Gastronomie im Wandel Hat Emden bald genug von Pizzerien?
In Emden eröffnen allein in diesem Jahr voraussichtlich drei neue Pizzerien. Ist der Markt eigentlich irgendwann übersättigt? Und was macht den Pizza-Verkauf so attraktiv?
Emden - Pizza ist lecker, keine Frage. Trotzdem ist der Aufschrei insbesondere in den sozialen Medien häufig groß, wenn „mal wieder“ eine Pizzeria in Emden eröffnet. Die Stadt habe doch schon genug dieser Restaurants. Aber stimmt das? Wie viele gibt es mittlerweile? Was macht den Reiz aus, immer weitere zu eröffnen? Und: Ist eine Stadt irgendwann gesättigt?
Was und warum
Darum geht es: die Frage, ob es irgendwann zu viele Pizzerien in Emden geben könnte
Vor allem interessant für: Emderinnen und Emder sowie Gäste, die gerne essen gehen
Deshalb berichten wir: Allein in diesem Jahr sollen noch drei Pizzerien öffnen. Emden wird häufig nachgesagt, nur noch aus Pizza-Läden zu bestehen. Wir wollten der Sache auf den Grund gehen. Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de
Wir haben uns einmal ans Zählen gemacht. Emden hat 20 Stadtteile. Und 33 italienische Restaurants oder Imbisse, die Pizza anbieten. Drei sollen in diesem Jahr noch dazukommen: Eine Niederlassung der Pizzakette „Domino‘s“ in der Großen Straße und das „da Sergio“ im alten Zollspeicher sollen im Oktober öffnen, das Pizza-Pasta-House in der Friedrich-Ebert-Straße noch im Sommer. Langfristig soll sogar noch ein weiteres „Domino‘s“ dazukommen. Wann und wohin, sagt das Unternehmen aber noch nicht. Das Angebot in Emden unterscheidet sich zum Teil deutlich: Es gibt Restaurants, die mit klassischer italienischer oder neapolitanischer Küche werben - wie etwa das „Casto‘s“, die „La Trattoria“, das „Aurora“ oder „Il Gusto“. Auch Santino la Tona preist das Angebot in seinen fünf Restaurants als traditionelle italienische Küche an. Es gibt die amerikanische Variante bei „Pizza Pan“ oder den schnellen Pizza-Snack von zahlreichen Imbissen.
Im Stadtkern sind es bald 19 Pizzerien
Wie zu erwarten, finden sich die meisten Pizzerien im Stadtkern, also innerhalb des Wallringes. Die meisten anderen Stadtteile müssen ganz ohne gastronomisches Angebot auskommen oder haben eventuell noch einen Bäcker. Im westlichsten Stadtteil Wybelsum hält die Pizzeria „Parma“ seit Jahren die Stellung. Erst knapp 15 Kilometer davon entfernt im Krummhörner Dorf Pewsum gibt es die nächste italienische Einkehrmöglichkeit sowie im knapp fünf Kilometer entfernten Dollart-Center. Auf der entgegengesetzten Seite Emdens sieht das schon ganz anders aus.
In Borssum, dem, auf die Einwohnerzahl bezogen, drittgrößten Ortsteil, gibt es gleich vier Restaurants - „Roma“, „Mephisto“, „Italia“ und „Maestro“. Letztgenanntes ist erst vor kurzem eröffnet worden und war zuvor von denselben Betreibern als veganer Imbiss geführt worden. Das kam zwar bei den Veganern gut an, so die Betreiber, brachte aber nicht genug Umsatz, um das Geschäft am Laufen zu halten. Man sattelte also um auf Pizza, Burger, Schnitzel. Auch in Barenburg, dem mit mehr als 7000 Einwohnern zweitgrößten Stadtteil, gibt es vier Pizzerien - wenn man das „Mammut“ am Wall mitrechnet. In Port Arthur/Transvaal sind es immerhin noch drei, in Constantia zwei und in Herrentor sowie Wolthusen noch eine. Wenn man die geplanten drei Neueröffnungen in diesem Jahr miteinbezieht, dann finden sich im Stadtkern 19 Restaurants und Dönerläden, die Pizza anbieten.
