Osnabrück  Turbulente Börsen - wie sinnvoll sind da ETFs?

Corinna Clara Röttker
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Von Corinna Clara Röttker
| 24.06.2022 10:24 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Stimmung an den Börsen ist weiterhin angespannt – cool bleiben fällt da vielen Anlegern schwer. Foto: Seth Wenig/AP
Die Stimmung an den Börsen ist weiterhin angespannt – cool bleiben fällt da vielen Anlegern schwer. Foto: Seth Wenig/AP
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ETFs haben sich unter Anlegern zuletzt großer Beliebtheit erfreut. Doch wegen der weltweiten Börsenturbulenzen der letzten Monate verzeichneten auch viele ETF-Anleger hohe Verluste. Es stellt sich die Frage: Wie sinnvoll ist die Anlage in den gepriesenen Fonds?

Börsengehandelte Indexfonds, im Fachjargon ETFs (Exchange Traded Funds), haben sich bei deutschen Privatanlegern zuletzt großer Beliebtheit erfreut. Der Direktbank ING Deutschland zufolge stieg das von Sparern in ETF investierte Vermögen im vergangenen Jahr um 50 Milliarden auf 150 Milliarden Euro. Fast alles fließt dabei in Aktien-ETF. Sie weisen gegenüber einem von einem Fondsmanager aktiv verwalteten Fonds einen wichtigen Vorteil auf: Sie sind deutlich günstiger.

Nun sorgen jedoch der Ukraine-Krieg und die Inflation für stürmische Zeiten an den Börsen. ETFs machen entsprechende Talfahrten und Erholungen an den Börsen ungebremst mit, weil sie die Wertentwicklung von Aktienindizes wie dem Dax oder dem MSCI World abbilden.

„ETFs, die einem Aktien-Index folgen, sind lediglich eine Umverpackung - ein Vehikel -, um die zugrundeliegenden Aktien darzustellen“, sagt Hartmut Walz, Finanzökonom an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen. „Wenn die Aktien also auf breiter Front fallen, müssen die Index-ETFs zwangsläufig mit fallen.“

Die Folge: Zumindest auf dem Papier haben Anleger, die ihr Geld in ETFs investiert haben, in den letzten Monaten mitunter große Verluste erlitten. Schnell stellt sich da die Frage, wie sinnvoll die Anlage in den gepriesenen Fonds überhaupt ist.

„An der grundsätzlichen Empfehlung von Aktien-ETFs ändert sich durch die Entwicklung seit Januar 2022 überhaupt nichts“, sagt Walz. „Jedoch galt diese Empfehlung ohnehin nur für Kapital, welches über einen längeren Zeitraum von mindestens fünf, besser zehn Jahren investiert bleiben kann, um solche Rückschläge aussitzen zu können.“

Auch in der aktuellen Situation hängt es insbesondere von der Dauer der Anlage ab, ob Anleger gegenwärtig im Minus sind. Wer beispielsweise vor fünf oder sogar zehn Jahren in die ETF-Anlage eingestiegen ist, liegt laut Walz noch immer kräftig im Plus.

„Die Verpackung ETF ist nach wie vor seriös, kostengünstig, transparent und vor allem sicher, da das in ETFs ruhende Geld in einem Sondervermögen steckt“, so der Finanzökonom. „Dies ist bei den von Banken häufig empfohlenen Anlage-Zertifikaten nicht der Fall, weshalb von diesen klar abzuraten ist.”

Sonder­vermögen bedeutet, dass das Geld der Anleger, das in den ETF-Fonds liegt, getrennt verwahrt wird von dem Vermögen, das der Fonds­gesell­schaft gehört. Das ist wichtig, falls die Fonds­gesell­schaft in Zahlungs­schwierig­keiten gerät. Bei einer Pleite hat der Insolvenz­verwalter nur Zugriff auf das Vermögen der Fonds­gesell­schaft. Das Geld in den Fonds hingegen ist geschützt.

Doch welche Fonds sind auch in turbulenten Börsenzeiten zu empfehlen?

Walz zufolge sollten Anleger bei der Auswahl von ETFs einerseits darauf achten, dass diese möglichst preiswert sind, also geringe laufende Kosten ausweisen. Zudem sollte der Index, den der ETF abbildet, möglichst breit gestreut sein und einen großen Korb an Aktien aus verschiedenen Branchen und Ländern beinhalten. Das senkt das Risiko. „Unter diesem Gesichtspunkt ist der MSCI World bestenfalls Mittelklasse, da er nur Aktien großer Gesellschaften aus den Industrieländern abbildet.“ Es fehlten sowohl die Aktien aus Schwellenländern, als auch kleinere Aktiengesellschaften, etwa solche mit nur mittlerer Marktkapitalisierung. „Ein ETF auf den FTSE Global All Cap Index oder eine Variante davon wäre eindeutig besser, da dieser Index erheblich breiter ist“, sagt Walz.

Investierten Privatanlegern rät der Experte hingegen grundsätzlich dazu, auch in stürmischen Zeiten die Ruhe zu bewahren und bestehende Aktien-ETFs stur weiter zu halten. Sparpläne sollten also auch in der Krise fortgesetzt werden. „Es macht keinen Sinn auf die Bremse zu treten, nachdem es geblitzt hat“, so der Finanzökonom. Zudem sei nur, wer jetzt stoisch durchhalte, auch bei den - stets überraschend auftretenden - Erholungsphasen beteiligt. Diese hätten laut Walz bisher noch nach jeder Krise eingesetzt. „Wir wissen eben nur nicht wann.“

Einen Rückschlag für die deutsche Aktienkultur befürchtet Walz aufgrund der Börsen-Talfahrt der vergangenen Monate nicht - zumindest nicht auf breiter Front. Allerdings gäbe es eine ganze Generation von Anlegern, die noch nie eine wirkliche Finanzmarktkrise erlebt hätten. „Daher ist es kein Wunder, wenn diese Entscheidungsträger zum Teil panisch reagieren und sich überfordert fühlen.“ Dabei sei die Anlage auf den Aktienmärkten aber nach wie vor sinnvoll, „denn Aktienmärkte sind, das ist statistisch langfristig abgesichert, in rund 70 Prozent aller Zeiträume steigend und nur in 30 Prozent fallend“, so Walz.

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