Energiewende Mehr Offshore-Strom heißt auch − mehr Baustellen am Strand
Um den Strom von den Offshore-Windanlagen an Land zu kriegen, laufen Leitungen durch Meer und Watt. Und mitten durch eine Insel. Das wird noch zunehmen. Ein Baustellenbesuch auf Norderney.
Norderney - Da gibt es diesen Moment beim Baustellenbesuch auf Norderney, als plötzlich alle loslaufen. Behelmt und mit Sicherheitswesten versehen, versammeln sich fast alle Mitarbeiter um ein abgesperrtes Loch im Boden, zücken Handys und filmen. Wer nicht schnell genug da ist, kann zumindest schon etwas hören: ein angestrengtes Knirschen und Knacken. Zu sehen ist eigentlich nichts Spektakuläres, zumindest für das uneingeweihte Auge: Eine Winde zieht per Stahlseil ein Kabel aus einem Leerrohr.
Aber tatsächlich ist es natürlich schon irgendwie spektakulär. Das Kabel wird gerade unter den Dünen durchgezogen, läuft vorher über den Nordstrand Norderneys und wird dann noch über den Meeresboden 45 Kilometer nördlich zu einer Reihe von Windparks geführt. Aus diesem dunklen Schlund auf der Baustelle wird also Offshore-Strom kommen, grüne Energie, auf dem Weg zum Verbraucher an Land. Die Leitung wird gerade von der Firma Tennet gebaut. „Für alle auf der Baustelle ist das jetzt gerade der Erfolgsmoment, für den sie die letzten drei, vier Wochen Vorbereitungen gemacht haben – jetzt sind natürlich alle happy“, sagt Daniel Birkenstock. Er ist bei Tennet verantwortlich für dieses Projekt. Birkenstock ist ein erfahrener Leitungsbauer, aber auch er zückt sein Handy und macht Fotos.
Die Kabel und ihre Namen
Dieses Kabel ist eines von vielen, die den weit draußen auf See erzeugten Strom der Windkraftanlagen an Land bringen. DolWin 6 heißt diese spezielle Leitung, es ist ein 90 Kilometer langes und 900 Megawatt starkes Offshore-Netzanschlusssystem. Wenn es fertig ist, wird es Strom aus den Windparks Gode Wind 3 (Ørsted) sowie N-3.7 (RWE Renewables) und N-3.8 (Nordsee Two GmbH) an Land bringen. Das Kabel verläuft 45 Kilometer durch die See und dann weitere 45 Kilometer über Land. Endpunkt ist die Konverterstation in Emden/Ost. Baubeginn war 2017, die Inbetriebnahme ist für 2023 geplant.
DolWin 6 ist übrigens ein Kunstwort. Die Leitungssysteme für den Strom aus der Nordsee sind durchnummeriert und heißen fast alle nach den Inseln, in deren Nähe sie verlaufen. Also: BorWin1 bis 5 vor Borkum, HelWin 1 und 2 vor Helgoland, SylWin vor Sylt. Die DolWin-Leitungen sind nach dem Dollart benannt. Der Leitungsbau durch die Nordsee ist ein teures Unterfangen. Tennet gibt die Kosten für das Bauprojekt DolWin 6 mit unter einer Milliarde Euro an. Die Zahl dieser Leitungen wird in den kommenden Jahren zunehmen. Die Bundesregierung will den Ausbau der Offshore-Windenergie deutlich forcieren, dafür werden auch mehr Stromleitungen gebraucht, um die Energie an Land zu bringen.
Warum Norderney
Dieser Baustellenbesuch auf Norderney kommt nicht von ungefähr: Fast alle Stromleitungen von den Offshore-Windparks laufen bisher durch diese Insel. DolWin 6 ist schon das sechste System. Andere schlängeln sich durch den Dollart oder an Borkum vorbei. Die Alternative – die Leitungen einfach zwischen den Insel durchführen – ist eigentlich gar keine; das hat praktisch jeder Experte bestätigt, der im Zuge der Recherche auftauchte. Grund: Zwischen den Inseln ist die Strömung einfach zu stark, die Kabel am Meeresboden lägen nicht sicher.
