Streit in Bensersiel Küstenschutz oder Tourismus – wem gehört der Deich?
Der Deich in Bensersiel muss erhöht werden, zum Schutz vor den Folgen des Klimawandels. Im Ort wünscht man sich nun einen großen teuren Bau, einen ganz neuen Deich. Zum Unmut der Deichacht.
Esens/Bensersiel - In Bensersiel wird es mit der Erhöhung des Deiches wohl noch etwas dauern – sehr zum Unmut der Küstenschützer. „Wir können uns bereit erklären, eine Machbarkeitsstudie abzuwarten“, erklärt Oberdeichrichter Jan Steffens am Telefon. Das Zähneknirschen ist deutlich herauszuhören. Eine unendliche Geschichte, sagt er noch, dürfe das auf keinen Fall werden.
Was und warum
Darum geht es: Der Deich in Bensersiel soll erhöht werden, doch viele Bürger wollen das nicht.
Vor allem interessant für: Küstenbewohner, die vom Schutz der Deiche abhängen.
Deshalb berichten wir: Die Deichacht Esens-Harlingerland hat zu einem Pressegespräch eingeladen. Die Autorin erreichen Sie unter: i.oltmanns@zgo.de
Steffens und Geschäftsführer Meinhard Edzards von der Deichacht Esens-Harlingerland hatten zu einem Pressegespräch eingeladen, aus Unmut über eine Entwicklung, die sie gewissermaßen zum Abwarten zwingt. Eigentlich möchten sie lieber loslegen und die Erhöhung des Deichs in Bensersiel vorantreiben. Seit 2017 sei klar, dass der Deich eine Fehlhöhe von einem Meter habe, berichten die beiden. Wenn jetzt eine schwere Sturmflut komme und Schaden anrichte, sei das Geschrei groß, fürchten beide. Die Deichacht ist zuständig für den Deich und muss dafür sorgen, dass er das Land dahinter trocken hält.
Die große und die kleine Lösung
Dabei ist das Geschrei jetzt schon groß: Die Bensersieler wollen ihr Küstenörtchen endlich touristisch weiterentwickeln. Ein noch höheres Bauwerk im Ort finden sie dabei nicht hilfreich. Im Kern des Streits gibt es zwei Möglichkeiten, mit dem zu niedrigen Deich umzugehen: Entweder die bestehende Deichlinie wird um den einen fehlenden Meter erhöht. Oder der Deich wird in einer nördlichen Schleife um den Bensersieler Hafen ganz neu gebaut, der alte könnte dann weg. Steffens und Edzards wollen den bestehenden Deich erhöhen und haben das auch in einer Ratssitzung der Stadt Esens, zu der Bensersiel gehört, so vorgestellt.
Die Reaktionen waren verheerend: Aus dem Rat und von den Zuschauern kam scharfe Kritik. Der Deich noch höher und dann die bestehenden touristischen Aufbauten auch gleich noch wegnehmen? Nein, das will man nicht. Im Ort will man lieber die große Lösung, also weg mit dem alten Deich und einen ganz neuen und deutlich vorgelagerten. Darin sehen viele Bürger neue Chancen für den Ort, der jahrzehntelang durch den Streit um die Umgehungsstraße planerisch quasi gelähmt war.
Im Telefongespräch betonen die beiden Deichschützer Steffens und Edzards, dass es im Ermessen der Deichacht liege, den Deich zu erhöhen, wie sie es für richtig halte. Steffens fügt allerdings hinzu: „Es macht keinen Sinn, wenn die Stadt und der Rat mit der Entscheidung nicht leben können.“ Die hatten sich übrigens im Juni noch Unterstützung aus der Landesregierung geholt: Umweltminister Olaf Lies (SPD) war auf Einladung der Stadt Esens nach Bensersiel gekommen und hatte Verständnis dafür gezeigt, dass man die große Lösung näher untersuchen wolle, bevor eine Entscheidung falle. So berichtet es jedenfalls der Esenser Stadtdirektor Harald Hinrichs. Steffens und Edzards waren gar nicht eingeladen.
Die großen und die kleinen Kosten
“Wir würden gern untersuchen, welche Wirkungen eine neue Hauptdeichlinie für den Ort hätte“, sagt Hinrichs. Wie die neu eingedeichte Fläche also künftig wirtschaftlich und touristisch nutzbar sei, durch Hotelbau etwa. Hinrichs spricht von insgesamt 36 Hektar neu eingedeichter Fläche, sollte der alte Deich abgebaut und ein neuer nördlich um den Hafen gebaut werden. Die Deichacht kommt in ihrer Rechnung auf 29 Hektar.
Im Esenser Rathaus sucht man bereits nach Fördermöglichkeiten für die geplante Machbarkeitsstudie. Laut Hinrichs könnte sie im Herbst starten und Ende 2023 Ergebnisse liefern. Das Hauptproblem steht dann allerdings noch immer im Raum: die Kosten. Denn die beiden Lösungen unterscheiden sich deutlich. Die einfache Deicherhöhung koste etwa fünf Millionen Euro, die große Lösung dagegen 70 bis 80 Millionen Euro – so rechnet es die Deichacht vor. Aus Küstenschutzmitteln könne die große Lösung nicht bezahlt werden, betont Jan Steffens. Auch die Stadt Esens schüttelt diesen Betrag nicht aus der Tasche und könne, so betont der Stadtdirektor, keine Fördermittel für einen Bau beantragen, den dann jemand anders ausführe. Die Deichacht nämlich.
Dort will man nun also abwarten, wenn auch gezwungenermaßen. Und auch nicht so ganz. „Man kann jetzt die Machbarkeitsstudie abwarten“, sagt Geschäftsführer Edzards, „aber parallel sollten die Planungen für die Deicherhöhung weiter vorangetrieben werden.“ Es fehlt eben ein Meter für den nötigen Schutz. Für den er mitverantwortlich ist.