Proteste im Nachbarland dauern an  Ostfriesische Bauern solidarisch mit niederländischen Kollegen

Vera Vogt
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Von Vera Vogt
| 14.07.2022 16:53 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Landwirt Gerhard Berends solidarisiert sich mit seinen Berufskollegen in den Niederlanden. Foto: Ortgies
Der Landwirt Gerhard Berends solidarisiert sich mit seinen Berufskollegen in den Niederlanden. Foto: Ortgies
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In den Niederlanden gehen die Bauern-Proteste weiter. Ein Drittel der Viehbetriebe steht vor dem Aus. Landwirte wie Gerhard Berends aus Wymeer halten zu den Nachbarn. Nicht nur wegen der Nähe.

Wymeer/Niederlande - Ausnahmezustand in den Niederlanden: Landwirte protestieren, sie haben Angst um ihre Existenz. Mit ihnen solidarisieren sich Bauern aus Ostfriesland. Einer von ihnen ist Gerhard Berends. „Direkt an der Grenze habe ich meine letzten Flächen“, erklärt er. Aber die räumliche Nähe ist nicht der einzige Grund dafür, dass Berends sich für die Vorgänge im Nachbarland interessiert. „Ich bin kein Mensch, der sagt: ‚Na dann müssen die da drüben eben zumachen‘“, sagt er. Er und viele andere sähen es eher so: „Wir sind alle Landwirte. Wir haben gemeinsam, dass wir Menschen ernähren wollen. Und wir haben alle zu kämpfen“, so Berends.

Was und warum

Darum geht es: Landwirte demonstrieren in den Niederlanden. Landwirte aus der Region solidarisieren sich und stehen im Kontakt.

Vor allem interessant für: die, die sich für die Landwirtschaft interessieren.

Deshalb berichten wir: Die Proteste im Nachbarland reißen nicht ab.

Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de

In den Niederlanden richtet sich der Protest gegen Maßnahmen zur Stickstoff-Reduktion, die nach Angaben der Regierung das Aus für ein Drittel der Vieh-Betriebe bedeuten. „Es gibt nur drei Möglichkeiten. Entweder die Landwirte kriegen den Stickstoff runter durch Abgabe von Tieren, verkleinern ihren Betrieb. Damit verlieren sie erheblich an Einkommen. Oder sie verkaufen ihren Betrieb. Dann dürfen sie aber nie wieder in den Niederlanden einen neuen Hof aufbauen. Das sei das endgültige Aus als Landwirt. Nimmt man nicht an, wird man enteignet“, erklärt Berends. Die Angst, dass man auch hier in so eine Situation kommen könnte, sei da.

Gewalt nicht unterstützt

„Man muss sich vorstellen, was das für die Landwirte bedeutet. Es ist, als ob man einfach Haus und Arbeit entrissen bekommt. Ob man von dem Verkauf ausgesorgt hat, bezweifle ich. Dann steht man vor dem Nichts“, so Berends. Dennoch – und das sei auch Tenor in den Gruppen, mit denen er sich austausche – sehe man sorgenvoll auf die Eskalationen bei den Protesten. Er wünscht sich, dass alles friedlich bleibt. „Natürlich gehen Videos von den Schüssen in Heerenveen herum, aber man weiß nicht, was davor und danach passiert ist. Ich war nicht dabei, und deshalb sollte man sich bei Bewertungen zurückhalten“, sagt er. Fest stehe, die Proteste drohten immer wieder zu eskalieren. Die Aktionen der Landwirte auf deutscher Seite blieben friedlich. In Niedersachsen hatte es an mehreren Autobahnabfahrten Versammlungen gegeben, meist ohne Verkehrsbehinderungen. Fahnen wurden gezeigt, Plakate gefertigt.

Polizisten nehmen bei einem Bauernprotest in den Niederlanden einen Demonstranten fest. Die Solidaritätsbekundungen diesseits der Grenze bleiben friedlich. Foto: Van Lieshout/ANP/dpa
Polizisten nehmen bei einem Bauernprotest in den Niederlanden einen Demonstranten fest. Die Solidaritätsbekundungen diesseits der Grenze bleiben friedlich. Foto: Van Lieshout/ANP/dpa

Wann die Landwirte in den Niederlanden Blockaden errichten und wo sie protestieren, sei spontan, so Berends. Unter anderem blockierten die Landwirte Lagerzentren der Supermärkte, auch in der Grenzregion gab es deshalb leere Regale. Polizeiwagen wurden gerammt, Politiker bedroht. „Ich finde nicht, dass man sich als deutscher Bauer vor Ort bei dieser angespannten Situation einmischen sollte“, sagt er. „Aber wir möchten Solidarität zeigen, uns austauschen“, so Berends. Er selbst sei seit 2019 mit Niederländern im regelmäßigen Kontakt, damals seien auch Protestaktionen im Nachbarland der Grund gewesen. Der freundschaftliche Kontakt blieb bestehen. „Zum Beispiel über Whatsapp-Gruppen oder Telefonate“, sagt er. Seinen Berufskollegen Wim ten Den zum Beispiel frage er um Hilfe, wenn er einen niederländischen Beitrag nicht ganz verstehe. „Diese Woche gab es zum Beispiel ein Treffen an der Grenze im Emsland. Das ist aber für den Austausch gedacht.“

Andere Voraussetzungen

Landwirte seien aber auch in Deutschland an der Belastungsgrenze und gleichzeitig Anfeindungen ausgesetzt. „Niemand will den Boden auslaugen oder zerstören. Wir wollen doch, dass die nächsten Generationen davon leben können. Es heißt immer: Bauern protestieren gegen Umweltauflagen. So einfach ist das nicht. Die Landwirtschaft muss sich natürlich verändern, und das kann sie auch. Aber so ein Schritt ist drastisch“, findet Berends.

Bauern haben bei einer Protestaktion auf der Autobahn ein Schild von der niederländisch-deutschen Grenze entfernt. Foto: Jannink/ANP/dpa
Bauern haben bei einer Protestaktion auf der Autobahn ein Schild von der niederländisch-deutschen Grenze entfernt. Foto: Jannink/ANP/dpa

Seit Jahrzehnten überschreiten die Niederlande die europäischen Normen für Stickstoff-Ausstoß. Dadurch werden auch Naturgebiete beschädigt. Nachdem alle Pläne zur Reduzierung nichts brachten, zog 2019 das höchste Gericht die Notbremse: Das Land muss sich an die Normen halten. Im Frühjahr legte die Regierung einen Plan vor. Danach soll bis 2030 der Stickstoff-Ausstoß landesweit im Schnitt um 50 Prozent reduziert werden, bei Naturgebieten um mehr als 70 Prozent.

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„Man muss sich vor Augen führen, wie verschieden die Voraussetzungen sind. Die kleinen Niederlande sind weltweit eine der größten Exportnationen von Agrar-Produkten“, erklärt Rudolf Bleeker, Geschäftsführer des Landwirtschaftlichen Hauptvereins (LHV) für den Kreis Leer. Im vergangenen Jahr betrug das Ausfuhrvolumen rund 105 Milliarden Euro. Es gebe deutlich mehr Vieh. Während der Viehbesatz im Kreis Leer bei unter zwei liege, käme man in den Niederlanden auf einen Wert von über vier pro Hektar. Mehr als zwei Mal so viele Großvieheinheiten (ein Rind oder ein Pferd ist eine Einheit) tummeln sich demnach also in den Niederlanden, so Bleeker.