Baupläne in Hinte ruhen  Archäologen wollen nahe der Burg Hinta graben

Michael Hillebrand
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Von Michael Hillebrand
| 12.07.2022 17:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
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Bevor am Hinter Kirchgang Wohnungen und Gewerbeflächen entstehen können, müssen die Archäologen ran. Unserer Zeitung verraten sie, was man dort finden könnte.

Hinte - Künstlich geschaffene Erdhügel sind für Archäologen sehr interessant. Immerhin wurden diese sogenannten Wurten zum Schutz vor Hochwassern errichtet, genau dort, wo sich in früheren Zeiten Menschen ansiedelten. Es handelt sich darum um Kulturdenkmäler, die unter Schutz stehen. Das hat nun Folgen für ein geplantes Bauprojekt im Quartier Hinter Kirchgang in der Gemeinde Hinte.

Was und warum

Darum geht es: In Hinte soll eine Wurt näher untersucht werden. Das hat Folgen für ein geplantes Bauprojekt an diesem Ort.

Vor allem interessant für: Leser, die sich für die am Hinter Kirchgang geplanten Wohnungen, die Geschäftsflächen oder für die Geschichte Ostfrieslands interessieren

Deshalb berichten wir: Wir hatten davon gelesen, dass es jetzt erst einmal nicht am Hinter Kirchgang weitergeht und nachgefragt.

Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de

Dort möchte eigentlich die Büter Bauunternehmen GmbH aus Ringe (Grafschaft Bentheim) mehrere Gebäude abreißen lassen, um am selben Ort Platz für 20 Wohnungen und zwei Geschäftsräume zu schaffen. Daraus wird nun aber erstmal nichts mehr, wie Nikolai Neumayer, Sprecher des Landkreises Aurich, auf Nachfrage bestätigt. Die Arbeiten verzögern sich. „Aufgrund des vorgesehenen Eingriffs in das Bodendenkmal bedarf es einer Voruntersuchung durch den Archäologischen Dienst in Form von Prospektionen mittels Baggerschurfen. [Gegebenenfalls] müssen diese durch Bohrsondage-Untersuchungen ergänzt werden.“ Was aber könnte man dort finden?

Besonderer Boden und besonderer Standort

Dr. Sonja König ist als Archäologin für die Ostfriesische Landschaft tätig und damit auch für die geplanten Arbeiten in Hinte zuständig. Auf Nachfrage betont sie den besonderen Standort dieser Wurt, die zwischen der spätgotischen Saalkirche und der Burg Hinta liegt. Das sei ein Anhaltspunkt dafür, dass sich an dieser Stelle vielleicht einmal „Infrastruktur“ befand, „die zur Wirtschaft der Burg dazugehörte.“ Also beispielsweise eine Art Gutshof. Das sei aber nur eine Vermutung, macht die Archäologin deutlich.

Gleichzeitig betont sie die Bedeutung von Wurten allgemein. Das Besondere an ihnen sei zum einen der im Vergleich zu „Flachsiedlungen“ bessere Luftabschluss und die dadurch resultierende bessere Konservierung. Zum anderen gebe es in ihnen mehrere voneinander getrennte Erdschichten und in jeder davon könnten sich andere Überraschungen finden lassen. So schichte die erste Siedlergeneration den ersten Haufen Erde auf, um – etwas besser vor dem Wasser geschützt – bauen zu können. Wenn die ersten Gebäude dann irgendwann abgerissen werden, schütten die Nachnutzer sicherheitshalber eine weitere Schicht Erde auf, bevor sie selbst bauen. So gehe es immer weiter und je höher eine Wurt sei, desto wahrscheinlicher sei ihr hohes Alter.

Wurten gibt es seit etwa 2000 Jahren

Archäologische Funde in Ostfriesland lassen sich laut der Ostfriesischen Landschaft 14.000 Jahre zurückdatieren. Diese ältesten Spuren wurden einst auf dem heutigen Gelände des Auricher Windkraftanlagen-Herstellers Enercon entdeckt. Im Vergleich dazu sind die Wurten zwar noch jung, aber auch sie gehen bis auf den Beginn unserer Zeitrechnung zurück, weiß König. Angehäuft worden seien sie danach bis etwa ins Jahr 1200, als zum Schutz der Region immer mehr auf einen allgemeinen Deichbau gesetzt wurde. Die Burg Hinta wiederum, die früher Osterburg hieß, entstand in ihrer ursprünglichen Version etwa 100 Jahre später.

Laut dem Landkreis Aurich müssen nun in Hinte „jegliche Erdarbeiten im Beisein einer archäologisch versierten Fachkraft erfolgen.“ Das betreffe auch den Abriss der Bestandsgebäude, da diese nahe der Burg und der Kirche stehen, zweier „überregional bedeutsamer Baudenkmale.“ Es herrsche für beide ein „Umgebungsschutz“, der verhindern soll, dass ihr Erscheinungsbild unter den Arbeiten in der Nachbarschaft leide. Die Denkmalschutzbehörde müsse erst eine Genehmigung erteilen, bevor abgerissen werden kann.

Personalmangel bei den Archäologen

Laut König muss das Vorgehen vor Ort aber erst noch zusammen mit dem Bauherrn, mit Architekten und Statikern besprochen werden. Es handle sich nur um eines von jährlich etwa 2000 bis 2200 Bauvorhaben in Ostfriesland, denen die Archäologen grünes Licht geben müssen. Es herrsche Personalmangel. Der vom Landkreis erwähnte Einsatz eines Baggers diene der Untersuchung von ganzen Flächen. Bei der Bohrsondage hole man Erdproben aus verschiedenen Tiefen der Wurt hervor, um erste Aussage zu den einzelnen Schichten geben zu können.

Was das Ganze jetzt für zeitliche Auswirkungen auf das Bauvorhaben der Büter GmbH hat, ist indes noch unklar. Die Gesellschaft meldete sich bislang auf eine am vergangenen Donnerstag gestellte schriftliche Anfrage noch nicht zurück. Hintes Bürgermeister Uwe Redenius (parteilos) bestätigt auf Nachfrage, dass es mit der Firma aber in Kürze ein Gespräch in dieser Sache geben soll.

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