Osnabrück Regierung sagt Zeit der Entbehrungen voraus: Was heißt das?
Explodierende Gaspreise, stockende Versorgungsketten, Inflation – die Bundesregierung schwört die Deutschen auf eine Zeit der Entbehrungen ein. Was kommt da auf uns zu? Sieben Branchen im Faktencheck - von Lebensmitteln und Immobilien bis Heizen und Reisen.
Krieg, Krisen und Konjunkturprobleme - neue Probleme türmen sich auf alte: Die Bundesregierung bereitet die Bürger deshalb auf eine Zeit wachsender Probleme und von Entbehrungen vor. Es gehe um drei bis vier, vielleicht fünf Jahre der Knappheit, sagt Finanzminister Christian Lindner (FDP). Und: „Es besteht die Gefahr einer sehr ernstzunehmenden Wirtschaftskrise aufgrund der stark gestiegenen Energiepreise, aufgrund der Lieferketten-Probleme, aufgrund auch der Inflation.“ Was heißt das im Einzelnen? Eine Übersicht.
Angesichts der Kostenexplosion bei Öl und Gas infolge des Ukraine-Krieges drohen viele Verbraucher in die Preisfalle zu tappen. So hat sich der Erdgaspreis gegenüber dem Vorjahr vervielfacht. In Koalitionskreisen werden sogar Preissteigerungen beim Gas von bis zu 400 Prozent befürchtet. Während die Kosten beim Tanken unmittelbar an der Zapfsäule durchschlagen, müssen Mieter und Wohneigentümer bei Strom und Heizkosten ein böses Erwachen fürchten, wenn die Abrechnung für die Nebenkosten oder die Gas- sowie Stromrechnung im Briefkasten steckt.
Verbraucherschützer warnen: „Zum Jahresende kommt der große Hammer“. Sie raten deshalb dazu, Geld für Nachzahlungen zurückzulegen oder Abschläge freiwillig zu erhöhen - und das nicht zu knapp. Beim Strom, betragen die Preiserhöhungen seit dem 1. März laut dem Vergleichsportal Check24 knapp 22 Prozent und betreffen rund sieben Millionen Haushalte.
Für einen Musterhaushalt mit einem Verbrauch von 5.000 kWh bedeutet das zusätzliche Kosten in Höhe von durchschnittlich 366 Euro pro Jahr. Die jährlichen Energiekosten für einen Musterhaushalt stiegen demnach bereits wenige Wochen nach Kriegsbeginn Mitte Februar auf 7292 Euro im Schnitt; das sind 80 Prozent bzw. 3249 Euro mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Und das Ende der Fahnenstange dürfte angesichts gedrosselter Gaslieferungen aus Russland längst nicht erreicht sein. Entlastungsmaßnahmen der Politik sind da bislang nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Der deutsche Arbeitsmarkt erweist sich aktuell noch als erstaunlich stabil. Die amtliche Arbeitslosenzahl ist im Mai um 50.000 auf 2,26 Millionen gesunken; die Arbeitslosenquote liegt bei 4,9 Prozent; die Nachfrage nach Arbeitskräften ist sehr hoch; viele Unternehmen klagen sogar über Personalmangel. Doch der Blick nach vorn verheißt wenig Gutes. „Der russische Krieg gegen die Ukraine und Lieferengpässe belasten die Aussichten“, so Detlef Scheele, Chef der Bundesagentur für Arbeit. Wirtschaftsforscher und Wirtschaftsverbände wie der BDI senken ihrer Wachstumsprognosen.
Vor allem den energieintensiven Unternehmen der Chemie-, Stahl- und Glasindustrie drohen massive Probleme. Muss hier die Produktion reduziert oder gar abgeschaltet werden, sind hunderttausende von Arbeitsplätzen in Gefahr. Viele Jobs könnten sogar für immer verloren gehen, warnt der DGB. Ein Risiko für den Arbeitsmarkt stellt auch die starke Inflation dar. Der private Konsum ist eine wesentliche Stütze der Konjunktur. Verlieren die Menschen an Kaufkraft, dann dämpft das die Nachfrage.
