Kolumne: Artikel 1, GG  Eine erschreckende Entwicklung der Gesellschaft

Canan Topçu
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Eine Kolumne von Canan Topçu
| 06.07.2022 09:13 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Canan Topcu
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Mittwochs geht es in unserer Kolumne immer um das Thema Recht und unterschiedliche Kulturen. Diesmal widmet sich unsere Kolumnistin der umstrittenen Absage eines Vortrags in Berlin.

Dieser Tage erinnerte ich mich an meine Schulzeit, genauer an den Biologieunterricht bei Frau Blume. Sie erklärte recht spröde der Klasse, was einen Mann und eine Frau ausmacht anhand anatomischer Zeichnungen. Mir als seinerzeit schamhaftes türkisches Migrantenmädchen war diese Aufklärungsstunde unangenehm. Diesen Unterricht will ich aber nicht missen, denn er trug dazu bei, dass sich einige Fragen in Luft auflösten. Ich erfuhr, wie und warum sich Männer und Frauen organisch unterscheiden, dass es bei Menschen zwei Geschlechter gibt, es aber auch mal vorkommt, dass Menschen mit Geschlechtsorganen von Männern und Frauen zur Welt kommen.

Es gibt inzwischen Gruppen, die fest davon überzeugt sind, dass das, was nicht nur ich im Biologieunterricht gelernt habe, falsch ist. Würden diese Menschen es dabei belassen, zu denken, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt, wäre es in Ordnung. Dass sie aber inzwischen einen Druck auf Institutionen – wie am Wochenende auf die Berliner Humboldt-Universität – ausüben können, das bringt mein Koordinatensystem ins Schwanken. Nach Ankündigung von Protestaktionen, zu denen der „Arbeitskreis kritischer Jurist*innen an der Humboldt Uni Berlin“ aufgerufen hatte, sagte nämlich die Uni den Vortrag einer Biologin mit dem Titel „Geschlecht ist nicht (Ge)schlecht – Sex, Gender und warum es in der Biologie zwei Geschlechter gibt“ ab – und zwar aufgrund von „Sicherheitsbedenken“. Der Protest richtete sich gegen die in der Szene als „transfeindlich“ geltende Wissenschaftlerin. Sich an biologischen Fakten halten, heißt doch nicht per se, gegen queere Menschen zu sein.

Dass die Uni einknickt und einen Vortrag absagt, anstatt für die Sicherheit der Referentin zu sorgen, das ist erschreckend! Was sagt das über eine Gesellschaft aus, in dem mit Tumulten zu rechnen ist, wenn an einer Universität auf den Unterschied zwischen „Sex“ und „Gender“, also biologisches und soziales Geschlecht, hingewiesen wird?

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