Verkehrswende Lieferengpässe bremsen Vormarsch der Elektroautos in Ostfriesland
Verwirrung um die Zukunft der Kaufprämie und lange Lieferzeiten bei Neuwagen: So ist es mit der Elektromobilität in Ostfriesland im ersten Halbjahr gelaufen.
Aurich/Norden/Leer - Kaufprämie, Umweltbonus, Innovationsprämie: Schon die Begriffe haben das Zeug dazu, für Verwirrung bei potenziellen Autokäufern zu sorgen. Hinzu kommen immer wieder Querschüsse aus der Politik. Finanzminister Christian Lindner (FDP) würde die staatliche Prämie mit Blick auf die Verschuldung des Bundes lieber heute als morgen auslaufen lassen, das vom Minister Robert Habeck (Grüne) geführte Wirtschaftsministerium sieht die Förderung immer noch als relevant für die Verkehrswende an.
Was und warum
Darum geht es: Die Zulassungszahlen von Elektroautos steigen trotz Widrigkeiten in Ostfriesland.
Vor allem interessant für: Autofahrer mit grünem Gewissen und potenzielle Neuwagenkäufer
Deshalb berichten wir: Wir wollten wissen, wie sich Unsicherheit bei der Kaufprämie, politische Diskussionen und die Lieferproblematik auf die geforderte Verkehrswende auswirken.
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Beschlossen ist bislang nur die Verlängerung des vom Staat und der Industrie gezahlten Zuschusses, der ursprünglich zum Jahresende 2021 auslaufen sollte, bis zum Jahresende 2022. Noch ist offen, wie die Förderung weitergeführt wird. Nach Vorschlägen des Wirtschaftsministeriums von Mitte April soll es Zuschüsse für Plug-in-Hybride nur noch in diesem Jahr geben. Bei reinen Stromern soll der Bundesanteil – von derzeit bis zu 6000 Euro – 2023 noch 4000 Euro betragen. 2024 und 2025 sollen es 3000 Euro sein, bevor dann von 2026 an keine Förderung mehr gewährt wird.
Wie geht es mit der Förderung weiter?
„Unsere Verkaufszahlen sind in diesem Jahr weiter nach oben gegangen - vor allem bei den Hybriden“, berichtet Hilko Ubben, Inhaber des gleichnamigen Mazda-Autohauses in Aurich. So sei etwa für ein neues Modell, das noch gar nicht bei ihm als Händler angekommen ist, bereits die gesamte Jahresproduktion verkauft. Allerdings ebbe die Nachfrage derzeit etwas ab. „Die Leute werden zögerlicher, weil keiner weiß, wie es nach dem Jahresende mit der Förderung aussieht.“ Damit sieht Ubben auch seine persönliche Einschätzung bestätigt, dass die Kunden die Fahrzeuge nur aufgrund der stattlichen Zuschüsse kaufen würden, und nicht aus Überzeugung. Ubben selbst hält es für sinnvoll, die Kaufprämie auslaufen zu lassen. „Dann hätten wir eine realistischere Einschätzung, was der Markt wirklich hergibt.“
Timke Wilken, Verkaufsleiter für Neu- und Gebrauchtwagen beim Auricher BMW-Autohaus Tekken, sieht in der Kaufprämie ebenfalls einen starken Kaufanreiz. Viele Kunden kämen vorbei und wollten sich noch in diesem Jahr die Prämie sichern. „Wenn wir dann sagen müssen, dass eine Zulassung noch in diesem Jahr wegen langer Lieferzeiten eher unwahrscheinlich ist, schwanken die Kunden zwischen Verärgerung und Verständnis für unsere Lage.“ Stichtag für die Prämie sei nun mal der Tag der Zulassung und nicht das Bestelldatum. Dennoch seien die Auftragseingänge gut, während die tatsächlichen Zulassungszahlen derzeit deutlich hinter denen des vergangenen Jahres liegen würden.