Prognose: Die BA hat zuletzt (für den März) 553.000 Kurzarbeiter gemeldet. Diese Zahl könnte sich wieder deutlich erhöhen. Im April 2020, kurz nach Beginn der Corona-Pandemie, waren es schon einmal fast sechs Millionen, die weniger Geld in der Tasche hatten. Dreht Russlands Präsident Wladimir Putin Deutschland und Europa den Gashahn ganz zu, droht eine große Arbeitsmarktkrise, da Gas nicht nur als Energieträger höchst wichtig ist, sondern auch als Rohstoff, zum Beispiel für die Erzeugung von Kunststoff, Düngemitteln oder Klebstoffen.
Ohne Gegensteuern würden den gesetzlichen Kassen 2023 insgesamt 17 Milliarden Euro fehlen, wie der GKV-Spitzenverband errechnet hat. Neben steigenden Behandlungskosten reißen vor allem die Ausgaben für neue Medikamente größere Löcher ins Kassenbudget. 2021 stieg der Posten allein um 7,78 Prozent. Für 2023 geht der GKV von Mehrkosten in der Arzneimittelversorgung von drei Milliarden Euro aus, Tendenz steigend.
Um die Milliardenlücke zu schließen, müssten die Beiträge der Versicherten um 1 bis 1,1 Prozentpunkte angehoben werden, wie der GKV-Spitzenverband vorrechnet. Der gesetzlich festgelegte Satz müsste also von 14,6 Prozent auf mindestens 15,6 Prozent steigen. Bei einem sozialversicherungspflichtigen Einkommen von 4.000 Euro würden 40 Euro zusätzlich fällig, je zu Hälfte für Arbeitnehmer und Arbeitgeber, und zwar jeden Monat, und das in einer Zeit der galoppierenden Inflation. Wegen der Beitragsbemessungsgrenze wären es maximal 27 Euro pro Arbeitnehmer, bei Doppelverdienern also bis zu 54 Euro jeden Monat.
Allerdings will Gesundheitsminister Karl Lauterbach das Defizit nicht allein durch höhere Beiträge ausgleichen, sondern an vier Stellschrauben drehen: „Effizienzreserven im Gesundheitssystem heben, Reserven bei den Krankenkassen nutzen, zusätzliche Bundeszuschüsse gewähren, und die Beiträge anheben.“ Seit seiner Ankündigung im März warten die Krankenkassen auf konkrete Vorschläge.
Wer sich für eine Immobilie interessiert, für den brechen schwere Zeiten an: Weil Baustoffe sich massiv verteuert haben, es kaum Handwerker gibt und die Zinsen rapide gestiegen sind, wird der Erwerb oder Bau eines Eigenheims für immer mehr Menschen unerschwinglich. Seit Weihnachten haben sich die Zinsen für zehnjährige Immobiliendarlehen von knapp unter einem Prozent auf rund 2,8 Prozent beinahe verdreifacht. Tendenz: weiter steigend. Dazu kommen die hohe Inflationsrate, gestörte Lieferketten sowie steigende Energiepreise, die die Immobilie weiter verteuern. Dem Boom am Markt für Wohnimmobilien in Deutschland droht damit Experten zufolge ein Ende. Sie rechnen mit einem Rückgang der Nachfrage sowie der Immobilienpreise.
Doch auch für Unternehmen wird Bauen zum Finanzrisiko: Die Kostensteigerungen führen dazu, dass Wohnungsbau und Modernisierung komplett unkalkulierbar geworden sind. Einer bundesweiten Umfrage des Spitzenverbands der Wohnungswirtschaft GdW zufolge werden deswegen 2022 insgesamt 57.705 Neubauwohnungen weniger als geplant entstehen. Dabei fehlt bereits seit Jahren genügend Wohnraum.
Für Mieter sind das keine guten Aussichten. Zumal einer aktuellen Umfrage vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zufolge 80 Prozent der befragten Wohnungsunternehmen planen, die Miete zu erhöhen. Hauptgrund hierfür ist die hohe Inflation, die dazu führt, dass Vermieter nicht nur in Regionen mit steigenden Vergleichsmieten die Mieten begründet anpassen können.
Jahrzehntelang waren Lebensmittel in Deutschland ausgesprochen günstig. Das hat sich binnen kurzer Zeit geändert: Nahrung wird zum Inflationstreiber. Die Preissteigerungen lagen laut Statistischem Bundesamt im Mai im Vergleich zum Vorjahresmonat bei 11,1 Prozent. So einen Wert gab es seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Über diesem Schnitt liegen sogar noch Öle und Fette (38,7 Prozent), Fleisch (16,5), Milch und Eier (13,1).
