Exoten in Bunde  Jeder will Würger Willi streicheln

Christine Schneider-Berents
|
Von Christine Schneider-Berents
| 30.06.2022 18:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Keine Angst vor gefährlichen Tieren: Die Würgeschlange Willi war einer der Stars des rollenden Zoos. Foto: Ortgies
Keine Angst vor gefährlichen Tieren: Die Würgeschlange Willi war einer der Stars des rollenden Zoos. Foto: Ortgies
Artikel teilen:

Der Ruppige wird sanft, der Angsthase mutig: Tiere haben eine besondere Wirkung auf Menschen. Der Verein Open Dören in Bunde hatte deshalb einen rollenden Zoo zu Gast. Zahme Hunde hatte der nicht.

Bunde - Tiere haben oft einen besonderen Zugang zu Menschen. Allein durch ihre Anwesenheit können sie positive Gefühle auslösen. Der Ängstliche wird mutig, der Schweigsame beginnt zu sprechen, der Rastlose wird ruhig. „Schauen Sie, wie aktiv unsere Bewohner sind. Sie erzählen und sie lachen“, sagt Insa Franzen. Sie ist Geschäftsführerin des Vereins Open Dören. Der wiederum ist Träger der gleichnamigen Einrichtungen für Menschen mit Behinderung in Bunde. Dort war am Montag Martin Tränkler mit seinem rollenden Zoo zu Gast.

Was und warum

Darum geht es: Tiergestützte Therapien sind alternativmedizinische Behandlungen. Sie werden zur Linderung von Symptomen seelischer Erkrankungen oder in der Arbeit mit Menschen mit Förderungsbedarf eingesetzt. Vor allem interessant für: Menschen, die in einer Lebenskrise stecken und Hilfe brauchen, sowie deren Angehörige. Deshalb berichten wir: Der Verein Open Dören in Bunde hatte einen rollenden Zoo zu Gast.

Die Autorin erreichen Sie unter: schneider-b@zgo.de

Der Tiertrainer aus Gardelegen (Sachsen-Anhalt) hat Schafe und Lama mitgebracht, zwei quirlige Frettchen, einen jungen Brillenkaiman, vier dicke Schildkröten und zwei muskulöse Würgeschlangen. Letztere sind die Stars in seiner Arena, die er im Garten von Open Dören abgesteckt hat. Drumherum sitzen die Bewohnerinnen und Bewohner des Wohn- und Pflegeheims von Open Dören. Sie klatschen vor Begeisterung in die Hände, viele wollen die Exoten anfassen und streicheln. Das dürfen und sollen sie auch.

Hier zeigt Tiertrainer Martin Tränkler (rechts) den Bewohnern der Einrichtung Open Dören, Rüdiger Lehmhuis (von links) und Uwe Fokken, ein Frettchen. Foto: Ortgies
Hier zeigt Tiertrainer Martin Tränkler (rechts) den Bewohnern der Einrichtung Open Dören, Rüdiger Lehmhuis (von links) und Uwe Fokken, ein Frettchen. Foto: Ortgies

Sehen, riechen, hören und fühlen

„So eine Begegnung spricht bei einem Menschen viele Sinne an. Das Fell eines Lamas beispielsweise ist flauschig und warm. Die Haut einer Schlange fühlt sich geschmeidig an. Tiere finden einen Zugang, der nur schwer zu erklären ist“, so Franzen. Der Verein würde mit den Bewohnern der Einrichtung gerne mal in einen Zoo fahren. Aber aufgrund der Schwere ihrer Einschränkungen könnten viele gar nicht dorthin mit. Das wäre für sie eine zu große Strapaze. „Also haben wir den Zoo zu uns geholt.“ Martin Tränkler sei nicht das erste Mal in Bunde. Aus Erfahrung wisse sie, dass sein Besuch noch Tage später positiv nachhallen werde, sagt Franzen.

