Osnabrück  Kunsthalle Osnabrück erkundet Romantik heute

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 23.06.2022 17:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Foto: Thomas Osterfeld
Foto: Thomas Osterfeld
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Romantik: Das klingt nach Kitsch und Klischee. In der Kunsthalle Osnabrück avanciert Romantik zum Stichwort für aktuelle Sinnsuche. Internationale Künstler sind dabei - und der Affe Buschi aus dem Zoo.

"Was pocht so laut im Abendrot / es ist mein armes kleines Herz": Ach, wie sacht diese Verse flöten. Und wie sich alle Gefühle regen beim Anblick der roten Rose gleich nebenan. Die Kunsthalle Osnabrück wäre ein Second-Hand-Laden romantischen Kitsches stünden die Verse nicht unter dem Comicbild von einem skurril schmalen Vogel, trüge die Rose nicht den martialischen Namen Gallipoli, der an eine blutige Schlacht im Ersten Weltkrieg erinnert. Der Comic von Anna Haifisch, der Blumengarten von Gabriella Hirst, sie gehören zu jenen fünf Präsentationen, mit denen die Kunsthalle Osnabrück ihr neues Jahresthema eröffnet: Romantik.

Romantik? Ist das nicht diese Sache mit dem Sonnenuntergang über dem Meer, dem Candle-Light-Dinner zu zweit, kurz dieses Produktportfolio der fertig abgepackten Gefühle? Anna Jehle und Juliane Schickedanz, die Direktorinnen der Kunsthalle, machen aus Romantik eine Projektionsfläche für die Gegenwart, auf der sich brechen soll, was heute beschäftigt: Sinnsuche, Frage nach Identität, Heimat und Zuhause, der Aufbruch zur Erforschung des Selbst. Die künstlerischen Positionen, die die beiden Kuratorinnen mit ihrem Team versammelt haben, arbeiten keinen Themenkatalog ab, sie eröffnen Räume für Assoziationen - auch auf die Gefahr hin, sich nicht unbedingt zu einer bruchlosen Präsentation zu fügen.

Dabei bietet die historische Epoche der Romantik um 1800 einen weiten Raum der Assoziationen zwischen Posthornklang und Persönlichkeitskrise. Wissenschaftler kartierten aus der Romantik eine sauber abgeteilte Epoche von Literatur, Kunst, Musik. In Wirklichkeit ist gerade die Romantik eine Haltung, ein offenes Projekt, dessen Kern der romantische Schriftsteller Friedrich Schlegel mit der Forderung beschrieb, "dass die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide". Künstlerinnen und Künstler, die heute mit ihren Arbeiten in Osnabrück präsent sind, teilen sicher nicht den idealistischen Schwung der historischen Romantik, wohl aber ihren Sinn für die Suche nach dem richtigen Leben - alle möglichen Widersprüche inbegriffen.

Forum demokratische Kultur und zeitgenössische Kunst, Anna Haifisch, Rosie Hastings/Hannah Quinlan, Gabriella Hirst und Irène Mélix: Diese Künstlerinnen und Künstler sind jetzt mit ihren Werken in den Räumen der Kunsthalle präsent. Sie bieten mit Objekten, Zeichnungen, Video und Installation einen erfrischend weiten Mix der künstlerischen Genres und zudem eine Fülle an thematischen und formalen Zugängen - ironische Brechung inklusive. Die Comiczeichnerin Anna Haifisch, die unter anderem für die Zeit und den New Yorker zeichnet, parodiert mit ihrer schmalen Vogelfigur das Bild des einsam schaffenden Künstlers. Ihr Kniff: Sie greift die Geschichte von Buschi, dem malenden Orang Utan aus dem Osnabrücker Zoo auf und schickt ihre Figur in einen ruinösen künstlerischen Wettbewerb mit dem Affen. Der Ausgang ist klar: Der Primate gewinnt.

Gabriella Hirst hat im Innenhof der Kunsthalle allerhand Pflanzen zu einem Ort scheinbarer Besinnung und Einkehr angeordnet. Der Umschlagpunkt: Alle Pflanzen, die sie gesammelt hat, tragen als Züchtungen militärische Namen, von Solferino, dem Ort einer Schlacht Napoleons, bis zur Atomic Bomb. Einfach schockierend, wenn das Gärtnern in ein Bild von der gewaltsamen Beherrschung der Welt umschlägt. Mit einem solchen Umschlagpunkt gehen auch Fabian Bechtle und Leon Kahane vom Forum Demokratische Kultur und zeitgenössische Kunst um, die in zwei Videos die Ruhmeshalle Walhalla mit dem Konzentrationslager Auschwitz, den Kulturolymp mit dem Vernichtungslager konfrontieren. Bildhaft und beeindruckend wirkt diese Arbeit, zugleich mit ihrer harschen Konfrontation aber auch nicht wirklich plausibel.

Bei Rosie Hastings und Hannah Quinlan sieht das anders aus. Die Künstlerinnen haben in die Kunsthalle eine Reihe großer Hausmodelle gestellt. Durch den Raum wabern Klänge von Geräuschen, die aus diesen Häusern kommen, als Signale der Heimatlichkeit und des Befremdens zugleich. Wo sind wir wirklich zu Hause? Diese eindringliche Frage, die diese Künstlerinnen stellen, treibt auch Irène Mélix um, die nach Spuren queerer Geschichte in Osnabrück gesucht hat. Ihre Spurensuche hat eine aufregende Sammlung von Zeugnisse zu Tage gefördert, die in einer Sonderpublikation der Neuen Osnabrücker Zeitung sichtbar gemacht werden sollen.

Das Projekt Romantik wird weiter wachsen. Ab November werden weitere künstlerische Arbeiten zu sehen. Jetzt geht das Projekt mit fünf Positionen an den Start: ein verheißungsvoller Auftakt für den bislang vielleicht gelungensten Jahresschwerpunkt in der Kunsthalle unter der Leitung von Anna Jehle und Juliane Schickedanz. Die Kuratorinnen haben für ihr Projekt auch Drittmittel in beeindrückender Höhe einwerben können. Allein 135000 Euro gibt die Bundeskulturstiftung. Es gibt Zahlen, bei denen einem schon ganz romantisch ums Herz werden kann.

Osnabrück, Kunsthalle: Romantik. Forum demokratische Kultur und zeitgenössische Kunst, Anna Haifisch, Rosie Hastings/Hannah Quinlan, Gabriella Hirst und Irène Mélix. Eröffnung: Samstag, 25. Juni 2022, 17 Uhr. Bis 16. Oktober 2022. Di.-So., 11-18 Uhr.

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