Resignation bei Verkäufern
„60 bis 70 Prozent der Anfragen für ein Neufahrzeug drehen sich bei uns um ein Elektro-Fahrzeug. Und am liebsten würden unsere Kunden das Auto gleich mitnehmen“, berichtet Heiko de Boer, Geschäftsführer und Verkaufsleiter beim B+K Autohaus in Norden. Doch die Verkaufs- und Zulassungszahlen sackten in den Keller. Der Grund: „Wir kriegen im Moment Neufahrzeuge nicht geliefert. Mal schnell auf E-Mobilität umsteigen, das geht so nicht.“ Frust und Verunsicherung der Kunden träfen auf Resignation bei den Verkäufern. „Was sollen wir denn machen? Wir können Liefertermine nicht verbindlich zusagen. Das macht unser Geschäft nicht einfach.“ Und so fahren in Norden überwiegend gebrauchte Verbrenner vom Hof. Selbst mit der Umweltprämie sei die Anschaffung eines Elektrofahrzeuges immer noch ein Rechenmodell. Individuell, anhand des persönlichen Gebrauchsprofils, müsste abgeklärt werden, inwieweit sich die Anschaffung lohnt.
„Was die Lieferfähigkeit angeht, sind wir ein Gewinner“, freut sich Marianne Scholtalbers, Chefin des gleichnamigen Leeraner Autohauses. Die Partner Toyota und Mitsubishi hätten nicht die Probleme mancher europäischer Konkurrenten. Und über mangelnde Nachfrage kann sie bei Elektrofahrzeugen auch nicht klagen. „Die Einstellung zur Elektromobilität ändert sich. Viele unserer Kunden sind wirklich neugierig“, betont Scholtalbers. Bei ihrer Analyse der Kaufhemmnisse stolpert die Unternehmenschefin immer wieder über die Frage nach der Reichweite und die Frage ‚Wie geht das mit dem Laden?‘. „Vor allem die Reichweite führt oft zu einer Blockade im Kopf“, hat sie festgestellt. Dabei sei viel wichtiger, wofür das Auto genutzt wird. „Wer überwiegend pendelt, für den reicht das allemal.“
Anmeldungen legen weiter zu
Die Einschätzung der Händler deckt sich zum Teil mit den Zulassungszahlen aus Ostfriesland. Im Landkreis Aurich ist der Bestand der reinen Elektrofahrzeuge bis zum 6. Juli auf 2011 gestiegen. Zum Jahresende 2021 waren es erst 1575, ein Jahr zuvor 582. Hinzu kamen zum Stichtag 6. Juli 2643 Hybridfahrzeuge nach 2128 (Jahresende 2021) und 1213 (Jahresende 2020). Im Landkreis Leer lag nach Auskunft der Pressestelle zum 1. Januar 2022 der Bestand der batterieelektrisch betriebenen Fahrzeuge bei 1141 nach 459 zum 1. Januar 2021 und 173 ein Jahr zuvor. Im Aufwärtstrend war auch die Zahl der Hybridfahrzeuge, deren Bestand zum 1. Januar 2022 auf 1940 beziffert wurde, nach 1046 (1. Januar 2021) und 573 zwölf Monate zuvor. Aktuellere Zahlen lagen dem Landkreis nicht vor, nach Einschätzung des Straßenverkehrsamtes habe die Anmeldung von E-Fahrzeugen auch im laufenden Jahr deutlich zugenommen.
Im Landkreis Wittmund waren 440 reine Stromer und 786 Hybride zum 30. Juni 2022 auf den Straßen unterwegs. Ein deutlicher Zuwachs zu den Vorjahren als jeweils zum 30. Juni 239 (2021) und 94 (2020) reine Elektroautos sowie 526 (2021) und 260 (2020) Hybridfahrzeuge gemeldet waren. In der Stadt Emden waren 441 reine Stromer und 546 Hybridfahrzeuge zum 1. Januar 2022 zugelassen. 2021 waren es 135 sowie 289, 2020 waren es zum Stichtag 1. Januar erst 39 und 132.
Bundesweit ist die Zahl der neu zugelassenen reinen Elektroautos im Juni 2022 nach Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes mit 32.234 gegenüber Juni 2021 um 3,5 Prozent zurückgegangen. Der Marktanteil der Stromer stieg allerdings auf 14,4 Prozent. Im ersten Halbjahr konnten die Elektroautos im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 12,5 Prozent zulegen. Mit 26.203 Neuzulassungen (ein Minus von 16,7 Prozent) ist hingegen der Anteil der Plug-in-Hybride im Juni auf 11,7 Prozent gesunken. Der Anteil der Benziner schrumpfte um 23,2 auf 37 Prozent, der von Diesel um 22,3 auf 18,9 Prozent.