Kolumne: Artikel 1, GG  Keine „echten“ Deutsche

Canan Topçu
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Eine Kolumne von Canan Topçu
| 20.07.2022 09:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Canan Topçu
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In der heutigen Kolumne berichtet unsere Autorin von einem unangenehmen Gespräch. Sie beschäftigt sich auch mit dem Thema Migration.

Ich mag es, mit unbekannten Menschen ins Gespräch zu kommen; wenn ich einen Anlass finde, spreche ich sie an. Meist ergibt sich daraus eine belanglose, aber nette Unterhaltung. Am Montag war es anders als vermutet. Vor dem Eingang des Supermarkts sprach ich einen Mann an, den ich nur vom Sehen kenne. Wir begegnen uns immer wieder mal, wenn ich mit Oskar Gassi gehe. Der Mann hat nämlich auch einen Hund. Da ich ihn zuvor immer nur mit Hund gesehen hatte, fragte ich ihn, ob was mit dem Hund passiert sei. Der Mann erklärte, der Hund sei Zuhause, er habe ihm die Hitze nicht zumuten zu wollen. Dann begann er, sein Leid zu klagen, über Deutschland, über die inkompetente Regierung und die Asylpolitik. Jeder werde reingelassen, es finde geradezu eine Invasion von all denen statt, die sich nicht an „unsere Regeln und Gesetze“ hielten.

Zur Person

Canan Topçu (56) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.

Ich blieb ruhig, obwohl mich schockte, was der Hundefreund von sich gab; hielt mich zudem zurück mit Kommentaren und fragte freundlich nach, was genau er denn damit meine. Lauter Messerstecher und Kriminelle kämen ins Land, erklärte der Mann ernsthaft. Ob er wirklich meine, dass alle, die nach Deutschland kämen, so sind? Ob er denke, dass unter „echten Deutschen“ – ich betonte „echte“ – keine Kriminellen gebe? Meinen Sie wirklich… so begann ich mit zugewandtem Ton in der Stimme meine Nachfragen. Ganz bewusst blieb ich freundlich, ließ mich nicht provozieren, teilte ihm schließlich mit, dass ich seine Positionen nicht teile. „Es gibt gute und schlechte Menschen, überall auf der Welt, das hat wohl eher was mit dem Charakter als mit der Geografie oder Religion zu tun“ sagte ich und beendete das Gespräch, in dem ich ihm einen schönen Tag wünschte. Ich denke nicht, dass ich den Mann dazu bringen konnte, seine Ansichten zu überdenken. Immerhin habe ich ihm nicht unwirsch widersprochen. Denn Widersprechen, so meine bisherige Erfahrung, provoziert. Womöglich wollte er ja mich provozieren. Ich bin gespannt auf unsere nächste Begegnung beim Gassi-Gehen im Park.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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