Außergewöhnlicher Schulalltag Warum hier auch Baden und Wohnen auf dem Lehrplan stehen
An der Förderschule Wittmund werden Kinder auf viele Bereiche des Lebens vorbereitet. Dafür gibt es jetzt beste Voraussetzungen. Ein geplatztes Rohr hat manchmal auch sein Gutes.
Wittmund - In kaum einer Schule ist das Thema des Lernens fürs Leben so präsent wie in einer Förderschule mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung. In der Schule an der Lessingstraße in Wittmund sollen Kinder und Jugendliche mit bestehenden oder drohenden geistigen und körperlichen Behinderungen all das lernen, was sie für ihren Start ins Leben brauchen. Und das ist mehr als das Einmaleins oder Rechtschreibung. „Wir vermitteln hier viel Lebenspraxis“, erzählt Lehrkraft Frauke Körner-Kokot auf Nachfrage aus dem Schulalltag. Vieles drehe sich um das Erreichen von Selbstständigkeit. Die Einrichtung ist eine von zwei Förderschulen im Kreis Wittmund mit identischem Schwerpunkt. Sonderpädagogischer Unterstützungsbedarf kann dem Niedersächsischen Kultusministerium zufolge auch in den Förderschwerpunkten emotionale und soziale Entwicklung, Hören (Schwerhörige, Gehörlose), Lernen, Sehen (Sehbehinderte, Blinde), Sprache sowie körperliche und motorische Entwicklung festgestellt werden.
Was und warum
Darum geht es: Ein Wasserschaden wurde zur Chance für eine moderne Schule. Und die hat ein paar außergewöhnliche Ausstattungsmerkmale.
Vor allem interessant für: Eltern und Personen mit einem Blick für den gesamten Querschnitt der Gesellschaft
Deshalb berichten wir: Der Schulalltag in einer Förderschule unterscheidet sich erheblich von dem einer anderen Schulform. Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de
„Wir müssen immer sehr situativ auf Schüler reagieren“, erklärt Armin Feldmann. Er ist seit drei Jahren Schulleiter in Wittmund. Damit das gelingt, sei seine Schule anders als beispielsweise eine Grund-, Haupt- oder Realschule: Die Klassenräume haben Küchen, es gibt eine Trainingswohnung und ein Pflegebad. Es wird gekocht, zu Übungszwecken übernachtet beziehungsweise gebadet. Jetzt wieder. Denn ein Jahr lang war ein Teil der Schule eine Großbaustelle, ein anderer das Provisorium, mit dem die Raumnot kompensiert wurde. Das sei sehr beengt und improvisiert gewesen. „Der komplette Trakt ist saniert worden“, sagt Feldmann im Gespräch mit dieser Zeitung. „Wir sind hier sehr eng zusammengerückt.“ Eine Herausforderung bei 85 Kindern und Jugendlichen, für die gewohnte Strukturen und Abläufe so wichtig sind. Je zwei Lehrer sind für die Bedürfnisse von maximal sieben Kindern verantwortlich. Feldmann: „Das sind sehr kleine Klassen, da alle Schüler auf einem sehr individuellen Niveau lernen.“
25 Kubikmeter Wasser liefen nach Rohrbruch in die Schule
Manche junge Menschen sind auf den Rollstuhl angewiesen oder müssen gewickelt werden. Das geschieht im Pflegebad. „Viele dieser Schüler haben zu Hause keine Möglichkeit zum Baden“, weiß Feldmann. Auch regelmäßiges Training in Körperhygiene steht hier auf dem Stundenplan. Das alte Bad war in die Jahre gekommen und alles andere als eine Wohlfühloase. Die Wittmunder Kreisverwaltung reagierte und ließ es für 75.000 Euro nach den Wünschen der Schüler und Lehrer an der Lessingstraße modernisieren: Neben einer ebenerdigen Dusche wurde 2020 ein raumabdeckender Personenlift und als Herzstück eine höhenverstellbare Badewanne eingebaut. „Das ist echt eine Top-Ausstattung“, bedankte sich Feldmann nach dem Abschluss aller Arbeiten bei einem Besuch des Wittmunder Landrats Holger Heymann (SPD).
Von der aber hatte lange keiner etwas: Das eben fertiggestellte Pflegebad wurde im Februar 2021 erneut zur Baustelle und war damit mehr als eineinhalb Jahre lang nicht nutzbar. Ein wasserführendes Rohr auf dem Dachboden platzte bei Frost. An einem Wochenende liefen mindestens 25 Kubikmeter Wasser von oben in die Räume bis unter den Estrich. Alles war nass, Möbel und Unterrichtsmaterialien kaputt. Der Versicherungsschaden lag laut Feldmann weit im sechsstelligen Bereich. Eine neue, noch größere Baustelle wurde eingerichtet. Die unteren Klassenstufen wurden in anderen Teilen der Schule untergebracht. Die Geduld der Schüler und Lehrer wurde belohnt: Schülerin Lilly präsentiert stolz die große Sammlung Lego, mit denen sich die Kinder regelmäßig zwischen den Unterrichtseinheiten die Zeit vertreiben. Die hellen, runderneuerten Räume sind eine Lernumgebung, in der sie und ihre Mitschüler sich wohlfühlen. Ebenso das Kollegium, unterstreicht der Rektor: „Das macht uns das Arbeiten hier einfacher und schöner.“