Hannover Trotz Gas-Not: Olaf Lies schließt Fracking in Niedersachsen aus
Deutschland ist bei Gas und Öl von anderen Staaten abhängig. Wie Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) zur heimischen Förderung, umstrittenen Alternativen wie Fracking und der geplanten Gasförderung vor Borkum steht, sagt er im Interview mit unserer Redaktion.
Frage: Herr Lies, seit Beginn des Ukraine-Krieges sprechen wir viel über Abhängigkeiten in Bezug auf Rohstoffe. Insbesondere Erdgas, aber auch ein großer Teil der heimischen Ölförderung kommt aus Niedersachsen. Welche Bedeutung hat das für das Bundesland?
Antwort: Aktuell stellt sich vor allem die Frage, ob der Anteil, den die heimische Öl- und Gasförderung am Gesamtverbrauch dieser Rohstoffe in Deutschland hat, gehalten werden kann. Die Förderung von Öl und Gas in Niedersachsen geht zurück. Wir haben ganz wesentlich ausgeförderte Lagerstätten und in dieser Legislaturperiode entschieden, dass es zum Beispiel in Trinkwasserschutzgebieten und auch im Wattenmeer keine neuen Bohrungen geben darf.
Frage: Das Projekt des niederländischen Unternehmens One-Dyas für eine Erdgasförderung vor Borkum zeigt, dass durchaus noch Potenziale vorhanden wären. Könnte durch zusätzliche Projekte der Anteil der heimischen Förderung steigen?
Antwort: Wesentliche Potenziale ließen sich nur dann heben, wenn man sich für Fracking entscheidet und das Schiefergas fördert. Das lehnen wir in Niedersachsen jetzt und auch künftig ab.
Frage: Es gibt durchaus Stimmen in der Politik, die laut über Fracking nachdenken. Die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine auf die Energieversorgung haben gezeigt, dass wenn nötig doch mehr möglich ist als gedacht. Können Sie da Fracking tatsächlich kategorisch ausschließen?
Antwort: Ja, das kann ich. Wir haben in Niedersachen entschieden, dass wir von den Möglichkeiten, die der Bund in Sachen Fracking eröffnet, keinen Gebrauch machen wollen. Hier hat sich unsere klare Haltung nicht verändert. Die Schiefergasförderung würde aus meiner Sicht auch ein völlig falsches Signal senden.
Frage: Inwiefern?
Antwort: Abgesehen davon, dass Fracking schon aus Sicht des Gewässerschutzes falsch ist, wollen wir raus aus dem fossilen Gas. Wenn wir heute eine Debatte über Fracking führen, ist das ein genau gegensätzliches Zeichen. Aufgrund der langen Genehmigungsphasen würde Fracking heute nicht dazu beitragen, Abhängigkeiten bei der Gasversorgung zu verringern. Und durch die langen Investitionszyklen manifestieren wir hier Gasförderung für viele Jahrzehnte. Das würde dazu führen, dass wir in Zukunft länger auf das Gas zurückgreifen, obwohl wir eigentlich grüne Gase wollen. Zumal aus den konventionellen Lagerstätten auch in den nächsten Jahren noch gefördert werden wird.
Frage: Wie passt da die geplante Erdgas-Förderung vor der Küste Borkums ins Bild? Es wird zwar nicht gefrackt, aber hier hat die Landesregierung ihre ablehnende Haltung zugunsten eines möglicherweise neuen Projektes aufgegeben.
Antwort: Die Entscheidung ist nicht leicht gefallen. Aber der Ukraine-Krieg hat vieles verändert. Wir sind nicht nur von russischem Gas abhängig, sondern auch von Gas aus den Niederlanden. Da können wir unseren niederländischen Nachbarn doch nicht erklären, dass wir auf der einen Seite mehr Gas geliefert bekommen möchten, auf der anderen Seite aber die Förderprojekte grundsätzlich ablehnen. Da mussten wir neu abwägen. Zumal es sich um einen begrenzten Zeitraum der Förderung handelt. Losgelöst davon muss der Schutz des Nationalparks und der Insel Borkum gewährleistet sein.
Frage: Der Austritt von Lagerstättenwasser über Jahre an einer Bohrung in Emlichheim hat gezeigt, welche Gefahren aufgrund von Erdgasbohrungen im Boden schlummern können. Kann ein weiterer Fall in Zukunft ausgeschlossen werden?
Antwort: In den vergangenen Jahrzehnten haben wir die Industrie zu sehr sich selbst überlassen. Das hat sich im Nachgang des Vorfalls in Emlichheim verändert und das ist auch richtig so. Zusammen mit der Wasserwirtschaft und der Industrie haben wir die Standards deutlich erhöht und Kriterien erarbeitet, wie bestehende Förderungen sicherer werden können. Eingeführt haben wir zum Beispiel den Bohrloch-Tüv, der den Zustand der Bohrlöcher regelmäßig kontrolliert.
Frage: Brauchte es erst ein Emlichheim, damit genauer hingeschaut wird?
Antwort: Nein, aber leider sind wir immer wieder in einer Situation, in der erst schlimme Ereignisse dazu führen, dass wir Themen konsequenter angehen. Normalerweise sorgt der Vorsorgegrundsatz, der beim Thema Umwelt die entscheidende Rolle spielt, dafür, dass gehandelt wird, bevor etwas passiert.
