Osnabrück  Warum Suzi Quatro von sich nie als weibliche Musikerin spricht

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 23.06.2022 15:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Suzi Quatro spielt von Anfang an den Rolls Royce unter den Bässen. Foto: Tina Korhonen
Suzi Quatro spielt von Anfang an den Rolls Royce unter den Bässen. Foto: Tina Korhonen
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Suzi Quatro liebt Musik, die Bühne, den Bass. Seit 60 Jahren steht sie auf der Bühne. In Interview erzählt sie, warum sie aus den USA nach Europa gekommen ist.

Im Interview mit Musikerin Suzi Quatro geht es um ihren Vater, ihren Bass und um ihre Liebe zu Hamburg.

Frage: In Ihrer letzten Single besingen Sie ihre Heimatstadt Detroit. Welches Verhältnis haben Sie zu dieser Stadt?

Antwort: Der Ort, in dem du geboren und aufgewachsen bist, bleibt in dir, und ich werde immer das Mädchen aus Detroit sein. Ich bin stolz, aus dieser großartigen Stadt zu stammen. Musikalisch hätte es nicht besser für mich laufen können, weil Detroit dermaßen musikalisch ist.

Frage: Wann haben Sie die Stadt verlassen?

Antwort: Ich bin dort weggegangen, als ich 21 war. Das ist lange her, und ich wurde zur Amerikanerin in England. Demnächst werde ich die Stadt wieder besuchen, und dann gehe ich immer zu dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin.

Frage: Sie haben Ihre Heimat regelmäßig besucht?

Antwort: Oft, vor allem, solange meine Eltern gelebt haben. Ich war in Amerika ja auch oft auf Tour. Und meinen 60. Geburtstag habe ich in Detroit gefeiert, meinen 65. ebenfalls.

Frage: Warum sind Sie nach Europa gekommen?

Antwort: Das passierte mehr oder weniger zufällig. Ich spielte in einer Band namens „Cradle“. Das Label Electro Records kam damals, um uns zu sehen und zu hören, und sie boten mir einen Solo-Vertrag an. Allerdings wollten sie mich nach New York holen, um die nächste Janis Joplin aus mir zu machen. Das gefiel mir nicht; ich bin überhaupt nicht wie sie. Aber in der gleichen Woche kam der berühmte Produzent Mickie Most, sah die Band und bot mir einen Solo-Vertrag an. Er sagt zu mir, komm nach England, und ich mache eine erste Suzi Quatro aus dir. Also ging ich nach England.

Frage: Wie schwer ist es Ihnen gefallen, mit 21 Jahren die USA und Ihre Heimat zu verlassen?

Antwort: Das war schon schwer. Vor allem anfangs war es eine sehr einsame Zeit, weil ich in einer großen Familie aufgewachsen bin. Ich hatte ja sogar eine Band mit meinen Schwestern. Ja, es war hart, aber um ehrlich zu sein: Wenn man zweimal innerhalb einer Woche einen Solovertrag angeboten kriegt, ist es Zeit zu gehen.

Frage: Wann haben Sie begonnen, Musik zu machen?

Antwort: Mit sieben Jahren habe ich Bongos gespielt. Damit durfte ich im Trio meines Vaters mitspielen, was wirklich großartig war. Dann wechselte ich zum klassischen Klavier. Darauf folgte Percussion, was ich auch in einem Orchester spielte.

Frage: Wann wechselten Sie zum Bass?

Antwort: Als ich 14 war, sahen wir im Fernsehen die Beatles, und wir beschlossen, eine Girls-Band zu gründen: zwei meiner Schwestern, ich und ein anderes Mädchen. Als es darum ging, wer was spielen sollte, war ich einfach nicht schnell genug – was eigentlich sehr untypisch für mich ist. Was soll ich spielen? fragte ich, und eine meiner Schwestern sagte: Bass. Ich sagte: ok, schön. Dann ging ich zu meinem Vater. Der hatte wirklich jedes Instrument im Haus; wir besaßen allein drei Klaviere. Ihm sagte ich, dass wir eine Band gründen wollten und ob er irgendeinen Bass habe, den ich benutzen könnte. Er sagte, sicher, und gab mir einen Fender Precision Bass aus dem Jahr 1957 – das ist unglaublich. Das ist, als ob man einem einen Rolls Royce als erstes Auto gibt.

Frage: Wie schwierig war es, Bass zu lernen?

Antwort: Der Fender Prescision ist ein hervorragendes, aber auch eines der schwierigsten Instrumente, und ich hatte keine Ahnung und fragte auch niemanden. Aber es ist kein großes Wunder, dass ich so gut Bass spielen lernte, weil ich auf dem schwierigsten Instrument lernte.

Frage: Gab es Vorbilder, die Sie beeinflussten?

