Chefarzt hat klare Meinung  Ein Geburtshaus? Wenn, dann in Uthwerdum

Marion Luppen
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Von Marion Luppen
| 07.07.2022 15:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Werden auch nach Eröffnung der Zentralklinik in Aurich noch Kinder zur Welt kommen? Darum ging es in einer Podiumsdiskussion in Aurich. Foto: Jaspersen/dpa
Werden auch nach Eröffnung der Zentralklinik in Aurich noch Kinder zur Welt kommen? Darum ging es in einer Podiumsdiskussion in Aurich. Foto: Jaspersen/dpa
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Viele Auricher wollen sich nicht damit abfinden, dass es nach 2028 keine Geburten mehr in der Kreisstadt geben wird. Ist ein Geburtshaus eine Alternative? Ein Chefarzt hat Zweifel.

Aurich - Wenn 2028 die Zentralklinik in Uthwerdum eröffnet wird, schließt das Auricher Krankenhaus und mit ihm die Geburtsklinik. Dort kommen pro Jahr 1200 bis 1400 Kinder zur Welt. Ab 2028 ist für Geburten allein die Zentralklinik zuständig. Sie wird ein Eltern-Kind-Zentrum mit fünf Kreißsälen haben. Doch nicht alle sind davon begeistert. In Aurich gibt es den Wunsch, auch nach 2028 Geburtsmöglichkeiten vor Ort zu behalten. Der Rat hat im Mai eine entsprechende Resolution beschlossen.

Was geht? Was geht nicht? Darüber wurde am Mittwoch auf Initiative der Auricher Gleichstellungsbeauftragten Birgit Ehring-Timm in der Stadthalle diskutiert. Vertreter des Landkreises und der Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden stellten klar, was auch Landrat Olaf Meinen (parteilos) mehrfach betont hat: Eine Geburtsklinik wird es in Aurich nicht mehr geben. „Die Geburtsklinik und alles, was dazu gehört, wechseln nach Uthwerdum“, sagte Andreas Epple, der die Nachnutzung der heutigen Klinikgebäude plant.

„Diese Fahrzeit ist schon kritisch“

Was hingegen denkbar ist, ist ein Geburtshaus. Das ist eine von Hebammen geführte Einrichtung ohne Arzt. Von der Ubbo-Emmius-Klinik (UEK) Aurich – also dem möglichen Standort des Geburtshauses – bis zur Zentralklinik sind es zwölf Kilometer. Ein Rettungswagen mit Blaulicht bräuchte also je nach Verkehrslage rund 15 Minuten. „Diese Fahrzeit ist schon kritisch“, sagte Dr. Helmut Reinhold, Direktor der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe an der UEK. Es sei problematisch, wenn bei einer Geburt Komplikationen aufträten und die werdende Mutter dann erst nach Uthwerdum gebracht werden müsste, so der Arzt.

An dieser Stelle grätschte Veronika Bujny rein: „Jetzt widersprechen Sie sich selbst“, sagte die Hebamme aus Westoverledingen (Landkreis Leer), die Vorsitzende des Hebammenverbandes Niedersachsen ist. Anderen werdenden Müttern aus dem Landkreis Aurich und aus Emden würden viel weitere Wege zur Zentralklinik zugemutet. Das wiederum wies Reinhold zurück: „Sie missverstehen mich bewusst.“ Eine Frau, die zu Hause einen Blasensprung habe, bringe ja nicht innerhalb weniger Minuten ein Kind zur Welt. Da bleibe genug Zeit für die Fahrt ins Krankenhaus. In einem medizinischen Notfall hingegen wäre es besser, wenn zwischen dem Geburtshaus und der Klinik keine große Entfernung bestehe. Reinholds Schlussfolgerung: Ein Geburtshaus wäre am besten auf dem Gelände der Zentralklinik in Uthwerdum aufgehoben.

„Es geht uns allen um gesunde Kinder“

Es war einer der wenigen Augenblicke, in denen die Diskussion an Schärfe gewann. Ansonsten waren die Teilnehmer auf dem Podium trotz teils gegensätzlicher Interessen um einen versöhnlichen Ton bemüht. „Grundsätzlich kann ich mir vorstellen, ein Geburtshaus zu unterstützen“, sagte Reinhold. „Es geht uns allen um gesunde Kinder und gesunde und glückliche Frauen.“ Er wies allerdings auch darauf hin, dass nicht einmal zwei Prozent der Frauen Kinder in Geburtshäusern oder zu Hause zur Welt bringen. Andrea Janssen von der Klinik-Trägergesellschaft konnte der Idee eines hebammengeleiteten Kreißsaals, wie ihn Bujny ins Spiel gebracht hatte, etwas abgewinnen. Angebote wie die Elternschule oder die Hebammensprechstunde könne man dezentral an den heutigen Klinikstandorten anbieten, so Janssen. „Das alles muss ja nicht in Uthwerdum stattfinden.“

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Im Publikum saß Hilko Gerdes aus Münkeboe. Der CDU-Kreistagspolitiker, der dem Aufsichtsrat der Klinik-Trägergesellschaft angehört, redete im Gespräch mit dieser Zeitung von „heißer Luft“. Man rede hier über vielleicht zwei oder drei Geburten im Monat. Am Donnerstag meldete sich Gerdes in einer Pressemitteilung zu Wort. Darin bezeichnet er die Veranstaltung als „Farce“. Sein Appell: „Hört auf mit dem unproduktiven Gerede über die Einrichtung eines Geburtshauses in Aurich, verunsichert nicht weiter die Eltern und akzeptiert endlich, dass unsere Mütter und Kinder mit Abstand am besten in der Zentralklinik aufgehoben sein werden.“