Frage: Trotz neuer Standards bleibt es dabei, dass Umweltschutz und Rohstoffabbau beziehungsweise Energiegewinnung im Allgemeinen nicht immer Hand in Hand gehen.
Antwort: Wichtig ist es, klar zu definieren was geht und was nicht. Das muss nicht zu einem entweder oder führen, sondern kann – nehmen wir die Erdgasförderung – mit einem Höchstmaß an Sicherheit passieren. Das Spannungsfeld ist übrigens nicht auf die fossilen Energien beschränkt, sondern gilt auch für den Ausbau der Windkraft. An einem konsequenten Ausbau führt aus meiner Sicht nichts vorbei. Aber nicht gänzlich zu Lasten des Umweltschutzes. Dafür braucht es Lösungen. Die Widersprüche zu betonen, bringt uns nicht voran.
Frage: Genau die scheinen in der Diskussion aber im Vordergrund zu stehen.
Antwort: Da müssen wir mit mehr Klarheit kommunizieren. Das gilt auch für die jetzt eingegangenen Energiepartnerschaften. Das Gas, das wir aus dem Ausland bekommen, wird auch gefördert und in Teilen sogar gefrackt. Es kann nicht sein, dass wir das bei uns nicht wollen, es jedoch anderswo in Kauf nehmen. Hier müssen wir Verantwortung übernehmen. Und das heißt in der Konsequenz, ein Erdgas-Projekt vor Borkum zu prüfen ebenso wie den Ausbau der Windenergie zu forcieren.
Frage: Anders als LNG-Terminals dauert die Genehmigung von Windparks jedoch noch immer sehr lange…
Antwort: Hier hätte ich mir gewünscht, dass das Beschleunigungsgesetz auch für den Ausbau der Erneuerbaren gibt. Das LNG-Beschleunigungsgesetz muss die Blaupause sein für genauso ambitionierte Beschleunigungsvorhaben zum Ausbau der Erneuerbaren und der Netze. Allerdings ist der Bau von LNG-Terminals aus meiner Sicht kein Festhalten am fossilen Zeitalter. Perspektivisch kann die Infrastruktur dazu genutzt werden, grüne Gase zu importieren. Wir gehen davon aus, dass rund 30 Prozent der Energie nicht über Wind und Solar in Deutschland erzeugt werden kann, sondern importiert werden muss. Das kann für viele Länder in Europa und weltweit eine Perspektive sein, Wertschöpfung zu generieren.
Frage: Tauscht man dann nicht eine Abhängigkeit gegen eine andere? Zumal die Frage ist, ob Wind und Sonne tatsächlich den gesamten Bedarf sicher decken können.
Antwort: Nein. Die Lösung, zum Beispiel LNG per Schiff zu importieren, macht uns flexibler und öffnet die Möglichkeit, auf unterschiedliche Länder als Lieferanten zurückzugreifen. Allerdings gilt: Energieimporte dürfen uns nicht davon befreien, den Ausbau von Wind- und Sonnenenergie in Deutschland voranzutreiben. Jede Kilowattstunde, die wir nicht importieren, macht uns weniger abhängig.
Frage: Auch für die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach braucht es Rohstoffe – Lithium zum Beispiel. Es gibt erste Projekte, dies auch in Niedersachsen und Deutschland zu gewinnen. Welche Potenziale sehen Sie hier?
Antwort: Das Projekt in Munster ist in doppelter Hinsicht interessant. Zum einen ist das Geothermie-Projekt ein Beispiel dafür, wie Wärme aus Erneuerbaren gewonnen werden kann. Zum anderen macht es das Lagerstättenwasser einer ehemaligen Erdgasbohrung, das bislang ausschließlich als problematisch angesehen wurde, nutzbar, indem daraus Lithium gewonnen wird. Jetzt muss geprüft werden, welche Mengen tatsächlich enthalten und welche Fördervolumen zu erwarten sind.
Frage: Sie könnten sich also durchaus vorstellen, auch andere Bohrlöcher entsprechend zu „recyceln“?
Antwort: Ja klar, warum nicht. Und es birgt noch eine Chance: Aus einem Träger fossiler Energie wird die Grundlage für erneuerbare. Nicht nur in Sachen Wärmeversorgung, sondern auch für die E-Mobilität. Lagerstätten sind endlich, gleichzeitig steigt der Anspruch, den wir in Sachen Umwelt- und Arbeitsschutz an den Abbau von Lithium haben. Diese Kombination kann eine Produktion in Deutschland wettbewerbsfähig machen.
Frage: Es bleibt jedoch dabei, dass der Rohstoff gewonnen werden muss.
Antwort: Das ist richtig, hier braucht es Recyclingprozesse. Wenn wir E-Mobilität als Klimaschutz definieren, reicht es nicht aus, E-Auto zu fahren. Wir müssen dafür sorgen, dass aus alten Batterien neue entstehen. Es muss einen Kreislauf geben, damit Rohstoffe nicht vernichtet und immer neue gefördert werden. Hier ist die Politik in der Verantwortung und muss einen gesetzlichen Rahmen vorgeben. Nachhaltigkeit bedeutet, in Rohstoffketten und Recyclingfähigkeit zu denken.