Flüchtlinge in Hinte  Ohne Hilfe droht mehr Gewalt

Michael Hillebrand
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Von Michael Hillebrand
| 29.06.2022 19:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) zählt erstmals mehr als 100 Millionen Flüchtlinge weltweit. Das Foto zeigt Menschen am Bahnhof der ukrainischen Stadt Saporischschja, die weiter in Richtung Westen fliehen. Foto: Felipe Dana/AP/dpa
Das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) zählt erstmals mehr als 100 Millionen Flüchtlinge weltweit. Das Foto zeigt Menschen am Bahnhof der ukrainischen Stadt Saporischschja, die weiter in Richtung Westen fliehen. Foto: Felipe Dana/AP/dpa
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Hintes Flüchtlingskoordinator mahnt weiter dazu, Flüchtlinge psychologisch zu behandeln. Andernfalls könnten irgendwann auch die Ukrainer auffällig werden.

Hinte - Dr. Stephan Peters arbeitet seit Jahren als Flüchtlingskoordinator für die Gemeinde Hinte. Er half auch schon mit, als nach der „Wir schaffen das“-Rede von Altkanzlerin Angela Merkel 2015 ein besonders großer Strom an Menschen nach Deutschland kam und Schutz suchte. Damals wie heute gibt es allerdings große Probleme, unter denen sicherlich auch Menschen aus der Ukraine leiden. Welche das sind, machte Peters jetzt im Ratsausschuss für Bürgerservice deutlich und ging auf Nachfrage unserer Zeitung näher darauf ein.

Was und warum

Darum geht es: Im Laufe der Jahre werden manche hier lebenden Flüchtlinge aufgrund von Traumata auffällig. Hintes Flüchtlingskoordinator will das künftig verhindern – auch im Hinblick auf die Geflüchteten aus der Ukraine.

Vor allem interessant für: Alle, die von einer besseren Integration von mehr motivierten Menschen profitieren würden

Deshalb berichten wir: Stephan Peters hatte das Thema im Ausschuss für Bürgerservice ausgeführt.

Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de

Das vielleicht größte Problem ist seiner Meinung nach das weiterhin fehlende Angebot an psychologischen Hilfen. Schon während der vergangenen Jahre weisen etwa ein Drittel der Geflüchteten posttraumatische Belastungsstörungen oder andere psychische Beeinträchtigungen auf. Nun befürchtet Peters, dass auch mehr und mehr Menschen aus der Ukraine mit Traumata hierherkommen und unbehandelt bleiben.

Alarmsignale sind manchmal offensichtlich

Die therapeutische und nicht nur medikamentöse Behandlung sei aber sehr wichtig, denn andernfalls könnten auch die Friedliebendsten unter ihnen plötzlich ausrasten. Peters weiß das aus Erfahrung, denn auch in Hinte und im restlichen Landkreis Aurich gab es immer mal wieder Messerstechereien und zu Brandstiftungen.

Stephan Peters liegen alle Geflüchteten am Herzen. Derzeit versucht er unter anderem, fünf verwaiste Geschwister aus der Ukraine im Alter zwischen 16 und 20 Jahren gemeinsam unterzubringen. Wer weiterhelfen kann, soll sich bei ihm melden. Archivfoto: Hock
Stephan Peters liegen alle Geflüchteten am Herzen. Derzeit versucht er unter anderem, fünf verwaiste Geschwister aus der Ukraine im Alter zwischen 16 und 20 Jahren gemeinsam unterzubringen. Wer weiterhelfen kann, soll sich bei ihm melden. Archivfoto: Hock

Teilweise würden sich die Traumata der Geflüchteten zwar erst Jahre später äußern. Peters, der im Gegensatz zu vielen anderen Flüchtlingshelfern auch Therapeut ist, könne aber oft schon im Vorfeld sehen, wenn eine Person abdrifte. Es fehlt dann aber an zeitlichen Ressourcen „Das muss man aushalten können“, sagt Peters. Es gebe manchmal zudem ganz offensichtliche Alarmsignale.

Die drei Klassen der Geflüchteten

Dass Peters gerade jetzt im Ausschuss die Chance nutzte, um auf dieses eigentlich schon bekannte Problem aufmerksam zu machen, ist kein Zufall. Vielmehr nehme er den Krieg in der Ukraine und den damit verbundenen neuen Flüchtlingsstrom zum Anlass, um erneut darüber zu sprechen. Das Mitgefühl und die Unterstützung für die Ukrainer in der Gesellschaft ist hoch.

Zwar freut sich Peters für die Ukrainer über diese Solidarität. Die unausgesprochene gesellschaftliche Aufteilung der Schutzsuchenden in Ukrainer (erste Klasse), Syrer, Iraner und Iraker (zweite Klasse) und Schwarzafrikaner (dritte Klasse) schmerze und ärgere ihn aber auch, kritisiert er. Dennoch: Die im Fokus stehenden Ukrainer sind eine Chance, um das Leid der Geflüchteten auch insgesamt in den Fokus zu rücken.

Gesellschaft würde von Hilfen profitieren

Es müsse im Interesse der Politik sein, mehr für die psychologische Betreuung zu tun. Gerade die sei das A und O, denn einem traumatisierter Flüchtling gelinge es nachweislich schwerer, Deutsch zu lernen und den Anschluss über eine Arbeit oder Ausbildung zu finden. Helfe man ihm hingegen frühzeitig, mache das vieles einfacher. Am Ende profitiere die ganze Gesellschaft von den zwischenzeitlichen Mehrkosten für die Behandlung durch die raschere und nachhaltigere Integration.

Leider tue sich diesbezüglich aber absolut nichts im Landkreis Aurich, kritisiert der Koordinator. In der Politik scheine das Thema niemanden zu interessieren, auch wenn das Kritisieren in Richtung Geflüchtete anschließend immer groß sei, wenn die Integration scheitere oder die Geflüchteten aufgrund von Traumata auffällig werden würden.

Peters hofft weiter auf Angebote im Landkreis Aurich

Die wenigen Geflüchteten in Hinte, die in einer Betreuung sind, müssen nach Oldenburg. Hier hat das Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachsen (NTFN) eine Außenstelle. „So etwas wünsche ich mir auch für den Landkreis Aurich und schiebe das auch derzeit in Eigenregie an. Mit ein wenig Glück können die ersten Angebote in wenigen Wochen starten“, sagte Peters unserer Zeitung.

Der Verein betreibt nach eigenen Angaben psychosoziale Vernetzungsarbeit und biete damit spezialisierte Anlaufstellen für Geflüchtete mit psychischen Problemen. Außerdem ist das NTFN bei der Früherkennung psychischer Probleme in den Erstaufnahmeeinrichtungen tätig. Problematisch ist laut ihm aber neben den Sprachbarrieren, dass Geflüchtete nicht so einfach in die Regelversorgung der Krankenkassen übernommen werden und Therapieplätze ohnehin schon rar gesät sind.

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