Berlin  Vermeintlicher Klitschko-Anruf bei Giffey: Deep Fake oder nicht?

Laurenz Constantin Blume
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Von Laurenz Constantin Blume
| 27.06.2022 12:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Franziska Giffey telefonierte am Freitag mit einem vermeintlichen Vitali Klitschko. Der Anrufer stellte sich im Nachhinein als Fake heraus. Foto: dpa/Senatskanzlei Berlin
Franziska Giffey telefonierte am Freitag mit einem vermeintlichen Vitali Klitschko. Der Anrufer stellte sich im Nachhinein als Fake heraus. Foto: dpa/Senatskanzlei Berlin
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Am vergangenen Freitag telefonierte die Berliner Oberbürgermeisterin Franziska Giffey mit ihrem vermeintlichen Amtskollegen Vitali Klitschko aus Kiew. Das Videotelefonat stellte sich im Nachhinein als gefälscht heraus. Schnell ging die Behauptung eines Deep Fakes umher - zurecht?

Berlins Oberbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) telefonierte am Freitag nicht mit Vitali Klitschko, dem Oberbürgermeister der Stadt Kiew. Doch eigentlich ging sie davon aus. Eine halbe Stunde lang dauerte das Videotelefonat, dann wurde Giffey stutzig - der vermeintliche Klitschko stellte seltsame Fragen. Die offizielle Erklärung lautete: Giffey und ihre Kollegen in Wien und Madrid sind Opfer eines Deep Fakes geworden.

Deep Fakes bezeichnen mittels Software manipulierte Bilder. Die künstliche Intelligenz kann dabei Personen in Bild und Stimme nachahmen. Im Fall von Giffey stammt das Videomaterial, aus dem die KI gelernt hat, angeblich aus einem Interview von Klitschko aus dem Frühjahr. Ist die softwaregestützte Manipulation Teil der russischen Kriegsführung? Zumindest einige Indizien sprechen im Klitschko-Fall für eine simplere Erklärung.

Die notwendigen Technologien zur Live-Nachahmung des ehemaligen Boxprofis seien zwar vorhanden, jedoch nicht wirklich ausgereift. Das sagt Florian Gallwitz, Professor an der Technischen Hochschule Nürnberg, im „Spiegel“. „Diese Technologien sind aber noch fragil, schwer zu bedienen und ihr Ergebnis wirkt oft wenig überzeugend.“, so Gallwitz. Insbesondere im Live-Format wäre ein Deep Fake sehr komplex umzusetzen.

Investigativjournalist Daniel Laufer vom „rbb“ stellt in einem Twitter-Thread seine Theorien dar, die ebenfalls von einem Deep Fake abweichen. Wäre das gesamte Bild manipuliert worden, wäre das seiner Meinung nach wohl aufgefallen. Der Bildhintergrund hätte dabei ausschlaggebend sein müssen. Denn in einem Live-Deep-Fake könne dieser nach Angaben von Laufer nicht immer einwandfrei dargestellt werden, besonders bei Bewegungen von Klitschko. Es hätte Bild-Störungen im Videotelefonat geben müssen. Eine weiße Wand wäre für die Software eine einfachere Bildvorlage gewesen.

Auch spannend: So erkennen Sie einen Deep Fake

Laufer führt weiter aus, dass es auch Indizien gegen eine Manipulation des Bildvordergrunds gibt. Dafür gleicht er einige Standbildaufnahmen des Klitschko-Interviews aus dem Frühjahr und des Videotelefonats mit Franziska Giffey ab. „Für alle fünf Fotos der Senatskanzlei lässt sich mal mehr, mal weniger eindeutig ein wahrscheinliches Referenzbild im Quellmaterial finden.“, schreibt Laufer dazu auf Twitter.

Bei einer Manipulation mittels künstlicher Intelligenz gäbe es nach Laufers Einschätzung keine genaue Übereinstimmung von Bildvordergrund und Bildhintergrund im Videotelefonat und dem Quellmaterial. Die Software erzeugt nämlich neue Bilder und ahmt nicht die alten nach. Seine Theorie: Die Videoteile aus dem Original-Interview könnten neu zusammengesetzt worden sein. Ruckler könnten Übergänge kaschiert haben.

Was weiterhin Fragen aufwirft, ist die mögliche Synchronisierung von Klitschko. Dieser sprach zwar im Telefonat mit Giffey auf eigenen Wunsch hin Russisch, wurde jedoch im Anschluss von einem Unbekannten der Gegenseite ins Deutsche übersetzt. Giffey und ihr Team hatten nicht den Eindruck, dass Sprache und Bild nicht zueinander passten. Hat ein Stimmenimitator Klitschko im Vorhinein synchronisiert?

Die Frage bleibt wohl offen. Es wäre aber wohl sehr komplex und fehleranfällig. Der unbekannte Anrufer soll laut Laufer auch auf Aussagen Giffeys reagiert haben. Das wäre nur schwierig mit einer vorherigen Synchronisierung machbar gewesen. Auch Laufer kann nicht klar bestätigen, dass es sich nicht um einen Deep Fake handelt. Die übereinstimmenden Bildausschnitte aus dem Original-Interview geben jedoch Anlass zum nachdenken.

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