Geht es nach Landwirten und Lebensmittelproduzenten, müssen die Preise noch weiter steigen, denn die Erzeugung ist in Folge gestiegener Energiekosten deutlich teurer geworden. In einigen Bereichen laufen gerade Kontraktverhandlungen mit den Handelskonzernen. Dem Vernehmen nach geht es dabei hoch her, da der Handel nicht uneingeschränkt höhere Preise seiner Lieferanten akzeptieren will. Zudem kann er auf günstigere Ware aus dem Ausland ausweichen. Marktbeobachter gehen dennoch davon aus, dass die Preissteigerungen von 11,1 Prozent erst der Anfang waren.
Zumal der Unsicherheitsfaktor Gas weiter besteht. Es wird besonders zur Düngerproduktion benötigt. Dünger selbst dürfte in der Folge weiter knapp bleiben, auch weil Russland und die Ukraine hier wichtige Lieferanten waren. Ohne Kunstdünger sinken die Erträge auf den Äckern. Das wird sich vermutlich erst so richtig bei der übernächsten Ernte bemerkbar machen.
In den vergangenen drei Jahren hat Deutschland die Schuldenbremse ausgesetzt, sich hoch verschuldet – und damit Arbeitsplätze gerettet und Unternehmen gestützt. Trotz der Rekordschulden der vergangenen Jahre liegt die Schuldenstandsquote mit unter 70 Prozent der Wirtschaftsleistung noch immer deutlich niedriger als in Ländern wie Frankreich (110 Prozent) oder Italien (150 Prozent).
Schuldenmachen war in den letzten Jahren auch deshalb kein Problem, weil die Zinsen so niedrig waren. Das wird sich nach Ansicht von Experten jetzt ändern. Die „Wirtschaftsweise“ Monika Schnitzer sagt: „Wenn die Renditen für neu ausgegebene Staatsanleihen weiter ansteigen werden, ist auch mit einem Anstieg der Zinsbelastung zu rechnen. Damit würden die Haushaltsspielräume enger.“
Auch deshalb will Finanzminister Christian Lindner die Neuverschuldung im nächsten Jahr wieder deutlich zurückführen. Die Schuldenbremse soll wieder gelten – doch ob gespart werden soll und kann, ist hoch umstritten. Noch gefährlicher ist die Zinsentwicklung für höher verschuldete, andere europäische Staaten. Experten warnen bereits vor einer erneuten Schuldenkrise wie in Griechenland 2010 – von der die gesamte europäische Union betroffen war.
Nach zwei Jahren Corona-Pandemie ist der Sommerurlaub fast wieder unbeschränkt möglich. Reisen aber ist so teuer wie selten zuvor. Denn die Inflation bekommt auch die Tourismusbranche zu spüren. Das trifft natürlich auch Touristen. Händler, Gastronomie und Hotellerie geben die Preissteigerungen durch gestiegene Energiekosten und Lebensmittelpreise zum großen Teil weiter - und schlagen unter Umständen noch was extra darauf, besonders in touristischen Regionen. Zumal zur Preissteigerung nach zwei Jahren Pandemie die wieder gestiegene Nachfrage kommt.
Damit nicht genug: Zahlreiche Tourismus-, Gastronomie- und Luftfahrtbeschäftigte haben während der Pandemie der Branche den Rücken gekehrt. Vielerorts müssen Betriebe deshalb die Servicezeiten einschränken. Die Abwanderung bekommen Urlauber seit Wochen schon auf Deutschlands Flughäfen zu spüren: Aufgrund von Personalmangel und Kostensteigerungen haben die großen Airlines ihren Flugplan umgelegt. Es fehlt an Personal in der Flugkabine, bei der Sicherheitskontrolle, beim Catering und in der Abfertigung. Das sorgt für chaotische Zustände und stundenlange Warteschlangen.
Allein die Lufthansa hat knapp 1.000 Flüge gestrichen. Die Folge ist eine Preissteigerung: Das Angebot wird reduziert, die Nachfrage bleibt allerdings hoch. In der Folge steigen die Preise, teilweise um bis zu 50 Prozent, wie es heißt.