Siezen oder Duzen in der Arbeitswelt Mit Chef und Kollegen per Du – Ist Siezen bald out?
In Ostfriesland setzt sich in Behörden und Unternehmen immer mehr die Du-Kultur am Arbeitsplatz durch. Häufig sind vom Azubi bis in die Chefetage alle per Du. Es gibt aber Ausnahmen.
Ostfriesland - „Herzlich willkommen bei uns. Wir duzen uns hier übrigens alle.“ So eine Begrüßung durch den Chef am ersten Tag am neuen Arbeitsplatz ist nichts Ungewöhnliches mehr. Mit Chef und Kollegen per Du zu sein wird in modernen Unternehmen immer selbstverständlicher. In Ostfriesland ist der Trend aber nicht nicht in allen Branchen angekommen.
Was und warum
Darum geht es: Vom Azubi bis in die Chefetage – in vielen ostfriesischen Unternehmen und Behörden setzt sich am Arbeitsplatz das Du durch.
Vor allem interessant für: alle, die sich für Etikette im Beruf interessieren.
Deshalb berichten wir: Ob sich Mitarbeiter und Vorgesetzte im Arbeitsleben duzen oder siezen sollen, darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen. Die Autorin erreichen Sie unter: t.gettkowski@zgo.de
„In meiner Welt taucht das Sie immer seltener auf“, sagt Gwendolyn Stoye. Seit 16 Jahren ist die Leeranerin als Business-Coach in Unternehmerkreisen unterwegs und bietet Seminare an. Ob man sich gegenseitig duze oder Wert auf das distanzierte Sie lege, sei Ausdruck der Philosophie eines Unternehmens. „Ich glaube, das Siezen ist eine aussterbende Kultur“, sagt sie. Das lockere Du spiegele einen Umgang auf Augenhöhe wieder und versinnbildliche auch, dass es nicht nur um das reine Arbeitsverhältnis gehe, sondern dass die Arbeit Spaß machen solle. Verfechter des Siezens würden immer auf die professionelle Distanz verweisen.
Bei der Sparkasse wird noch gesiezt
Bei der Sparkasse Leer-Wittmund setzt man noch auf diese klassische Sie-Form. Das habe einen hierarchischen Hintergrund. „Den Vorstand siezt man natürlich. Das ist eine Frage des Respekts“, sagt Pressesprecher Carsten Mohr. In den einzelnen Abteilungen gebe es durchaus Kollegen, die sich duzen. „Nicht generell, sondern eher, wenn sie schon lange gemeinsam arbeiten.“ Nach Mohrs Beobachtung halte das Duzen in vielen Lebensbereichen Einzug. „Bei einem Einkauf wurde ich mal von einem Verkäufer geduzt, obwohl bestimmt ein Altersunterschied von 30 Jahren zwischen uns lag“, erzählt der 58-Jährige. „Ich habe da kein Problem mit, fand es aber trotzdem irgendwie befremdlich.“ Auch in Bars und Cafés setze ein Kulturwandel ein, was die Ansprache der Gäste angehe. „Wenn der Ober einen duzt, kann man das ja auch als Kompliment auffassen. Der denkt vielleicht, ich bin genauso alt wie er“, sagt Carsten Moor.
Bei der Softwarefirma Orgadata in Leer wird konsequent geduzt. „Wir sind schon seit etlichen Jahren ein amtlich anerkanntes Du-Unternehmen“, flaxt Firmensprecher Andreas Meinders. Vom Azubi bis zum Vorstand werden alle mit Du angesprochen. „Das schafft mehr Nähe und stärkt das Wir-Gefühl“, nennt Meinders die Vorzüge. Dazu würden flache Hierarchien beitragen. In der Anfangszeit wurde das Pro und Contra im Software Netzwerk mit anderen Unternehmen noch kontrovers diskutiert. „Wir haben daran festgehalten und gute Erfahrungen damit gemacht.“ Letztlich sorge es für das Gefühl der Gleichheit. „Dass ein Mitarbeiter den Chef duzt, weil er mit ihm im Fußballverein ist, während ein anderer Kollege in derselben Position ihn siezt, das gibt es bei uns nicht“, sagt der 55-Jährige.
Stellenanzeigen in Du-Form
Meinders ist überzeugt von der Du-Kultur. In Stellenanzeigen von Orgadata werden potenzielle Bewerber mit Du angesprochen. „Bei der früheren Berufsakademie hat es mal eine Umfrage unter Studenten gegeben.“ Die Mehrheit der Teilnehmer habe angegeben, dass sie Stellenanzeigen in Du-Form ansprechender finden. Dass die Personalchefs und Bewerber sich im Vorstellungsgespräch duzen, sei von den Studenten dagegen nicht als selbstverständlich erachtet worden.
Seiner Zeit weit voraus war der Unternehmer Rolf Trauernicht – in Ostfriesland als „Tullum“ bekannt. Der im Jahr 2017 im Alter von 92 Jahren verstorbene Großefehntjer duzte jeden und ließ sich von jedem duzen. „Der Mensch stand für ihn immer Vordergrund“, beschreibt sein Neffe Clemens Trauernicht seine Lebensphilosophie. Tullum pflegte stets einen warmherzigen Umgang auf Augenhöhe mit Jedermann, auch mit den Mitarbeitern seines Unternehmens. Vor seinen Augen waren alle Menschen gleich. Das brachte er mit einem herzlichen Du zum Ausdruck und war damit Vorreiter der Du-Kultur.