US-Cars und Oldtimer  Mit dem Ami-Schlitten günstig durch die Ölkrise

Jens Schönig
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Von Jens Schönig
| 07.07.2022 17:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Sie teilen die Leidenschaft für schöne Autos mit großen Motoren. (Von links:) Holger Thaden, Karsten Peters, Daniel Schoon und Jörn Schneider. Foto: Schönig
Sie teilen die Leidenschaft für schöne Autos mit großen Motoren. (Von links:) Holger Thaden, Karsten Peters, Daniel Schoon und Jörn Schneider. Foto: Schönig
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Was macht die Faszination für US-Cars mit ihren meist großen Motoren aus? Und wie bekloppt ist das Hobby eigentlich bei den heutigen Spritpreisen? Darum geht es bei einem Treffen in Sandhorst.

Wiesmoor/Aurich - Expertenrunde auf dem Hof von Karsten Peters in Wiesmoor. Um seinen Ford F 150 steht „King Kasi“ mit drei Freunden und sie rätseln, warum der Pick-up nicht starten will. Neben dem Ford steht ein Chrysler Newport, Baujahr 1973, mit 6,7-Liter-Motor. Das giftgrüne Dickschiff, laut Peters „eines der größten Coupés, die damals gebaut wurden“, gehört ihm ebenfalls. Die Fahrzeuge seiner Gäste stehen ihm in den Abmessungen und der Motorisierung kaum nach.

Was und warum

Darum geht es: Autos sind nicht grundsätzlich böse. Auch nicht, wenn sie größer, älter und ein wenig versoffen sind.

Vor allem interessant für: alle, die sich für US-amerikanische Ingenieurskunst und technisches Kulturgut interessieren.

Deshalb berichten wir: Ein Hinweis auf das US-Car-Treffen in Aurich machte uns neugierig.

Den Autor erreichen Sie unter: j.schoenig@zgo.de

US-Cars üben auf viele Autofans eine besondere Faszination aus. Ob fahrendes Wohnzimmer wie Peters‘ Newport oder bullige Sportwagen wie der Ford Mustang: Wenn sich die Freunde amerikanischer Kfz-Ingenieurskunst treffen, ziehen ihre Fahrzeuge nicht wenige bewundernde bis neidische Blicke auf sich.

Wer sind die „alten Stinker“?

In den letzten Jahren ist aber auch Kritik hinzugekommen. Übermotorisiert sind sie, machen Krach und schalten den Klimawandel ganz allgemein noch einen Gang höher, sagen zumindest die Gegner. Aber ist der Straßenkreuzer mit dem Riesendurst wirklich so ein Umwelt-Bösewicht? „Ich hab mir früher hin und wieder einen Spaß draus gemacht, mit dem Wagen meine Eltern in Hamburg zu besuchen“, sagt Peters.

„Aber heute könnte ich für das Geld wohl eine Woche lang Vollpension nach Griechenland reisen.“ Sparsam fahren könne man den Wagen nun einmal nicht. „Ich hab alles versucht, aber 20 Liter auf 100 Kilometer nimmt er sich nun einmal.“ Deshalb fährt er den Newport inzwischen seltener und mit mehr Genuss. „Mit dem Auto parkt man nicht ein, damit legt man an“, kommentiert er schmunzelnd die Ausmaße des Chevy, der seinerzeit auch scherzhaft „Straßenjacht“ genannt wurde.

Moderate Kosten dank Autogas

Holger Thaden aus Wiesmoor fährt einen Chevrolet Caprice Station von 1990 mit 5-Liter V8-Motor. Er hat noch vier weitere Autos, die zwischen 26 und 56 Jahren alt sind. „Ich kann mit neuen Autos einfach nix anfangen“, sagt er. „Die sehen alle hässlich aus.“ Den Caprice fährt er relativ kostengünstig, weil er ihn auf Autogas umgerüstet hat. „Mit 15 Litern auf 100 Kilometer kostet mich das Fahren etwa so viel wie bei einem Benziner, der 8,5 Liter verbraucht“, rechnet er vor. „Und das ist dann schon besser als die meisten SUV heute. Dazu fährt er mit dem H-Kennzeichen auch steuerlich günstig.“

„Man darf ja nicht vergessen, dass heutige Autos auch immer noch Sprit verbrauchen“, fügt Peters hinzu. „Und noch jede Menge weiterer Ressourcen, wenn man sich wie die Deutschen im Durchschnitt alle sechs bis sieben Jahre ein neues Auto kauft. Deshalb ist es aus meiner Sicht viel nachhaltiger, ein Auto mehrere Jahrzehnte zu fahren, auch wenn es mal ein bisschen durstiger ist.“

Faszination für die handwerkliche Leistung

Jörn Schneider aus Wiesmoor fährt einen deutschen Straßenkreuzer, einen Opel Admiral von 1965 mit 5,7-Liter V8-Motor. „Den habe ich im vergangenen Oktober zu unserer standesamtlichen Hochzeit gefahren, dafür hatte ich ihn auch gekauft.“ Was der Admiral verbraucht, weiß Schneider nicht. „Ich fahre ihn einfach und wenn der Tank leer ist, tanke ich wieder auf“, sagt er. „Dafür nutze ich ihn dann wieder zu wenig. Wenn man gerade mal 1000 Kilometer im Jahr zurücklegt, hat man das einfach nicht im Fokus.“ Auf etwa 300 PS schätzt er die Leistung des Opels ein. „Dass man die wirklich mal ausschöpfen kann, ist eher unwahrscheinlich“, räumt er ein. „Aber haben ist besser als brauchen.“