Die Tennet-Baustelle liegt etwa in der Inselmitte, noch östlich vom Leuchtturm. Am Eingang steht ein großes Schild und erklärt, was hier los ist. „Den Windstrom an Land bringen“, steht in fetten Buchstaben über einem längeren Text mit erklärendem Schaubild. Die Baustelle liegt direkt neben einem vielbefahrenen Radweg, einer Straße und einer Bushaltestelle – ohne Schild würden sich wohl jeden Tag Dutzende Gäste verwundert die Augen reiben über solch eine Baustelle im Nationalpark Wattenmeer.
Wie man eine Insel unterbohrt
Auf der Baustellenfläche treffen sich zwei Bohrungen, es wird also etwas zusammengefügt. „Von der Mitte der Insel haben wir erst eine Bohrung durchs Wattenmeer gebaut und dann eine Bohrung Richtung See“, erklärt Daniel Birkenstock. Dann wurden die Stromkabel durch die leeren Rohre in den Bohrungen gezogen und treffen sich quasi auf der Baustelle, wo sie zusammengefügt werden. Einmal ganz durch die Insel durch, das funktioniere nicht, sagt Birkenstock. Die Zugkräfte, mit denen die Kabel gezogen werden müssten, wären einfach zu groß. 16 bis 17 Tonnen Zugkraft würden so schon gebraucht, um das Kabel, das von See kommt, unter den Dünen durch bis zur Mitte der Insel zu ziehen, also gut 1000 Meter weit.
Birkenstock nimmt uns noch mit an den Strand. Dort kommt das Stromkabel aus der Nordsee an Land und wird mehrere hundert Meter über den Strand geführt, bevor es vor den Dünen im Boden verschwindet. Um dann an der Baustelle wieder hochzukommen. Draußen vor der Insel ist ein großes Kabelverlegeschiff zu sehen, ein beeindruckender Anblick. Von dort aus wird das Stromkabel quasi abgerollt und anschließend im Meeresboden eingespült. Das Kabel liegt also nicht einfach so am Grund des Meeres, sondern etwas tiefer.
Stromkabel und Touristen
Hier draußen am Strand wird aber auch deutlich, dass die Baustelle wirklich unübersehbar ist. Wer hier einen Strandspaziergang macht, sieht das riesige Kabelverlegerschiff schon von weitem und muss beim Näherkommen einen großen Bogen um die Baustelle machen. Für den Tourismus – Haupteinnahmequelle Norderneys – ist das natürlich ein Thema. „Wir haben selbstverständlich Beschwerden“, sagt Norderneys Kurdirektor Wilhelm Loth. Man wisse aber mittlerweile zu argumentieren: „Ich muss nicht der Energieminister sein, um die Touristen davon zu überzeugen, dass das notwendig ist.“ Außerdem, sagt Loth, seien die Beschwerden über die Jahre auch weniger geworden. Die geistige Haltung zu diesem Thema habe sich geändert, findet er.
Tatsächlich blickt man von mindestens zwei anderen Inseln und auch aus einigen Festlandskommunen mit großem Unbehagen auf die künftigen Offshore-Leitungspläne. Denn auf Norderney kann nicht mehr viel verlegt werden, es gibt schlicht keinen Platz mehr. Die Leitungsbauunternehmen Tennet und Amprion haben deswegen in den vergangenen Jahren schon geguckt, ermittelt und geprüft, wo die nächsten Leitungssysteme laufen könnten. Antwort: Erstmal durch Baltrum, danach vielleicht irgendwann durch Langeoog. Dort ist man wenig begeistert.
Norderneys Bürgermeister Frank Ulrichs (parteilos) kennt dieses Unbehagen gut. Immerhin wurden auf seiner Insel schon Anfang des Jahrtausends die ersten Leerohrtrassen verlegt; man hat hier also mittlerweile jahrelange Erfahrungen mit diesen Großbaustellen. „Auch damals war es schon so, dass diese Prozesse von großem Unbehagen, von Ängsten und Risiken begleitet waren, weil man nicht wusste: Was hat das für Auswirkungen, wenn hier solche Trassen gelegt werden“, berichtet der Bürgermeister. Es habe jede Menge Fragen gegeben: „Bleiben die Urlauber plötzlich weg? Werden wir hier ein kleiner Industriestandort? Gibt es technische Auswirkungen? Strahlen diese Leitungen vielleicht? Haben wir nachher Nebelbildungen über diesem Leerrohrbauwerk, und so weiter.“ Tatsächlich sei all das nie eingetreten. Mittlerweile seien die Baumaßnahmen auf der Insel sehr routiniert.