Osnabrück Corona und andere Kleinigkeiten: Wie geht es den Bayreuther Festspielen?
Die Bayreuther Festspiele leiden unter Corona. Eine Herausforderung in diesem Zusammenhang hat das Festival gemeistert, aber am Grünen Hügel geht es um mehr: Es geht um die Zukunft von Katharina Wagner als Leiterin, und es geht um die Zukunft des Festivals an sich.
Die akute Herausforderung haben die Bayreuther Festspiele pragmatisch und zielführend gelöst: Weil Dirigent Pietari Inkinen schwer an Corona erkrankt ist, wird Cornelius Meister in diesem Jahr den „Ring des Nibelungen“ dirigieren. Dafür gibt Meister „Tristan und Isolde“ an Markus Poschner ab, wie Meister Novize am Dirigentenpult des Festspielhauses.
Interessanterweise tauchte in der diesjährigen Dirigenten-Rochade der Name Christian Thielemann nicht auf. Dabei galt der eine Zeit lang als Mann für alle Fälle. Jetzt führt die Homepage der Bayreuther Festspiele den einstigen Musikalischen Direktor lediglich als Dirigenten des „Lohengrin“ auf, und der exklusive Parkplatz am Hintereingang des Festspielhauses dürfte kaum noch für ihn reserviert sein.
Für Inkinen ist die Geschichte besonders bitter, weil er seit zwei Jahren auf sein „Ring“-Debüt am Grünen Hügel wartet. Ursprünglich für 2020 geplant, wurde die Tetralogie auf 2022 verschoben - doppeltes Corona-Pech. Und weil Corona nun alles durcheinander bringt, kommt in diesem Jahr nicht nur der neue „Ring“ in der Regie von Valentin Schwarz auf die Bühne, sondern auch ein neuer „Tristan“. In der Inszenierung von Roland Schwab und nun unter der Leitung von Markus Poschner eröffnet Wagners Liebesdrama die Festspiele am 25. Juli. Danach bleibt das Haus auf dem Grünen Hügel erstmal wieder zu.
Das gibt dem Rahmenprogramm prominenten Raum: dem Festspiel Open Air als Umsonst-und-draußen-Veranstaltung und „Nach Tristan - Eine Reise aus der Vergangenheit rückwärts in die Gegenwart“. Dieses Stück verknüpft Wagners „Tristan“ mit Heiner Müllers „Quartett“ und August Strindbergs „Totentanz“ und setzt Reihe mit Uraufführung fort, die seit einigen Jahren im kleinen Rahmen flankieren, was oben auf dem Festspielhügel passiert. Diesmal unter anderem mit Dagmar Menzel.
Es sind dies alles kleine Schritte auf dem langen Weg der Bayreuther Festspiele in die Zukunft. Damit hängt natürlich eine Personalfrage eng zusammen: Wer wird Katharina Wagner folgen, wenn ihr Vertrag 2025 ausläuft? Feststeht jetzt schon: Um die Geschicke weiterhin zu bestimmen, genügen keine Gene; Katharina Wagner muss Erfolge als Festivalleiterin vorweisen. Und da hat sie einiges zu bewältigen.
Noch reicht der Nimbus der Weihestätte Bayreuth, um die gut 55000 Tickets jährlich an den Mann und die Frau zu bringen; auch dieses Jahr kann die Festspielleitung volles Haus vermelden. Doch die teure Sanierung des Hauses fällt in ihre Ära, genauso die Aufgabe, die Verquickung des Hauses mit dem Dritten Reich weiter aufzuarbeiten.
Vor allem aber muss sie Bayreuth zur dauerhaft relevanten Spielstätte, zur ästhetischen Instanz für das Werk Richard Wagners machen. Die Akustik als Alleinstellungsmerkmal ist zu wenig, um einen Gesamtetat von mehr als 30 Millionen Euro jährlich zu rechtfertigen. Die 40 Prozent davon aus der öffentlichen Hand, sprich: aus Steuermitteln rechtfertigen kein dynastisches Prinzip am Grünen Hügel.
Erfolge kann Katharina Wagner immerhin vorweisen. Sie hat die hermetischen Zirkel der Festspiele einem breiteren Publikum geöffnet, siehe Open-Air-Konzert. Sie geht die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit an, sie kann künstlerische Erfolge wie Barrie Koskys „Meistersinger“ oder den „Tannhäuser“ von Tobias Kratzer vorweisen. Mit Valentin Schwarz als „Ring“-Regisseur beweist sie Mut zum Risiko, mit Cornelius Meister hat sie einen der vielversprechendsten Dirigenten der jüngeren Generation verpflichtet. Überhaupt kommen herausragende Sänger wie Michael Volle oder Stephen Gould und tolle Sängerinnen wie Lise Davidsen. Und ein Problem hat sie definitiv nicht: Steigende Heizkosten sind im Festspielhaus ein nachrangiges Problem. Dort gibt es keine Heizung.