Die aus Schottland stammenden Hasenschafe Piggy und Maja ließen sich gerne von den Schülerinnen und Schülern der Bunder Grundschule mit Möhren verwöhnen. Foto: Ortgies
Die aus Schottland stammenden Hasenschafe Piggy und Maja ließen sich gerne von den Schülerinnen und Schülern der Bunder Grundschule mit Möhren verwöhnen. Foto: Ortgies

Begeistert von Kaiman Schnappi, der Würgeschlange Willi und allen anderen Tieren waren an diesem Tag auch die Schülerinnen und Schüler der Klasse 3a der Grundschule Bunde. Sie waren vom Verein Open Dören eingeladen worden. „Wow, ist die riesig“, ruft Jermain in die Runde, als er die Spornschildkröte Karl-Heinz entdeckt. Er knufft seinen Freund mit dem Ellenbogen sanft in die Seite, damit der sich die Schildkröte genau anschaut. „Ich habe auch mal eine gefunden, mit meinem Opa. Die war nicht so groß“, erzählt der Neunjährige. Die anderen Kinder sind beeindruckt. „Echt?“, fragt einer der Mitschüler. Andere nicken andächtig. So etwas hätten sie noch nicht erlebt. Jermain ist stolz.

Die Grundschüler waren begeistert von der Spornschildkröte Karl-Heinz. Foto: Ortgies
Die Grundschüler waren begeistert von der Spornschildkröte Karl-Heinz. Foto: Ortgies

Sich selbst und anderen vertrauen

Welchen Einfluss Tiere auf Menschen haben, beobachtet Lena Gorek-Heselmeyer aus Schatteburg regelmäßig bei ihrer Arbeit. Zu ihr kommen vor allem Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die sozial, emotional und psychisch aus dem Gleichgewicht geraten sind. Die beispielsweise durch ihre Art ständig bei anderen anecken und sich deshalb ungeliebt fühlen, die kein Vertrauen zu sich und ihrem Umfeld haben, die unter Depressionen leiden. Um ihnen bei der Bewältigung ihrer Probleme zu helfen, hat sich die 34-Jährige beruflich auf den Einsatz von Tieren zu Therapiezwecken spezialisiert. Dafür setzt die Sozialpädagogin und Reittherapeutin überwiegend Pferde ein.

Lena Gorek-Heselmeyer aus Schatteburg ist Sozialpädagogin und Reittherapeutin. Zu ihren wichtigsten Mitarbeiterinnen gehören die Haflinger Dorle und Dörte. Foto: Schneider-Berents
Lena Gorek-Heselmeyer aus Schatteburg ist Sozialpädagogin und Reittherapeutin. Zu ihren wichtigsten Mitarbeiterinnen gehören die Haflinger Dorle und Dörte. Foto: Schneider-Berents

„Weil ich diese Tiere liebe, aber auch weil sie durch ihr Wesen und ihre Größe anders als Hunde auf Menschen einwirken“, so Gorek-Heselmeyer. Einige hundert Kilo schwer, seien Ponys und Pferde allein schon dadurch beeindruckend. Zudem seien sie offen und interessiert, hätten einen hohen Aufforderungscharakter, reagierten vorurteilsfrei, jedoch immer unmittelbar. „Sie spiegeln Launen, Gemütszustände und Ängste, selbst wenn man versucht, diese zu verstecken“, erläutert die Therapeutin. Pferde könnten feinste Regungen eines Menschen wahrnehmen und so Emotionen und deren Veränderung „lesen“, sagt die Schatteburgerin.

Probleme erkennen und überwinden

Um ein Pferd davon zu überzeugen, mit einem zu gehen, müsse man erst einmal in sich hineinhorchen. „Bei meiner Arbeit geht es häufig darum, dass die Menschen ihre Ängste überwinden und mutig werden, dass sie Selbstvertrauen entwickeln und Vertrauen gegenüber dem Tier aufbauen. Das sei dann eine gute Basis dafür, die eigentlichen Gründe für eine Krise anzugehen.

Die positive Wirkung von Tieren auf Menschen macht man sich ebenfalls im Pro Senis Seniorenzentrum Haus am Julianenpark in Leer zunutze. Das Haus unterhält seit längerem eine Kooperation mit der Hundeschule von Frauke Prüß aus Leer. „Deren Besuche bei uns mussten wir wegen der Corona-Pandemie leider zurückfahren“, bedauert Miriam Dolezahl, verantwortlich für die Alltagsbegleitung der Bewohnerinnen und Bewohner. Aber auch sie verweist auf den besonderen Zugang, den Tiere zu Menschen aufbauen können. „Sie wecken Gefühle, genauso wie kleine Kinder und Musik. Sie berühren das Herz und zaubern selbst denen, die sich – vielleicht aufgrund ihrer Demenz – schon ganz in sich zurückgezogen haben, ein Lächeln ins Gesicht“, sagt Dolezahl. Voraussetzung dafür sei allerdings, keine Angst vor Hunden zu haben.

Ähnliche Artikel