Aurich  Klimakiller Torf: Statt Ausstieg weiterer Abbau - wie kann das sein?

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 21.06.2022 17:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
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Torfabbau ist schlecht fürs Klima. Deswegen will die Politik eigentlich aussteigen. Und doch wird in Norddeutschland neuer Abbau genehmigt, Behörden sehen keinen negativen Einfluss auf die Umwelt. Wie kann das sein? Eine Spurensuche in Wiesmoor, Ostfriesland.

Wiesmoor nennt sich selbst wenig bescheiden die „Blüte Ostfrieslands“. Die kleine Stadt mit ihren gut 14.000 Einwohnern im Landkreis Aurich trägt das im Namen, was hier bis vor wenigen Generationen noch allgegenwärtig war: das Moor. Im großen und im später industriellen Maßstab wurde das Land trockengelegt und der Torf abgebaut. Er brachte der Region bescheidenen Wohlstand.

Das Wappen der Stadt spiegelt diese enge Verbundenheit wider: Im oberen Teil ein Blitz als Symbol für den Strom, der in einem Kraftwerk durch das Verbrennen von Torf erzeugt wurde. Im unteren Teil das Birkhuhn, das vormals in großer Zahl in den Mooren dieser Region lebte. Heute ist es in Ostfriesland kaum noch anzutreffen.

Ein kleines Heimatmuseum in Wiesmoor erinnert an den beschwerlichen Weg der Region in die Zivilisation, der mit dem Sieg über die Natur einherging. Es gibt einen bekannten Spruch über die drei Stufen der Moorkolonisierung, der diese Zeit zusammenfasst: Dem Ersten den Tod, dem Zweiten die Not, dem Dritten das Brot.

Wiesmoor hat die dritte Stufe erreicht. Es lebt sich ganz gut hier in Ostfriesland. Das Torfkraftwerk gibt es nicht mehr, an der Stelle steht nun das Rathaus. Torf wird aber immer noch abgebaut. Die Gebiete sehen aus, als hätte sie jemand vom Mond hierher transferiert. Unweit der unwirtlichen Landschaft stehen Einfamilienhäuser aus rotem Backstein-Klinker.

Torfabbau und Wiesmoor, so scheint es, gehen auch heute noch eine Symbiose ein. Auch wenn der Rohstoff mittlerweile vor allem in der Blumenerde landet. Torf bleibt eine Selbstverständlichkeit.

Zumindest in Wiesmoor. In großen Städten weit weg von Ostfriesland hängen derweil Plakate: „Torffrei? Geht doch!” heißt es darauf beispielsweise. Die Bundesregierung will den Rohstoff, der Wiesmoors Aufstieg bedeutete, verbannen und investiert viel Steuergeld in Aufklärungskampagnen.

Trockengelegte Moore stoßen klimaschädliche Gase aus. Deutschland hat sich verpflichtet, den Treibhausgas-Ausstoß sehr deutlich zu reduzieren. Bis 2040 beispielsweise um 88 Prozent im Vergleich zu 1990.

Für ehemalige Moorflächen kann das bedeuten, dass diese wieder unter Wasser gesetzt werden. Das wird viele Hundert Millionen, vielleicht eher einige Milliarden Euro kosten. Landwirte können ihr Vieh nicht mehr auf trockengelegte Wiesen stellen, Menschen müssen umziehen.

Und der Torfabbau, der fest zu Wiesmoor gehört? Steht er vor dem Aus? Das könnte man meinen angesichts der Äußerungen und Versprechungen der Politik. In der vergangenen Legislaturperiode wurde beispielsweise der Entwurf für eine „Nationale Moorschutzstrategie” vorgestellt.

Darin stand: „Wir stellen gemeinsam mit den Ländern das ordnungsgemäße Auslaufen des Torfabbaus sicher und setzen uns dafür ein, dass in den Ländern keine neuen Anträge zum Torfabbau mehr genehmigt werden.” Die Bundesregierung und die Bundesländer, auch Niedersachsen, wo Wiesmoor liegt, sollten das unterschreiben. Die Bundestagswahl kam dazwischen.

