Begegnungen mit der HSV-Legende  Als ein Ostfriese in Liverpool zufällig Uwe Seeler traf

Maren Stritzke
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Von Maren Stritzke
| 22.07.2022 16:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Abschiedsspiel am 1. Mai 1972: Uwe Seeler wird auf den Schultern seiner Fans durch das Hamburger Volksparkstadion getragen. Foto: Imago
Abschiedsspiel am 1. Mai 1972: Uwe Seeler wird auf den Schultern seiner Fans durch das Hamburger Volksparkstadion getragen. Foto: Imago
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Michael Kortmann aus Westgroßefehn begegnete der HSV-Legende im Jahr 1996 kurz vor einem EM-Spiel in England. Auch andere Ostfriesen erinnern sich an unvergessliche Momente mit Uwe Seeler zurück.

Ostfriesland - Als Jann de Buhr am Donnerstag vom Tod Uwe Seelers erfuhr, musste er erst einmal innehalten. „In diesem Moment kamen sofort die vielen wunderbaren Fußball-Momente von damals wieder hoch.“ Der 77-Jährige aus Veenhusen saß am 1. Mai 1972 im Volksparkstadion, als die HSV-Legende das letzte Mal als Profispieler den grünen Rasen betrat. Seelers Abschiedsspiel verfolgten rund 62.000 Zuschauer. „Es herrschte eine sagenhafte Stimmung“, sagt Jann de Buhr. Er erinnert sich – wie andere Ostfriesen auch – gerne an die Erlebnisse mit einem der größten deutschen Fußballer aller Zeiten.

In seinem letzten Spiel trat der damals 36-jährige Uwe Seeler mit seinem Hamburger SV gegen eine mit internationalen Stars gespickte Auswahl an. Gegen die Gäste – unter anderem liefen George Best, Gordon Banks und Bobby Charlton auf – verlor die schwache Hamburger Mannschaft am Ende zwar mit 3:7, die Zuschauer bekamen immerhin aber zwei Seeler-Tore geboten. Beim letzten Treffer sei de Buhr aber sicher, dass die gegnerische Abwehr der HSV-Ikone den Weg freigemacht habe. „Die Verteidiger standen wie Statisten auf dem Platz“, erinnert sich de Buhr. Nach dem Spielschluss ließ sich Seeler von den Zehntausenden Fans feiern. „Das war für ihn ein absolut würdiger Abschluss“, sagt de Buhr.

„Ich war in diesem Moment so perplex, dass ich ihn auf Englisch ansprach“

Der Tod der HSV-Legende macht auch Michael Kortmann aus Westgroßefehn unheimlich traurig. „Mir blutet das Herz.“ Der 46-Jährige ist von Kindesbeinen an HSV-Fan und war ein großer Bewunderer von Uwe Seeler, der am Donnerstag im Alter von 85 Jahren verstarb. Kortmann begegnete dem 72-maligen Nationalspieler und DFB-Ehrenspielführer schon einige Male bei Spielen und Fanklubtreffen. Besonders gerne erinnert sich der Fehntjer aber an die persönliche Begegnung im Jahr 1996. Kortmann war mit drei Freunden zur Europameisterschaft nach Liverpool gereist. Vor dem Spiel Italien gegen Russland trafen die Ostfriesen die HSV-Ikone zufällig vor dem Stadion. „Ich war in diesem Moment so perplex, dass ich ihn auf Englisch gefragt habe, ob wir ein Foto machen könnten.“ Natürlich stellte sich Seeler für ein Erinnerungsbild zwischen die Freunde aus Ostfriesland. „Danach haben wir uns noch ein paar Minuten unterhalten“, erinnert sich Kortmann.

