Osnabrück Ist es ok, noch Mitglied in der katholischen Kirche zu sein?
Missbrauch, Homophobie, Frauenfeindlichkeit: Die katholische Kirche in Deutschland hat ihren guten Ruf nachhaltig verspielt. Kann man in diesem Verein noch guten Gewissens Mitglied sein?
Ich bin so stark kirchlich geprägt aufgewachsen, wie es Anfang des 21. Jahrhunderts in Deutschland noch möglich war: Taufe, Erstkommunion, Firmung, katholische Grundschule, katholisches Gymnasium. Jahrelang war ich Messdiener in meiner Heimatgemeinde, 2011 besuchte ich den Weltjugendtag in Madrid.
Meinen Eltern war es wichtig, mir den christlichen Glauben zu vermitteln, und Glaube und Zugehörigkeit zur katholischen Kirche waren ihnen eins. Sie haben mich nicht dazu gezwungen. Als mein Interesse am sonntäglichen Kirchgang in der Pubertät nachließ, haben sie das akzeptiert. Heute bin ich eines der wenigen Familienmitglieder, das noch gelegentlich einen Gottesdienst besucht.
Man sagt gerne, die Institution Kirche habe mit ihren Missbrauchsskandalen, ihrer verkrusteten Struktur, ihren überkommenen Moralvorstellungen Vertrauen verspielt. Das ist eine geschönte Formulierung. Um in Bibelsprache zu verfallen: Die Hirten haben ihre Schafe verraten, die ihr anvertraute Herde haben sie im Stich gelassen.
Ist es ok, dass ich dennoch in der Kirche bleibe? Oder bin ich einfach zu faul und will mir nicht eingestehen, dass meine Erziehung einer Gemeinschaft gewidmet war, die sich ihrem endgültigen Zusammenbruch zu nähern scheint?
Ja, durch meine Kirchensteuerbeiträge stütze ich Männer, die nichts gelernt haben, die verhärmt und verbittert am Althergebrachten festhalten, die jede Kritik als Verschwörung des Bösen wahrnehmen, in Ämtern, die ihnen zu große Macht einräumen. Ich stütze aber auch einen sozialen Träger, der weite Teile des Bildungs- und Gesundheitssystems in Deutschland organisiert und durch ein reichhaltiges Gemeindeleben die soziale Struktur in vielen Orten aufrechterhält.
Doch mein Beitrag zur Erfüllung der weltlichen Aufgaben der Kirche reicht mir nicht, um dabei zu bleiben. Kirche muss etwas mit Glauben zu tun haben - wäre ich aus rein humanistischen Gründen Mitglied, wäre ich bei der AWO oder dem DRK besser aufgehoben. Viele gläubige Christen haben der Kirche den Rücken gekehrt und suchen ihr Heil in einer persönlichen Verbindung zu Gott. Ich verurteile sie nicht. Aber für mich ist das (noch) keine Option.
Die Gebete, Rituale und Gesänge einer katholischen Messe - ich kann sie bis heute im Schlaf aufsagen, das Vaterunser und das Ave Maria und den Angelus und das Credo - geben mir auf rational unerklärliche Weise Halt und Kraft. Dabei bin ich mir gar nicht sicher, ob ich an Gott glaube.
Und ich bin kein guter Katholik. Um die Sexuallehre der alten zölibatär lebenden Männer im Vatikan habe ich mich noch nie geschert und trotzdem ungezählte Male singend bekräftigt, dass mein Taufbund immer fest stehen solle. Kritiker mögen darin eine spezifisch katholische Form der Heuchelei und Doppelmoral sehen.
Vielleicht habe ich gerade durch meine Erziehung ein Gespür dafür entwickelt, zu unterscheiden zwischen der Kirche, die von Gott als Verkünderin seiner Botschaft eingesetzt worden sein soll, und ihren Mitarbeitern, die Sünder sind wie alle Menschen. Die Institution und der Kern des von ihr verkörperten Glaubens - Nächstenliebe, Vergebung - sind mir wichtiger als das Personal und seine Verfehlungen.
Ja, die gegenwärtige Verfassung der Kirche begünstigt es, dass die Verbrechen ihrer Kleriker monströse Ausmaße annehmen können, da sie geweihten Männern kaum irdische Schranken setzt. Aber diese Verfassung ist Menschenwerk, das geändert werden kann. Es wird geändert werden müssen, wenn die Kirche als globale Organisation sich trotz aller Fliehkräfte erhalten möchte.
Ich weiß nicht, was sich halsstarrige Bischöfe oder übergriffige Priester zuschulden kommen lassen müssen, um mich an der katholischen Kirche endgültig irre werden zu lassen. Vielleicht ist auch bei mir das Fass eines Tages übergelaufen. Bis dahin werde ich Mitglied bleiben und ihre Entwicklung kritisch begleiten, als junger Mensch, als Christ, als Journalist - und in diesem Rahmen, denke ich, ist es ok, in der Kirche zu bleiben.