Osnabrück Kinobranche ächzt: „Das Schlimmste, was in 126 Jahren Kino passiert ist“
Der Kinobranche hat die Corona-Krise zugesetzt, und jetzt kommen auch noch steigende Preise und Energiekrise dazu. Wie geht das Kino mit den Herausforderungen um, und was sagen Kinobetreiber in Flensburg, Schwerin und Osnabrück?
James Bond rettete im letzten Herbst nicht nur die Welt. Er rettete auch die Kinobranche. „Der Film lief sehr erfolgreich“, sagt Jannah Elfert von der Geschäftsleitung des Cinema Arthouse in Osnabrück. „Das war der große Film.“ Dann kam die Regelung 2G+, und mit ihrem Inkrafttreten fielen die Besucherzahlen. „Das hat uns total ausgebremst“, sagt Elfert. Die Bremsspur zieht sich bis in diesen Sommer. Die Kinobranche leidet unter Corona.
Rettet seit sechs Jahrzehnten die Welt - und vielleicht auch das Kino? Gestatten: Bond. James Bond:
Christine Berg bestätigt das. Sie ist Geschäftsführerin des Branchenverbandes HdF Kino, in dem 600 Kinos in Deutschland organisiert sind; damit steht der HdF für einen Marktanteil von 85 Prozent. Berg weiß: Mit Krisen hatte das Kino immer wieder zu kämpfen. Fernsehen, Video, zuletzt Streamingdienste, verbunden mit riesigen Flatscreens, die zuhause das Erlebnis der großen Leinwand zumindest simulieren, verkürzte Auswertungsfenster, in denen Filme exklusiv im Kino laufen, bevor sie als Video, DVD, Blu-Ray verwertet werden: Das Kino kennt Herausforderungen und weiß damit umzugehen. Doch „die Pandemie ist das Schlimmste, was in 126 Jahren Kino passiert ist“, sagt Berg.
Jetzt haben die Kinos „60 Prozent unserer Leute wieder geholt”, sagt sie; vor allem die Jugend ist ins Kino zurückgekehrt. Ausgerechnet Denn ist nicht die Jugend der cineastische Problemfall, weil sie Kino schauen will, ohne zu festgelegten Zeiten ins Kino zu müssen? Aber auch Elfert bestätigt: Filme, die das jüngere Publikum im Blick haben, laufen gut; auch Familien kämen wieder, sagt sie.
Das Problem ist die Generation 50+: „Die haben sich das abgewöhnt“, sagt Elfert. Marvel-Filme – zuletzt waren das unter anderem „Spiderman – No Way Home“, „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ oder „Avengers – Endgame“ – finden ihr Publikum, die anspruchsvolle Literaturverfilmung, das, was unter „Arthouse“ firmiert, nicht unbedingt. Elfert sagt, was derzeit viele im Kulturbetrieb sagen:
Das schlägt sich in der Programmierung nieder. Wie Musiker warnen, junge Künstler könnten die Verlierer der Krise sein, weil Veranstalter lieber auf Nummer sicher gehen, so könnte sich im Kino der Trend zu mehr kommerziellen Filmen durchsetzen. Programmkinos, die nicht so sehr auf Blockbuster-Filme setzen, könnten darunter leiden, Filmemacher jenseits des Hollywood- und Babelsberg-Mainstreams auch.
Peter Thomsen, Geschäftsführer der Deutsches Haus Veranstaltungs GmbH in Flensburg, singt davon ein bitteres Lied. Im Deutschen Haus betreibt die GmbH ein kleines Programmkino mit hohem Anspruch. „Wir haben einen Einbruch von 30 Prozent erlebt“, sagt er. Und auf den Herbst schaut er mit einer gewissen Skepsis. Die Politik spreche schon wieder von 1G, das heißt, jeder Besucher müsste einen Test nachweisen. „Das wäre tödlich fürs Kino“, sagt er.
Und dann ist da noch die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Die findet vom 21. November bis 18. Dezember statt, exakt in den Wochen, die normalerweise zu den umsatzstärksten im Jahr zählen. Schwer zu sagen, wie sich das auf die gesamte Kulturbranche auswirkt. Zwar gibt es viele, die jetzt von Boykott des ganzen Wettbewerbs reden. Aber wie stark ist die Bewegung, wenn die deutsche Nationalmannschaft ein paar gute Spiele hinlegt? Wenn König Fußball doch wichtiger wird als Kino?
Tino Burmeister vom Mega Movie in Schwerin sieht der WM einigermaßen gelassen entgegen. Oder sollte man besser sagen fatalistisch? „Ich würde das nicht beurteilen wollen“, weicht er der Frage aus, wie sich die WM wohl aufs Geschäft seines Multiplex-Kinos auswirkt. Überhaupt ist er vorsichtig mit seinen Prognosen, vorsichtig bis skeptisch, angesichts einer Rechnung mit vielen Unbekannten: Verbraucherpreise, Energiekosten, Pandemie; droht gar der nächste Lockdown, diesmal nicht wegen Corona, sondern weil Freizeiteinrichtungen geschlossen werden, um Energie zu sparen?
Und immer wieder: Netflix und all die anderen Streamingdienste. Die hätten dazu geführt, dass „die Leute gezielter“ auswählen, sagt Burmeister. „Vielleicht schauen sie einen Film im Kino, für andere reicht der Bildschirm zuhause.“
Trotzdem richten sich die Hoffnungen der Branche auf den Kinoherbst und auf gute, publikumswirksame Filme. An der Spitze steht da ganz klar „Avatar 2“ von James Cameron; 2009 bescherte der erste Teil den Kinos Traumquoten. Allerdings wird der „das Jahr nicht retten“, sagt Burmeister. „Ein Film reicht da nicht aus.“ Immerhin: Der Film startet in Deutschland am 14. Dezember. Da ist die Fußball-WM fast vorbei.