein Schwamm aufgesaugt. Fußball war nicht meine Welt und kam dort auch kaum vor. Das änderte sich kurz vor der Weltmeisterschaft 1966 in England. Und das Interesse hatte einen Namen: Uwe Seeler. Als ich neun Jahre alt war, steckte die Bundesliga in den Kinderschuhen, doch die Geschichte von dem Mittelstürmer, der nach einem Achillessehnenriss auf den Platz zurückkehrte, sorgte damals für Aufmerksamkeit. Ich habe jedes Spiel der WM 1966 gesehen. Auch heute noch hole ich mir bei Youtube die Erinnerung zurück, als der Fußball noch schwarz-weiß war und „Uns Uwe“ auch von einem Millionenangebot aus Italien nicht vom HSV wegzulocken war.
Riesengroß war meine Aufregung, als ich den Großen Uwe Mitte der Achtzigerjahre am Anfang meiner Reporterlaufbahn bei einem Prominentenspiel in Gudow erleben durfte. Die NDR-Auswahl mit dem bekannten Regisseur Jürgen Roland am Mikrofon, auf dem Platz unter anderem der unverwüstliche Carlo von Tiedemann, er über den Rasen kreiselte – und mittendrin Uwe, den alle nur beim Vornamen gerufen haben, nicht aus Respektlosigkeit, sondern weil er einer von uns war. Nach dem Spiel stand er geduldig Rede und Antwort, erzählte dem hörbar aufgeregten Zeitungsreporter geduldig und in seiner ruhigen und beruhigenden Art, was dieser wissen wollte.
Jahrzehnte später war er bei einer Feierstunde bei Fortuna Bösdorf im Kreis Plön zu Gast, überreichte einen Sack mit Fußbällen, überraschte die Anwesenden mit dem Hinweis, dass er auf dem Weg in die Sportschule in Malente oft in Bösdorf vorbeigekommen sei. Viele haben dankbar genickt. Der Weltstar Uwe Seeler war eben überall zu Hause. Dann wurde die Sportschule des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes in Bad Malente-Gremsmühlen in „Uwe-Seeler-Fußballpark“ benannt. Unser Volontär Christoph Käfer schoss vor sieben Jahren ein Foto von uns beiden, das ich in Ehren halte und jedes Jahr am 5. November bei Facebook zu seinem Geburtstag gezeigt habe. Das werde ich auch in diesem Jahr so machen. Ruhe in Frieden, Uwe!
Harald Klipp, Jahrgang 1957, Sportreporter beim Ostholsteiner Anzeiger in Eutin
Als langjähriger HSV-Reporter lief ich das eine oder andere Mal Uwe Seeler im Volksparkstadion über den Weg. Jedes Mal zuckte ich ehrfürchtig zusammen, doch dafür gab es keinen Grund, denn Uwe Seeler war wie immer freundlich und höflich und hatte immer ein nettes „Moin“ auf den Lippen.
Beim Hamburger Stadtderby am Millerntor gegen den Erzrivalen FC St. Pauli nutzte ich dann – ausnahmsweise – meine Chance und ging nach dem Spiel auf Seeler zu und fragte ihn, ob wir nicht ein Selfie machen können. „Na, klar“ – erklärte er norddeutsch nüchtern. Es ist neben der brasilianischen Fußballlegende Zico, das einzige Selfie, dass ich je mit einem Fußballspieler gemacht habe. Ehre, wem Ehre gebührt!
„Uns Uwe“ – mach‘s gut.
Alexander Barklage, Jahrgang 1979, Adhoc-Team NOZ