Einsatz bei Katastrophe  Rettungsdienst muss schnell Ordnung ins Chaos bringen

Oliver Bär
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Von Oliver Bär
| 01.07.2022 15:47 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
In welchem Krankenhaus die Verletzten untergebracht werden können, ist eine der kniffligen Aufgaben der Einsatzleitung. Foto: dpa
In welchem Krankenhaus die Verletzten untergebracht werden können, ist eine der kniffligen Aufgaben der Einsatzleitung. Foto: dpa
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Bei einem Unglück mit vielen Verletzten sind die Rettungsdienste besonders gefordert. Wie der Landkreis Aurich aufgestellt ist und wo Herausforderungen liegen.

Aurich - Ein Feuerball rast auf die Menschenmenge zu. Schreiend versuchen die Besucher des Flugtages auf dem US-amerikanischen Militärstützpunkt Ramstein in Rheinland-Pfalz, der abgestürzten Kunstflugmaschine aus dem Weg zu gehen, die über die Piste auf sie zu rutscht. Vielen gelingt das nicht. Wer die Bilder der Katastrophe aus dem Jahr 1988 gesehen hat, vergisst sie nicht. 70 Todesopfer forderte das Unglück nach offiziellen Angaben. Etwa 1000 Menschen wurden bei dem Unglück verletzt. Für das Notfallrettungswesen hatte und hat das Unglück weitreichende Konsequenzen.

Was und warum

Darum geht es: Bei Großeinsätzen mit vielen Verletzten sind die Rettungsdienste besonders gefordert.

Vor allem interessant für: alle Einwohner, Rettungskräfte und Kommunalpolitiker

Deshalb berichten wir: Im Betriebsausschuss wurde berichtet, wie der Rettungsdienst im Landkreis Aurich auf solche Fälle vorbereitet ist und wie er agiert.

Den Autor erreichen Sie unter: o.baer@zgo.de

Dem Absturz der drei Kunstflugmaschinen folgte ein absolutes Chaos, das über Stunden anhielt, berichtete Detlev Schmitz, der ärztliche Leiter des Rettungsdienstes im Landkreis Aurich, im Betriebsausschuss. „Das geht gar nicht: Ziel muss immer sein, selbst mit begrenzten Mitteln möglichst vielen Menschen das Überleben zu ermöglichen und Folgeschäden in Grenzen zu halten.“ Das Land Niedersachsen habe dies erkannt und Festlegungen für den Katastrophenfall getroffen, die einen entsprechenden Rahmen setzen. Festgeschrieben seien diese etwa in den Empfehlungen zur Bewältigung von Notfallereignissen mit einer größeren Anzahl von Verletzten oder Kranken. Im schönsten Bürokratendeutsch wird dort vom MANV (Massenanfall von Verletzten und Erkrankten) gesprochen.

50 Verletzte sind allein nicht zu handhaben

„Wir wissen nicht was, wann, wo passiert“, beschrieb Schmitz die grundsätzliche Problematik der Großschadenereignisse, von denen es etwa zehn bis zwölf pro Jahr im Landkreis gibt. Um die begrenzten Ressourcen möglichst sinnvoll einzusetzen, seien Informationen zu Beginn das zentrale Thema. Der schnelle Überblick, der zuerst am Einsatzort eintreffenden Helfer, sei genauso wichtig, wie das korrekte Nachmelden. Je nach MANV-Stufe würden dann die entsprechenden Einheiten alarmiert und bei Bedarf nachalarmiert.

Dabei beginnt das Schadensgroßereignis in der Eingangsstufe MANV 7 bereits bei fünf betroffenen Personen. Benannt werden die Stufen jeweils nach der Zahl der maximal zu versorgenden Patienten. Schluss ist bei MANV >50. Dies seien dann Größenordnungen, die allein vom Rettungsdienst des Landkreises und den ehrenamtlichen Partnern nicht mehr zu handhaben wären.

Das unschöne Wort der Triage

Am Einsatzort selbst beginne die Selektion, wer vordringlich behandelt werden müsse. Das unschöne Wort der Triage sei seit Corona durchaus geläufig, sagte Schmitz. Dabei sei es meist nicht derjenige, der am lautesten schreit, um den sich die Retter kümmern müssten. „Der kann ja noch schreien. Wer nur noch wimmert, ist häufig schlimmer dran.“ Schnellstmöglich müssten in der Folge die schwer- und schwerstverletzten Patienten auf die umliegenden Krankenhäuser verteilt werden.“

Utopisch sei, fünf oder mehr Schwerstverletzte in ein Krankenhaus zu bringen. „Das können die gar gleichzeitig leisten“, betont Schmitz. In der Auricher Ubbo-Emmius-Klinik beispielsweise sei das Ärzte-Team mit einem Fall mindestens für 30 Minuten beschäftigt. Tagsüber könnte noch weiteres Personal zusammengetrommelt werden, sodass möglicherweise ein zweiter Schwerverletzter gleichzeitig behandelt werden könnte. Nachts oder am Wochenende sei dies schon schwieriger.

Die Einsatzleitung sei daher gefordert, freie Kapazitäten der Krankenhäuser und auch die Kompetenzen immer im Blick zu haben. Wenig Hoffnung hat Schmitz, dass sich durch die neue, geplante Zentralklinik daran etwas ändert. „Fünf Schwerverletzte werden auch dort nicht gleichzeitig behandelt werden können. Ostfriesland sei halt nicht mit einer Großstadt zu vergleichen, die auf kleinem Raum über eine Universitätsklinik und mehrere weitere Krankenhäuser verfüge.

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