Exotische Tierwelt Wenn in Ostfriesland Esel neben Trampeltieren grasen
Pferde, Kühe, Schafe: Mit diesen Tieren rechnet wohl jeder, der in Esens unterwegs ist. Es geht auch außergewöhnlicher: Esel und Kamele sind selten, aber längst kein Einzelfall mehr.
Esens - Gemächlich kommen sie dem Besucher entgegen, lassen sich ausgiebig streicheln und schauen unbeschreiblich sanft in die Welt. Eine Welt, die für sie gemacht zu sein scheint. Die drei Esel-Hengste auf der Weide am Mühlenkolk in Esens haben keinerlei Nutzen abzuliefern. Sie könnten auch geritten werden, sie könnten auch vor einen Wagen gespannt werden – aber sie müssen es nicht! Sie sind da, um Spaß am Dasein zu haben. Man hätte Lust, von ihnen zu lernen. „Anfangs haben wir es mit dem Spruch ,Eselein streck dich‘ versucht“, unkt ihr Besitzer Ihmelt Saathoff. „Was hinten rauskommt, passt aber in der Farbe noch nicht so richtig.“
Und doch sind sie goldig: Der Zwerghausesel Jacomo, der schon deutlich größere, französische Poitou-Esel Ferdinand und der spanische Großesel Felix. Ihre Kontakte zu Menschen bleiben rar. Im Gegensatz zu den anderen 13 Eseln, die Physiotherapeut Ihmelt und Ergotherapeutin Marion Martensen Saathoff auf ihrem Hof am anderen Ende der Stadt haben. Allesamt sind es von Jugend auf naturgraue Damen, die sich sehr gern streicheln lassen. Ideale Voraussetzungen für den Kontakt mit Kindern. Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten oder Wachstumsproblemen – und die auf der Koppel mit den Eseln oder auch nebenan, im weitläufigen Reich der beiden Kamele Rosa und Jason, Sternstunden des Alltags erleben. Die beiden Trampeltiere sind ein wirklicher Hingucker in Ostfriesland, wo sonst Kühe, Schafe und Pferde die Oberhand auf den Weiden haben.
Kamelidenhaltung ist selten in Ostfriesland
Vor Jahren habe Ihmelt Saathoff einem Zirkus ein Kamel abgekauft, weil der finanziell in Schwierigkeiten gewesen sei, erinnert er sich im Gespräch mit dieser Zeitung. Das sollte natürlich nicht allein sein. „Irgendwann brauchten wir dann ein zweites.“ Die Trampeltiere stammten aus Kasachstan, ergänzt er. Nicht wie ihre einhöckrigen Verwandten aus Afrika. Damit hätten Rosa und Jason keine Probleme, sich dem Klima Ostfrieslands anzupassen. Relativ selten ist die Haltung sogenannter Kameliden dennoch, berichtet Dr. Melanie Schweizer auf Nachfrage. Sie ist Geschäftsführerin im Veterinäramt Zweckverband Jade-Weser, zu dem die Kreise Wittmund, Friesland, Wesermarsch und die Stadt Wilhelmshaven gehören. Nur insgesamt 20 Haltungen sind im gesamten Gebiet gemeldet, davon sechs im Kreis Wittmund. Sie gehe allerdings davon aus, dass es mehr sein können: Nicht jeder Halter melde seine Tiere ordnungsgemäß an.
Der Amtsveterinärin zufolge sind die meisten als Kameliden gemeldete Tiere Alpakas und Lamas. Seit Jahren sind Erstere vermehrt im Fernsehen zu sehen, es gibt zudem plüschige Kuscheltierausgaben dieser Paarhufer. Auf Langeoog und in Middels beispielsweise kann man Spaziergänge mit ihnen buchen. Die Behörde bekäme regelmäßig Anfragen potenzieller Alpaka-Besitzer. Viele machen allerdings einen Rückzieher, wenn sie von den Tierärzten erfahren, wie aufwendig eine Haltung ist, erläutert Schweizer. Die Anzahl der Halter sei daher relativ konstant. Selten oder nicht, die beiden Exemplare von Ihmelt Saathoff sind nicht die einzigen Trampeltiere in Esens: Zwei weitere grasen im direkten Umfeld der Stadt. Dennoch, es sind Einzelfälle, versichert Amtsveterinärin: „Wir sehen keinen Trend zur Kamelhaltung.“
Esel mit Arterhaltungs-Auftrag
Den Kindern ist es ohnehin egal, ob ein Kamel gerade in Mode ist. Die Esenser Kindergärten kämen gern auf seinen Hof, berichtet Ihmelt Saathoff. „Dann werden alle Tiere gestreichelt und die Kinder freuen sich.“ Auch Eselschnuten stehen hoch im Kurs. Diese Vierbeiner sind mit insgesamt 32 Haltungen im Veterinär-Verbandsgebiet (davon acht in Wittmund) ein wenig häufiger als Kameliden, aber noch immer vergleichsweise selten. Zum Vergleich: Im Dezember 2021 waren es etwas mehr als 1500 Rinderhalter im gesamten Verbandsbereich, davon nicht ganz 480 in Wittmund.
Jacomo, Felix und Ferdinand sind damit im doppelten Sinne Raritäten: Einige ihrer Artgenossen leben auch im Haustierpark Werdum. Der Archepark ist Heimat verschiedener Nutztierrassen, die in Deutschland vom Aussterben bedroht oder zumindest nur noch selten zu finden sind. Ferdinand wurde selbst dort geboren. Und Jacomo darf dort ab und zu etwas zur Arterhaltung leisten – indem er seine Erbeigenschaften weitergibt. Durchschnittlich 30 Mal gibt es im Haustierpark im Jahr Nachwuchs, erklärt der geschäftsführende Leiter Johann Pieper. „Wir haben für die meisten Tiere männliche Artgenossen.“ Nicht so für Zwergeselin Gesa: „Da sind wir ganz froh, dass wir einen Hengst in der Nähe haben.“