Kolumne Intern  Nachberichte interessieren kaum einen Leser

Joachim Braun
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Eine Kolumne von Joachim Braun
| 15.07.2022 09:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Joachim Braun
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Der digitale Wandel und auch die Veränderungen beim Medienkonsum verändern unsere Arbeit stark. Jahrzehntelang schrieben wir sehr viele Artikel, von denen wir heute wissen, das sie kaum einer liest.

Wir stecken in einem Dilemma. Jahrzehntelang berichteten wir über Ereignisse. Wir gingen zu Terminen, bei denen Herren in dunklen Anzügen die Welt erklärten oder auch nur ihre Gemeinde oder ihren Verein. Sie sprachen über Dinge, die längst passiert waren, lobten sich und die anderen, und wir protokollierten dies, um für die Zeitung einen Bericht zu schreiben.

Was wir damals nicht wussten, heute aber schon: Kaum ein Leser interessiert sich für solche Nachberichte - in der Zeitung nicht und auf unseren digitalen Plattformen schon gar nicht. Ein paar Dutzend Leser sind der Durchschnitt, selbst bei Veranstaltungen mit 1000 Leuten und mehr. Und deshalb gehen wir zu vielen dieser Termine nicht mehr hin.

Zur Person

Joachim Braun (56) ist Chefredakteur der Ostfriesen-Zeitung, des General-Anzeigers und der Borkumer Zeitung. Davor leitete er die Redaktionen der Frankfurter Neuen Presse und des Nordbayerischen Kurier in Bayreuth. 2012 wurde er von einer Fachjury zu Deutschlands „Regional-Chefredakteur des Jahres“gewählt.

Das aber ärgert (ehrenamtliche) Funktionäre. Ein Veranstaltungsbericht gilt als Bestätigung der eigenen Arbeit. Sie beschweren sich schriftlich bei mir, sie drohen mit Abokündigungen, oder sie teilen ihr Unverständnis schon bei der Veranstaltung selber mit, wie neulich ein ostfriesischer Kreisbrandrat. Ja, ich verstehe, wenn man der Meinung ist, es solle da alles so bleiben wie früher. Nur: Warum sollen wir Artikel veröffentlichen, die fast keiner liest? Und dass wir die Feuerwehr nicht hoch achten würden, kann ja niemand ernsthaft behaupten. Abgesehen von der wöchentlichen Kolumne, sammelten wir Spenden für die Kinder- und Jugendfeuerwehren und berichten immer wieder über Einsätze und Aktive.

Ein anderer Funktionär, Chef einer DLRG-Ortsgruppe, behauptete sogar, wir würden das Ehrenamt nicht anerkennen, weil wir nicht berichteten. Das stimmt nicht und bei dieser Gruppe schon gar nicht. Im vergangenen Halbjahr veröffentlichten wir zwei Porträts von herausragenden DLRG-Mitgliedern. Zwei Texte, die im Internet gute Lesequoten hatten. Zwei Texte, die der DLRG zehn Mal mehr Bestätigung bringen als ein Bericht über eine Versammlung. Schade, dass das nicht verstanden wird. Trotzdem ist klar: Ein Zurück zu früher wird es für uns nicht geben.

Kontakt: j.braun@zgo.de

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