Kampf gegen Feuerkrebs Feuerwehrfrau wandert 100 Kilometer die Küste entlang
Jaqueline Lubina aus Stadtoldendorf wandert von Norden nach Wilhelmshaven. Die Feuerwehrfrau will über eine Krankheit reden, die im Einsatz lauern kann. Weil das kaum jemand weiß.
Neuharlingersiel - Am Hafen von Neuharlingersiel blickt Jaqueline Lubina auf ihre Füße: „Eine Blase nach zwei Tagen und 46 Kilometern, das ist schon okay.“ Damit liegt fast die Hälfte der insgesamt angepeilten 100 Kilometer Strecke entlang der Nordsee bereits hinter ihr. „Ich bin mit einem persönlichen Rekord gestartet.“ Gleich die erste Etappe sei ihre bisher längste gewesen. Am Sonntag ist sie am Feuerwehrhaus Norden aufgebrochen und hat 29 Kilometer zum Feuerwehrhaus in Westerbur zurückgelegt. Doch die 29 Jahre alte Feuerwehrfrau aus Stadtoldendorf im Kreis Holzminden ist nicht auf der Jagd nach Rekorden. Sie will reden. Über ein Thema, das ihr am Herzen liegt: Feuerkrebs. Eine Gefahr, der sich Feuerwehrleute laut der Atemschutzgeräteträgerin mit jedem Einsatz aussetzen. Und über das die wenigsten überhaupt Bescheid wüssten.
Was und warum
Darum geht es: Eine junge Frau wandert von Norddeich nach Wilhelmshaven. Sie will andere Feuerwehrleute auf die Gefahren von Feuerkrebs aufmerksam machen.
Vor allem interessant für: Feuerwehrleute und jeden, der mal ihre Hilfe benötigt
Deshalb berichten wir: Die Frau aus dem Kreis Holzminden kündigte ihren Besuch an der Küste auf Facebook an. Wir haben sie unterwegs getroffen. Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de
Nach weiteren 17 Kilometer erreichte Lubina Neuharlingersiel. Am Montag wanderte sie fast ausschließlich im Regen. „Nur in Bensersiel am Hafen war es trocken.“ Am Dienstagvormittag schnürt sie ihre Turnschuhe bei Sonnenschein und leichtem Wind. Mit ihrem elf Kilo schweren Rucksack zieht sie los. Es sind gute Voraussetzungen für ihre für den Tag geplanten 19 Kilometer. Sie will weiter an der Küste entlang, über Harlesiel bis nach Minsen (Wangerland). Am Mittwoch geht es weiter nach Hooksiel (13), am Donnerstag steht Wilhelmshaven (22) als Ziel ihrer Reise auf dem Plan. „Es ist schön hier“, sagt sie nach zwei Tagen zu Fuß durch Ostfriesland. Jeden Abend trifft sie auf Feuerwehrleute in deren Einsatzzentralen. Und auch unterwegs suche sie das Gespräch mit Spaziergängern und Radfahrern. Wenn sie eine Pause einlege, werde sie öfters angesprochen. Oder sie nutze die Gelegenheit, wenn sie jemand anlächele.
Die Risiken von Feuerkrebs
Internationalen Studien zufolge haben Einsatzkräfte der Feuerwehr ein erhöhtes Risiko, an Krebs zu erkranken. Das Feuerwehrmagazin, eine Fachzeitschrift für Feuerwehr und Brandschutz, berichtete 2018 mit Bezug auf eine kanadische Studie, dass Krebs und posttraumatische Belastungsstörungen die größten Gesundheitsbelastungen für Feuerwehrmänner und -frauen im Land sind. Dieser Untersuchung zufolge ist Krebs mit 86 Prozent die Haupt-Todesursache bei Einsatzkräften. Eine reale Gefahr, die jedoch oft verkannt wird. Warum das so ist, erklärt Marcus Bätge: „Der Brandrauch enthält giftige und krebserzeugende Stoffe.“ Bätge ist Gründungsmitglied der gemeinnützigen Unternehmergesellschaft „FeuerKrebs“, die Feuerwehrleute in ganz Deutschland über dieses zusätzliche Risiko im Einsatz informieren will.
Im Jahr 2016 taten sich mehrere Feuerwehrleute zusammen, um Feuerkrebs ins Bewusstsein der Einsatzkräfte und der Öffentlichkeit zu rücken. Sie wollen anderen Männern und Frauen im Einsatz Möglichkeiten aufzeigen, wie sie sich schützen können. Und nicht zuletzt kämpft die Gesellschaft auch dafür, Krebs als Berufskrankheit anzuerkennen, wie es beispielsweise in Kanada der Fall sei. „Wir wollen den Kolleginnen und Kollegen sowie ihren Familien unbürokratisch helfen und sie in ihrem Schicksal nicht alleine stehen lassen. Alternativ dazu muss eine rechtliche Entschädigungsgrundlage geschaffen werden.“ In Deutschland, davon gehen Bätge und seine Mitstreiter aus, steigt bei Feuerwehrleuten bereits nach wenigen Jahren aktivem Dienst das Risiko einer Krebserkrankung auf bis zu 30 Prozent.
Für Neuharlingersiel gab es ein Aha-Erlebnis
Von der Organisation erfuhr Lubina durch einen Aufruf in den sozialen Medien. Im Harz sei eine Aktion geplant gewesen, die Corona zum Opfer fiel. Die 29-Jährige wollte dennoch etwas tun, und habe kurzerhand ihre eigene Wanderung geplant. Sie weihte „FeuerKrebs“ in ihre Pläne ein, bekam Infomaterial für unterwegs. Und einen kleinen Teddybären sowie ein Logo für ihren Rucksack. Unterwegs sammelt sie Spenden für weitere Kampagnen ein. Lubina sagt, sie sei seit 19 Jahren bei der Wehr, inspiriert durch ihren Vater. Die Frau mit dem strahlenden Lächeln ist Feuerwehrfrau durch und durch. Wenn sie zu einer ostfriesischen Feuerwehr komme, gehöre sie sofort dazu. „Das Miteinander ist toll. Alle kümmern sich sofort um dich.“ Das Ehrenamt verbindet.
Jeden Abend erzählt sie von dem Grund ihrer Wanderung, berichtet über die Gefahren von Feuerkrebs – und schafft so ein Bewusstsein für Einsatzhygiene bei vielen aktiven Einsatzkräften. „Da hatten einige ein Aha-Erlebnis“, resümiert Neuharlingersiels Ortsbrandmeister Michael Janssen das Gespräch seiner Leute in lockerer Runde mit Jaqueline Lubina. „Da haben wir noch nie drüber nachgedacht.“ Im Einsatz sei Krebs kein Thema. Sollte es aber sein, meint er. „Da muss jeder auch an sich selber denken.“