Die Realität nach der Wahl ist eine andere. Gerade erst hat der Landkreis Aurich einen solchen Abbauantrag in Wiesmoor genehmigt. Es ging um vergleichsweise kleine fünf Hektar. In einem der amtlichen Dokumente dazu heißt es: „Abschließend ist nach Vorprüfung festzustellen, dass durch das Vorhaben keine erheblichen nachteiligen Umweltauswirkungen zu erwarten sind.” Jetzt kann die Fläche abgetorft werden.

Es handelt sich laut Behörde um eine Art Torfsockel, um den herum bereits abgetorft worden ist. Nun soll auch der letzte Rest herausgeholt werden und danach eine Wiedervernässung eingeleitet werden.

Doch im Kreishaus in Aurich liegt noch ein weiterer Antrag und dieses Mal geht es um bedeutend mehr Fläche: gut 100 Hektar, oder etwas plastischer gerechnet 140 Fußballfelder. Auf gut 70 Hektar davon soll abgebaut werden. Die Abbautiefe wird voraussichtlich 1,70 Meter betragen. 1,2 Millionen Kubikmeter Torf sollen gewonnen werden und die Fläche danach - in zig Jahren - renaturiert werden.

Ein Megaprojekt. In ganz Niedersachsen gibt es derzeit noch einen weiteren Antrag in dieser Dimension. Das war‘s. Es sind die vermutlich größten Vorhaben ihrer Art in Deutschland. Denn Niedersachsen ist das Torfland Nummer eins. In Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern findet de facto kein Abbau mehr statt.

Das Antragsverfahren beim Landkreis läuft. Die Aurich-Wiesmoor-Torfvertriebs GmbH ist eines von zwei Unternehmen hinter dem Vorhaben. Geschäftsführer Frank Tamminga sagt: „Ich kann ganz ruhig schlafen. Die Rechtslage ist eindeutig.“ Tatsächlich scheint das Recht offensichtlich auf seiner Seite. Dabei stand im Entwurf der Moorschutzstrategie ja genau das Gegenteil.

Aber für den Landkreis Aurich als Genehmigungsbehörde ist das nicht bindend. Ein Sprecher teilt mit: „Die nationale Moorschutzstrategie hat bisher keinen Eingang in die Gesetzgebung des Bundes und der Länder gefunden.”

Was nicht illegal ist, das muss genehmigt werden. Selbst wenn es um zig Hektar mutmaßlich sehr klimaschädlichen Torfabbau geht. Ein Projekt, das es nach den Verlautbarungen der Bundesregierung so ja eigentlich gar nicht geben dürfte.

Aber vielleicht tut sich da ja doch noch etwas. Seit vielen Jahren protestieren Menschen im Ort gegen den Torfabbau. Sie sind eine kleine Minderheit in der Stadtgesellschaft und der aktuelle Antrag schweißt sie noch einmal mehr zusammen.

Es sind vor allem unmittelbare Anwohner, die sich gegen den Torfabbau aussprechen. Sie sorgen sich um ihre Häuser, die absacken könnten, wenn dem Boden weiteres Wasser entzogen wird. Oder sie wollen keinen weiteren Staub und Lärm beim Torfumschlag dulden.

Torf-Unternehmer Tamminga sagt, man müsse über den Tellerrand schauen. Der Torf werde für die Lebensmittelerzeugung eingesetzt, beispielsweise in Champignon-Farmen. „Wäre es besser, wenn hier Torf importiert wird? Denn ohne geht es insbesondere bei der Produktion von Pilzen nicht. Es gibt aktuell keine gleichwertigen Ersatzstoffe in Menge und Qualität”, sagt Tamminga. In seinem Profil auf der Karriereplattform „LinkedIn” hat er den Spruch „All You Need Is Peat” stehen - alles, was man braucht ist Torf.

Seine lokalen Kritiker sehen das etwas anders. Demnächst muss sich der Landkreis im Zuge des Genehmigungsverfahrens mit ihren Einwänden befassen. Das Verfahren findet hinter verschlossenen Türen statt. Die Anwohner sind ziemlich allein. Niemand, der sonst für das Klima demonstriert, steht ihnen zur Seite.

Dabei beteuerte beispielsweise Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir kürzlich noch: „Moore sind die Superhelden im Kampf gegen die Klimakatastrophe.“ Der Endgegner dieses Superhelden sind Recht und Gesetz. Gut 20 Jahre könnte der Abbau der Fläche in Wiesmoor dauern. Damit scheint klar: Auch die künftige Generation im Ort wird mit dem Torfabbau groß werden.

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