Osnabrück  Serhij Zhadan, der Aktivist für eine Literatur der Freiheit

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 27.06.2022 11:53 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
ARCHIV - Der ukrainische Autor Serhij Zhadan erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2022. Foto: Dominic Steinmann/Keystone/dpa Foto: Dominic Steinmann
ARCHIV - Der ukrainische Autor Serhij Zhadan erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2022. Foto: Dominic Steinmann/Keystone/dpa Foto: Dominic Steinmann
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Diese Entscheidung ist alternativlos: Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht an Serhij Zhadan. Seine Auszeichnung macht Mut - und beschämt den deutschen PEN.

Aktivist: Im Westen ist dieses Wort zur Lifestylevokabel verkommen. Serhij Zhadan ist wirklich Aktivist, ein Aktivist im ungeschliffenen Sinn des Wortes, der nicht nur im umkämpften Charkiw ausharrt, sondern zugleich zeigt, wie man mit Literatur für die Freiheit kämpfen und dabei auch noch anspruchsvolle Bücher schreiben kann. Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht an einen Mann, für den Frieden mitten im Krieg Russlands gegen sein Heimatland nur ein ferner Wunschtraum ist. Zhadan beeindruckt - als Freiheitskämpfer, Dichter, Szenekünstler. Und als Autor, der um sein Leben, das seiner Landsleute und all der Menschen schreibt, die Frieden und Freiheit herbeisehnen.

Serhij Zhadan ist schon lange kein Geheimtipp mehr. Hierzulande würde er vielleicht als Popliterat oberflächlich rubriziert. In der Ukraine steht die Selbstverständlichkeit, mit der Zhadan in Literatur und Wissenschaft, humanitärer Hilfe und Clubszene zu Hause ist, für eine Kunst von jener Dringlichkeit, die Teilen des westlichen Kulturbetriebes abhanden gekommen ist. Zhadan bringt brillante Literatur und Kampf für Menschenrechte zusammen. Die Entscheidung, ihm dem diesjährigen Friedenspreis zuzuerkennen, mutet alternativlos an. Friedenspreisträger leben jedenfalls gefährlich. Zhadans Vorgängerin, die Friedenspreisträgern des Jahres 2021, Tsitsi Dangarembga, sitzt gerade wegen ihrer Proteste in ihrem Heimatland Simbabwe auf der Anklagebank.

Die Auszeichnung Zhadans könnte auch ein Weckruf für den deutschen PEN sein. Nach der Schlammschlacht auf der Jahrestagung von Gotha und der Spaltung der Autorenvereinigung steht der PEN miserabel da. Der Blick auf Serhij Zhadan lässt die Streitereien um Dominanz und Deutungshoheit, mit denen sich deutsche Autoren zuletzt beschäftigten, als das erscheinen, was sie sind: kleingeistig und gestrig. Persönlichkeit und Werk des neuen Friedenspreisträgers machen klar, wo die Aufgaben der Literatur liegen. Sie ist die unerlässliche Stimme im Kampf für eine Freiheit, die viel mehr meint als den Bummel durch die Shoppingmall.

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