Diskussion in Jemgum  Wie Straßen zu ihren Namen kommen

Rieke Heinig
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Von Rieke Heinig
| 07.07.2022 19:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Der Tote Weg in Jemgum soll aus ethischen Gründen einen neuen Namen erhalten. Foto: Heinig
Der Tote Weg in Jemgum soll aus ethischen Gründen einen neuen Namen erhalten. Foto: Heinig
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Wieso wohne ich eigentlich in der Schillerstraße? Straßen bekommen über verschiedene Wege ihre Namen. In Jemgum und Ditzum sollen jetzt Bürger nach ihrer Meinung gefragt werden.

Jemgum - Wird eine neue Straße gebaut, braucht sie auch einen Namen. Dafür gibt es in Deutschland schier endlose Möglichkeiten. Städte, Flüsse, Pflanzen, Gebäude oder geografische Besonderheiten. Eine der häufigsten Varianten ist laut ADAC der Name einer wichtigen Persönlichkeit. Das gilt als besondere Ehre, die normalerweise erst posthum verliehen wird. In Jemgum beispielsweise soll eine Straße im neuen Baugebiet „Toter Weg“ nun nach der Leeranerin Wilhelmine Siefkes, die ab 1910 in Jemgum Lehrerin war, benannt werden. Da Frauen laut ADAC als Namensgeberinnen für Straßen noch eher selten vertreten sind, schlägt die Gemeinde hier gleich zwei Fliegen mit einer Klappe.

Straßennamen wie „Toter Weg“ klingen dagegen nicht sonderlich positiv. Deshalb soll eine Straße in der Gemeinde zukünftig nicht mehr so heißen. Dass der Name erst jetzt geändert wird, habe gute Gründe: Es habe sich laut Verwaltung hartnäckig der Glaube gehalten, dass die Bezeichnung „Toter Weg“ im Zusammenhang mit Begräbnissen von ehemaligen jüdischen Mitbürgern stünde. Um das Andenken zu bewahren, wurde eine Umbenennung zunächst kritisch betrachtet. „Recherchen haben allerdings ergeben, dass dies wohl nicht der Fall ist“, heißt es von der Gemeinde. Die Begräbnisse seien historisch nicht belegbar und könnten heute nicht mehr nachvollzogen werden. Eine weitere Überlegung der Verwaltung, dass der Tote Weg seinen Namen erhalten haben könnte, weil über ihn Tote zum Friedhof transportiert wurden, stand ebenfalls zur Diskussion. „Aber auch das ist nur eine Vermutung und kann nicht belegt werden“, heißt es vonseiten der Gemeinde. Obwohl die Bedenken der historischen Relevanz des Namens so ausgeräumt werden konnten, wurde der Vorschlag, den Toten Weg in Am Armelbarg umzubenennen, im Bauausschuss kürzlich abgelehnt.

Woher Straßen ihre Namen kriegen

Da sowohl diese Straße, als auch eine im neuen Baugebiet in Ditzum, einen neuen Namen braucht, fordert die Politik nun, Bürgerinnen und Bürger einzubeziehen. In der Regel werden Straßennamen von der Verwaltung der jeweiligen Stadt oder der Gemeinde vorgeschlagen. Dann entscheidet die Politik – in Jemgum der Rat – ob der Vorschlag angenommen wird oder nicht. Einen Fahrplan, wie die Bürgerinnen und Bürger in Jemgum mitentscheiden können, gebe es laut Bürgermeister Hans-Peter Heikens (parteilos) noch nicht. Aber: „Eine Onlinebefragung scheidet aus, weil man damit viele ältere Menschen ausschließen würde“, so Heikens.

Auch stellt sich die Gemeinde noch die Frage, ob das Verfahren völlig offen sein soll. „Macht es wirklich Sinn, dass jeder Bürger seinen ganz persönlichen Vorschlag einbringen kann? Dann hätte man am Ende möglicherweise 70 Namen vorliegen, ohne eine wirkliche Tendenz erkennen zu können“, gibt der Bürgermeister zu bedenken. Welche Namen in Frage kommen, steht ebenso wenig fest. Denn für die Vergabe von Straßennamen gebe es laut Heikens keine besonderen Vorgaben. „Wir würden jedoch niemals Straßennamen vorschlagen, die beispielsweise Erinnerung an das NS-Regime hochhalten oder auch Namen, die in sonstiger Weise im Zusammenhang mit Gewalt, Verherrlichung oder auch Zynismus stehen“, sagt er.

Man hört immer wieder von Diskussionen um Straßennamen. In der Stadt Leer wurde jüngst diskutiert, ob die nach einem Nationalsozialisten benannte Bavink-Straße anders heißen sollte. Ob die Politik auch dort Bürgerinnen und Bürger nach ihrer Meinung fragt, ist noch offen. Man habe sich sich jedoch darauf geeinigt, dass das Leeraner Stadtarchiv das Thema aufbereiten und dann dem Ausschuss für Wirtschaft, Tourismus und Kultur einen Beschluss-Vorschlag unterbreiten werde.

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