Michael Kortmann (rechts) und sein Kumpel Holger Dirks trafen Uwe Seeler zufällig vor einem EM-Spiel in Liverpool.
Michael Kortmann (rechts) und sein Kumpel Holger Dirks trafen Uwe Seeler zufällig vor einem EM-Spiel in Liverpool.
Seeler war es stets wichtig, trotz seiner enormen Beliebtheit normal zu bleiben. Und das war er auch in der Situation vor dem Stadion an der Anfield Road: „Er war einfach ganz normal“, bestätigt Kortmann. Nur einen Fehler hätte Seeler in seiner langjährigen Laufbahn gemacht. „Er hätte nie HSV-Präsident werden sollen.“ Seeler ließ sich dazu überreden, als Präsident zu kandidieren. Am 5. Oktober 1995 wurde er mit überwältigender Mehrheit gewählt. Doch seine Mitstreiter im Präsidium sorgten für Skandale, Seeler trat drei Jahre später zurück. Aus Kortmanns Sicht vertrat Seeler aber immer seine Tugenden Anstand, Ehrlichkeit und Fleiß.

Labskaus in Wittmund

In Ehren trägt er nach wie vor die Erinnerungsstücke der HSV-Legende – darunter ein Autogramm auf einem Doornkaat-Rechnungsblock. Auf diesem unterschrieb Seeler auf Bitten von Kortmanns Vater Gerhard, der mit der HSV-Mannschaft und Uwe Seeler 1969 im Hotel Helgoland in Westgroßefehn gemeinsam das ZDF-Sportstudio im Fernsehen sah. Die Hamburger Mannschaft war damals für ein Freundschaftsspiel nach Simonswolde gekommen.

Acht Jahre später kickte Seeler auch in Wittmund. Mit seiner Traditionself trat er im September gegen eine Wittmunder Stadtauswahl an. Der damalige und langjährige Fußballobmann Christian Laqua hatte die namhafte Gästemannschaft nach Wittmund geholt. 2500 Zuschauer sahen einen 4:0-Sieg der Seeler-Mannschaft. Nach dem Spiel ging es mit den prominenten Fußballern in die Gaststätte „Bei Bodo“. „Da wurde Labskaus gegessen. Für einige der Profis war es das erste Mal“, wird Christian Laqua in einem alten Zeitungsbericht zitiert.

„Ihr müsst Ostfriesen sein“, sagte Seeler bei der Begrüßung

Ein einmaliges Seeler-Erlebnis hatte auch Hans-Josef Jansen, der als Urgestein von TuRa 07 Westrhauderfehn in Fußballkreisen nur „Mausi“ Jansen genannt wird. Er traf die Ikone im Jahr 2011 nach einem HSV-Spiel gegen Hertha BSC. „Ihr müsst Ostfriesen sein“, habe Seeler gesagt, nachdem er Jansen und seinen Kollegen zur Begrüßung die Hand schüttelte. „Wir haben ihm auf Platt ein paar Fragen gestellt“, erinnert sich der 72-jährige Jansen. „Er war wirklich ein ganz feiner Mensch.“

Uwe Seeler (von links) mit Benedikt Focken, Rudolf Focken und Hans-Josef „Mausi“ Jansen. Fotos: Privat
Uwe Seeler (von links) mit Benedikt Focken, Rudolf Focken und Hans-Josef „Mausi“ Jansen. Fotos: Privat
Für Uwe Groothuis war Uwe Seeler schon immer ein Idol. „Ich bin mit ihm sozusagen groß geworden“, sagt er. Der ostfriesische Fußballtrainer hat ihn für seine Einstellung bewundert. „Unvergessen ist, dass er ein 1,2-Millionen-Mark-Angebot von Inter Mailand abgelehnt hat.“ Mit Seeler verbindet der Emder aber auch eine ganz besondere Auszeichnung: Als Groothuis – damals Kapitän des BSV Kickers Emden – zum ersten Fußballer des Jahres in Niedersachsen gewählt wurde, war Uwe Seeler Pate und hielt die Laudatio. „Er blickte auf meine Fußballerlaufbahn zurück und war unglaublich gut vorbereitet. Man hatte den Eindruck, als ob er mich schon Jahre kennen würde“, erinnert sich der 68-jährige Groothuis.

Der Fußball-Zweitligist HSV erwartet am Sonntag Hansa Rostock. Das Nordduell – im Stadion wird wohl auch Michael Kortmann sitzen – wird voraussichtlich hochemotional werden. Vor dem Anpfiff der Partie (13.30 Uhr) soll es eine Schweigeminute für Uwe Seeler geben. Die Hamburger werden mit Trauerflor spielen. So soll der bedeutendste Spieler, den der HSV jemals hervorgebracht hat, würdig verabschiedet werden.

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