Antwort: James Jamerson (einer der wichtigsten Bassisten der Motown-Ära, .d.R.) war mein wichtigster Maßstab. Das war ein wunderbarer Bassist, der niemals die gleiche Linie zweimal spielte. Seine Aufnahmen höre ich wieder und wieder, und seine Linien spiele ich für mein Leben gerne. Wenn ich über eine zehn-Sekunden-Passage eine Basslinie singen soll, ist das, was ich mache, nichts im Vergleich zu dem, was Jamerson gespielt hat.

Frage: Seit über einem halben Jahrhundert sind Sie im Rock’n’Roll-Geschäft tätig. Wie haben Sie überlebt?

Antwort: Mittlerweile sind es sogar 60 Jahre - ich kann das selbst kaum glauben. Egal. Ich habe überlebt, weil mir mein Vater die richtige Einstellung vermittelt hat. Mit sechzehn war ich über zwei Jahre in meiner Band, und da hatte er mich zuhause mal zur Seite genommen und gesagt, es sieht so aus, als würdest du das dein ganzes Leben lang machen. Ich sagte, ja, ich liebe das. Er sagte, okay, ich habe einen Ratschlag für dich. Zunächst: Das ist ein Beruf, eine Profession - „Profession“ hat er ausdrücklich betont. Zweitens: Egal, ob du für zehn Leute spielst oder für zehntausend: Jeder einzelne im Publikum hat Geld in die Hand genommen und bezahlt, um dich zu sehen. Dafür schuldest du ihm etwas. Wenn du nicht dein Bestes auf dieser Bühne geben kannst, gehe nicht auf die Bühne.

Frage: Wie war es für Sie, als Frau im Rock-Business Fuß zu fassen?

Antwort: Ich habe mich nie sehr mit Gender-Fragen befasst, und ich habe von mir nie, nie, nie als eine weibliche Musikerin gesprochen. Nochmal: Es ist ein Beruf, dafür brauche ich keine weibliche Form. Ich war immer glücklich mit dem, was ich machte, und weil ich mich selbst und das, was ich mache immer ernst genommen habe, hat mich auch jeder ernst genommen, der mit mir zu tun hatte.

Frage: Sehen Sie es nicht als Problem, dass so wenige Frauen im Musikbusiness Fuß fassen, was dann dazu führt, dass bei „Rock am Ring“ von 270 Musikern nur 13 Frauen waren?

Antwort: Ich war die erste Frau, die im Rock’n’Roll weltweit Erfolg hatte. Darauf bin ich stolz. Aber das ist harte Arbeit, und es gibt nicht viele Frauen, die das machen wollen – du musst dafür bestimmt sein. Ich war das, aber ich glaube, das gilt nicht für alle Frauen.

Frage: Sie glauben nicht, dass das Musikgeschäft ein Männerwelt ist?

Antwort: Nein. Es ist nicht die Welt der Männer, es ist meine Welt. Darüber will ich auch gar nicht diskutieren. Hier bin ich! Das ist die Haltung, die mich erfolgreich gemacht hat. Du musst die Sache ernst nehmen, bestimmt sein, professionell, fokussiert. Und ich lasse mir keinen Mist erzählen.

Frage: Sie haben als Rock’n’Roll-Musikerin begonnen, Sie machen heute Rock’n’Roll. Dazwischen haben Sie mit Chris Norman zusammengearbeitet. Warum?

Antwort: Oh Gott, das passierte einfach. Ich hatte damals in den EMI-Studios in Köln mein neues „Suzi“-Album aufgenommen. Parallel fand eine große Preisverleihung statt, und anschließend waren wir auf einer Privatparty. Mike Chapman war auch da, weil er mein neues Album produzierte. Auf dieser Party spielte eine Band, und ich sagte, was für tolle Leute, lasst uns ein bisschen jammen. Nur Chris Norman ging gemeinsam mit mir auf die Bühne; wir spielten und sangen ein paar Lieder. Mike Chapman mochte, wie das aussah und wie es klang und er schrieb dann „Stumpelin in“. Ein Zufall.

Frage: Sie leben unter anderem in Hamburg…

Antwort: Wir leben dort nicht, wir haben zwei Heimatorte und wechseln.

Frage: Trotzdem: Was lieben Sie an Hamburg?

Antwort: Ich glaube, es war die erste Stadt in Deutschland, in der ich spielte. Und es ist eine wunderbare Stadt, mit tollen Restaurants, die Alster – es ist wunderschön. Ich habe diese Stadt immer sehr gemocht.

Frage: Wie viele Shows pro Jahr spielen Sie?

Antwort: Normalerweise zwischen 95 und 100. Aber in den letzten beiden Jahren war wir froh, wenn wir wenigstens ein paar Auftritte hatten.

Frage: 100 Auftritte klingt nach viel Arbeit. Wie stehen Sie das durch?

Antwort: Ich liebe es, aufzutreten. So stehe ich das durch.

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