Hamburg  Transgender: Patrick Gensings Tochter ist jetzt sein Sohn

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 29.06.2022 15:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Patrick Gensing (48), Pressesprecher beim FC St. Pauli, spricht öffentlich über die Transgeschlechtlichkeit seines Kindes. Foto: FC St. Pauli
Patrick Gensing (48), Pressesprecher beim FC St. Pauli, spricht öffentlich über die Transgeschlechtlichkeit seines Kindes. Foto: FC St. Pauli
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Vergangenes Jahr outete sich Patrick Gensings Kind als trans: Aus seiner Tochter wurde sein Sohn. Nun setzt der 48-Jährige große Hoffnungen in das geplante „Selbstbestimmungsgesetz“ der Regierung, das heute vorgestellt wird.

Wenn Patrick Gensing Bilder von früher betrachtet, auf denen sein Kind neben ihm steht, dann denkt er: „Das hättest du doch merken müssen, so blind kann doch keiner sein.“ Er meint damit zum Beispiel Familienfotos vor dem Weihnachtsbaum, auf denen seine einstige Tochter sich wie ein Junge kleidete. Nichts Feminines war dort zu sehen.

Außerdem erinnert sich der 48-Jährige Hamburger, der als Pressesprecher beim Zweitligisten FC St. Pauli arbeitet, an die Momente, als „sein Mäuschen“ sich plötzlich die langen Haare abrasierte, im Urlaub nicht mehr mit ihm schwimmen gehen wollte oder plötzlich eine Flagge im Kinderzimmer hing, die als Symbol für nicht-binäre Geschlechtsidentität gilt.

Doch erst seit Oktober letzten Jahres weiß Gensing offiziell das, wofür es all die vergangenen Jahre unzählige Anzeichen gab: Sein Kind outete sich als trans, präsentierte seinen Eltern einen männlichen Vornamen, den Gensing, um die Persönlichkeitsrechte seines Sohnes zu schützen, nicht öffentlich nennen möchte.

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Das seine Geschlechtsidentität nicht zu seinem biologischen Geschlecht passt, dass habe sein Sohn schon seit zwei Jahren gewusst, so Gensing. All seine Freunde und Mitschüler nannten ihn längst bei seinem neuen Namen. „Ich war ein bisschen enttäuscht, dass er uns nicht sofort eingeweiht hat, verstehe aber, dass das Coming-Out vor den Eltern am schwersten sein muss.“

Einige Wochen hielt sich Gensing an dem Gedanken fest, dass vielleicht alles nur eine Phase sein könnte. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mich selbst belüge.“ Er holte sich Ratschläge bei einem Kollegen, der ebenfalls trans ist. Der sagte ihm, wie wichtig es sei, von nun an den selbst gewählten Namen seines Sohnes und die korrekten Pronomen zu benutzen.

„Deadname“ nennen trans Personen ihren abgelegten Namen, mit dem sie sich nicht mehr identifizieren. Einmal rutschte Gensings Frau der Name der einstigen Tochter im Beisein des Sohnes vor einer dritten Person raus. „Ich habe gemerkt, wie angefasst er war. Es war ein totales Bloßstellen für ihn.“

Gensing und seine Frau unterstützen ihr Kind auf dem Weg der Geschlechtsanpassung, wo sie nur können. Im bundesweiten Verein „Trans-Kinder-Netz“ tauschen sie sich mit anderen Eltern aus. Einer ihrer ersten Schritte: Sie beantragen einen Ergänzungsausweis mit dem neuen Namen ihres Sohnes bei der „Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität“. Dieser Ausweis wird benötigt, damit auch einige andere Papiere geändert werden können – der Personalausweis gehört allerdings nicht dazu.

Eine Änderung des Namens und des rechtlichen Geschlechts in den offiziellen Dokumenten wie dem Personalausweis oder dem Reisepass zu beantragen, ist in Deutschland ein langer und kostspieliger Weg. Geregelt wird dieser nach wie vor durch das „Transsexuellengesetz“ (TSG). Es steht in der Kritik, etwa, weil zwei psychiatrische Gutachten, die bis zu 1500 Euro kosten, dem zuständigen Amtsgericht vorgelegt werden müssen. Betroffene beschreiben die Begutachtung außerdem als entwürdigend, weil sie über intimste Dinge wie das Masturbationsverhalten befragt werden.

Die Ampel-Koalition will das TSG abschaffen und durch das sogenannte „Selbstbestimmungsgesetz“ ersetzen. Am 30. Juni werden dessen Eckpunkte von Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) und Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) vorgestellt. Trans Personen sollen es damit in Deutschland künftig einfacher haben, die Personenstandsänderung per Selbstauskunft auf dem Standesamt zu beantragen.

Allerdings gibt es in der Bevölkerung auch große Bedenken: Kritiker befürchten, die Gesetzesänderung würde gerade jüngere Menschen dazu verleiten, mit ihrer Geschlechtsidentität herumzuspielen. Von einem trans-Hype und einer Mode ist die Rede.

Gegenwind gibt es auch aus einer bestimmten feministischen Ecke: So sieht etwa „Emma“-Herausgeberin Alice Schwarzer „echte“ Frauen durch Trans-Frauen bedroht. Die Annahme: Männer können einfach behaupten, sie seien trans-Frauen und Frauen in Frauenhäusern, Frauensaunen oder Frauengefängnissen gefährden.

Gensing bezeichnet die aktuelle Diskussion als populistisch und problematisch. „Man kann eine Debatte führen, aber man sollte sie fair führen.“ Dies werde aber nicht getan, wenn Menschen pauschal mit Sexualstraftaten in Verbindung gebracht werden würden. „Das ist eine am Rande der Hetze agierende Form, um Stimmung zu machen.“

Für seinen Sohn hofft Gensing, dass das Selbstbestimmungsgesetz durchkommt, denn es sei sein großer Wunsch, den Namen im Personalausweis ändern zu können, um ein unangenehmes Zwangsouting vor Fremden zu vermeiden. „Es geht um die rechtliche Gleichstellung und die rechtliche Möglichkeit, den Namen anzupassen.“

„Niemand“, da ist sich Gensing sicher, „geht den langen und schwierigen Weg der Geschlechtsanpassung, wenn er ihn nicht wirklich gehen will.“

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