Ist Emden bald übersättigt?
Johann Doden, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbands Ostfriesland, hat eine klare Antwort: „Das Thema wird über Angebot und Nachfrage geregelt.“ Ein neues Restaurant müsse sich natürlich wirtschaftlich tragen. Sei die Nachfrage nicht (mehr) da, weil es schlicht zu viele Pizzerien gebe, müsse sich das Angebot ändern. Dann müssten die Betreiber schauen, ob sie ihre Speisekarte noch mal „spezieller“ machen - oder ihr Lokal schließen.
Umgekehrt hatte das Beispiel des veganen Imbisses in Borssum gezeigt, dass dort das Angebot offenbar noch zu speziell für den Markt war. Die Betreiber änderten das Sortiment. Generell sei er dafür, dass das Angebot in der Stadt „möglichst vielfältig, bunt und unterschiedlich“ sei. Auch halte er sehr viel von kleinen, inhabergeführten Restaurants und Geschäften. Aber: „Alles ist besser als Leerstand.“
Pizza bringt mehr Ertrag als Fisch
Erich Wagner, 1. Vorsitzender des Dehoga Bezirksverbands Ostfriesland, schlägt mit seiner Antwort in eine ähnliche Kerbe. Es habe einen klaren Trend dahin gegeben, dass Hungrige eine Pizza, Döner oder einen anderen Imbiss nur noch auf die Schnelle verzehren wollten. „Das ändert sich jetzt aber auch wieder“, meint er. Immer mehr junge Leute würden den Restaurant-Besuch wieder richtig zelebrieren, sich nett anziehen, das Handy weglegen und Wert auf frische, regionale, vegane oder vegetarische Küche legen. „Wir haben eine gute, hohe Auslastung“, sagt er. Wagner leitet das Hotel zur Post in Wiesmoor mit Restaurant.
Gleichzeitig sagt er, dass die „Pizza im Stehen“ natürlich nicht wegzudenken sei. Wirtschaftlich gesehen, sei der Verkauf von Pizza und Pasta im Vergleich etwa zu Steak oder Fisch für viele Gastronomen einfach viel ertragreicher. Dass etwa in einer Seehafenstadt ein Fischrestaurant öffnen könnte, wäre eine gute Idee, aber es müsse auch gut umgesetzt und in der Stadt angenommen werden. „Es ist ein langer Weg bis dahin“, meint er. In Wiesmoor verkaufe er indes „Fisch ohne Ende“. Bei einer Universitäts- oder Touristen-Stadt sei es auch noch mal wieder was anderes. „Auf Sylt zum Beispiel ist das Angebot sehr vielfältig, auf Norderney mittlerweile auch“, sagt er. Auch hier regle die Nachfrage die gastronomische Vielfalt.
Pizza in den Stadtteilen: eine Übersicht
Wybelsum/Logumer Vorwerk: 1 (Parma)
Uphusen/Marienwehr: 0
Wolthusen: 1 (Chicago)
Constantia: 2 (Pronto Pronto, da Beppe)
Twixlum: 0
Larrelt: 1 (Dana im DOC)
Port Arthur/Transvaal: 3 (Pizza Team, La Vita, Genua)
Conrebbersweg: 0
Früchteburg: 0
Harsweg: 0
Barenburg: 4 (Abbas Grill, Mammut, Istanbul, Adria)
Borssum: 4 (Roma, Mephisto, Italia, Maestro Pizza)
Petkum/Hilmarsum/Widdelswehr/Jarßum: 0
Herrentor: 1 (Pinocchio)
Friesland: 0
Stadtzentrum (Altstadt, Behördenviertel, Bentinkshof, Boltentor, Groß-Faldern und Klein-Faldern): 16 (Casto‘s, fünf Restaurants von Santino la Tona, La Trattoria, Venezia, Il Gusto, Pizza Pan, Antalya, Ali Baba, Döner King, Milano, Aurora, Eva; 3 kommen noch (Domino‘s, da Sergio, Pizza-Pasta-House) Wir erheben keinen Anspruch auf absolute Vollständigkeit der Liste. Die Zahlen stützen sich auf Recherche vor Ort und GoogleMaps.