Daniel Schoon fährt einen Opel Manta B von 1978. Der hatte ab Werk eigentlich nur eine 1,6-Liter-Maschine mit 70 PS verbaut. Schoons schwarzer Rochen hat aber ein 5,7-Liter Aggregat unter der Haube, das „etwa 250 bis 300 PS“ auf die Straße bringt. Ein Wertgutachten nennt den Manta ein „historisches Szenefahrzeug“. „Seit ich den Wagen vor zehn Jahren zum ersten Mal gesehen habe, wollte ich ihn haben“, sagt er. „Letztes Jahr war er wieder zu verkaufen und da habe ich zugegriffen.“ Fast alle seine Autos waren bisher Opel Manta. „Ich habe wohl schon so 20 Stück gehabt“, sagt er. „An diesem fasziniert mich in erster Linie die handwerkliche Leistung, dass einfach mal jemand so etwas gemacht hat. Und dass er ein bisschen aussieht wie aus ‚Mad Max‘“.

Im Endeffekt nachhaltiger

Auch Schoon ist der Meinung, dass alte Autos im Endeffekt nachhaltiger sind. „Man kann das eine oder andere selbst machen und die Ersatzteile sind noch relativ kostengünstig. Heute haben die Autos lauter Elektronik verbaut und wenn einmal ein Steuergerät kaputtgeht, wird es gleich richtig teuer.“ US-Autos lassen sich laut Peters zudem wegen ihrer modularen Bauweise vergleichsweise einfach instand halten. „Im Prinzip passt alles aus einem Ford in jeden anderen Ford“, sagt er. „Mitunter kannst du sogar ein Chevy-Getriebe in einen Chrysler einbauen.“

Nicht nur amerikanische Autos brauchen im Alter mehr Zuwendung. Foto: Schönig
Nicht nur amerikanische Autos brauchen im Alter mehr Zuwendung. Foto: Schönig

Lothar Freese, Obermeister der Innung des Kraftfahrzeughandwerks für Ostfriesland, kann die Faszination vor allem für ältere US-Autos verstehen. „Das sind für viele Leute ja Erinnerungen, zum Beispiel an Filme oder Serien aus der Kindheit“, sagt er. „Als Hobby-Oldtimer sind sie ja von der Umweltbelastung her auch nicht schlimm, weil sie selten fahren.“ Als Alltagsfahrzeuge für eine breite Masse sieht er sie eher kritisch. „Da sollte man sich lieber regelmäßig auf einen neueren Stand der Technik bringen, mit einem neueren Auto“, findet er. Von Umrüstungen auf Autogas hält Freese wenig. „Je nach Alter des Fahrzeugs kann das riskant sein, denn Autogas hat eine höhere Verbrennungstemperatur als Benzin“, erklärt Freese. „Das kann die Ventile schädigen. Man braucht in jedem Fall spezielle Zündkerzen.“

„Manchmal ein blöder Kommentar“

Dass den Werkstätten mit den US-Car- und Oldtimer-Fans ein Geschäft durch die Lappen geht, weil sie vieles an ihren Autos selbst machen, sieht Freese nicht. Eher im Gegenteil: „Die Innung hat in den letzten Jahren viele Lehrgänge angeboten, um Werkstätten fit für Oldtimer zu machen“, sagt er. „Und vor allem bei größeren Autos um Motoren ist am Ende doch oft Fachkenntnis gefragt.“ Die Kosten für solche Autos sieht er eher gelassen. „Jeder muss ein Hobby haben“, sagt er. „Bootfahren und Fliegen ist auch teuer.“

Kritik an ihrem Hobby hat auch Annika Harms in letzter Zeit öfter gehört. Sie ist Vorsitzende des Vereins US Cars Ostfriesland. Der veranstaltet an diesem Wochenende sein 16. US-Car- und Van-Treffen. „Man kriegt manchmal schon einen blöden Kommentar wie ‚Umweltferkel‘ oder so was, dann gibt′s einfach einen Kommentar zurück“, sagt sie. Auch in ihrem Verein fahren einige Mitglieder mit Autogas. „Das ist ein guter Kompromiss“, findet sie. „Auch wenn das Original immer schöner ist.“ Die Faszination für die Fahrzeuge lässt sich für sie schwer erklären. „Diese alten Autos haben einfach eine Seele“, sagt Harms. „Man muss sie mal gesehen und gehört haben, dann kann man das verstehen.“

Gelegenheit dazu gibt es ab diesem Freitag bis zum Sonntag in der Esenser Straße 156 in Sandhorst. Neben blubbernden V8-Aggregaten und glänzendem Chrom werden laut Harms auch Live-Musik am Freitagabend und eine Ausstellung rund ums Auto und ein Oldtimer-Café am Sonntag mit selbst gebackenem Kuchen geboten. Der Eintritt ist für Tagesbesucher frei. Camper zahlen zehn Euro pro Nacht und Fahrzeug inklusive Strom und Frühstück.

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