Osnabrück Dichter und Allroundkünstler E.T.A. Hoffmann vor 200 Jahren gestorben
Er ist das Urbild aller exzentrischen Genies - der Dichter und Allroundkünstler E.T.A. Hoffmann. Vor 200 Jahren starb er in Berlin. Als Vorläufer des modernen Thrillers bleibt er hochaktuell.
Dieser Goldene Topf ist nicht irgendein Kessel Buntes. In diesem Gefäss verwandelt sich die Geliebte in eine Schlange, ein Marktweib in einen Dämon, ein schlichter Archivar in einen Feuersalamander. Und Student Anselmus? Der findet sich in einer Glasphiole gefangen. Die Welt des E.T.A. Hoffmann hat nicht einfach zwei Seiten, sie zersplittert in scharfkantige Spiegelscherben, an denen man sich flugs den Finger schneidet. Hoffmann ist kein Volksliedsammler wie Achim von Arnim und Clemens Brentano, kein Posthornmelancholiker wie Joseph von Eichendorff, er sucht auch nicht wie Novalis nach der Blauen Blume. Dafür ist der Dichter, Komponist, Theatermacher, Zeichner E.T.A. Hoffmann, dessen Todestag sich am 25. Juni 2022 zum zweihundertsten Mal jährt, der aufregendste, weil zukunftsweisende aller Romantiker: ein Franz Kafka der Goethezeit.
Seine Novelle "Der Goldene Topf" handelt vom wichtigsten Sujet aller wirklichen Weltliteratur - vom Weg eines Menschen zu sich selbst. Der Student Anselmus, der in seine Geschichte regelrecht hineinstolpert, geht durch Verwandlungen wie durch eine Geisterbahn der Selbstentfremdungen, bevor er mit seiner Veronika auch sein eigenes Dasein ganz erobern darf. Die Suche nach Atlantis als Weg zu einem ursprünglichen Leben ohne Entfremdung - die gestattet Hoffmann seinem jugendlichen Helden: "Ist denn überhaupt des Anselmus Seligkeit etwas anderes als das Leben in der Poesie, der sich der heilige Einklang aller Wesen als tiefstes Geheimnis der Natur offenbaret?".
Der Schlusssatz aus „Der Goldene Topf“ markiert jene glückliche Ankunft in einer besseren Welt, die Hoffmanns Helden allerdings allzu selten erreichen. Sie bleiben gefangen in Selbsttäuschungen und psychischen Abgründen - und in jenen Bedingungen, die die Gesellschaft dem Einzelnen stellt. Hoffmanns Helden zerschellen an dieser Gesellschaft, die von Egoismus und Gewinnstreben angetrieben, von Kleinmut beherrscht ist. Hoffmann erfährt das am eigenen Leib. Der studierte Jurist eckt bei Vorgesetzten an, wird von Berlin nach Posen strafversetzt. Das vielseitig begabte Multitalent rächt sich mit bissigen Karikaturen von Lokalpolitikern und Vorgesetzten und mit seiner Novelle „Meister Floh“, in der er den Polizeistaat in Gestalt des Hofrates Knarrpanti karikiert. Hoffmann und seine Welt - da liegen Traum und Realität im zermürbenden Dauerstreit.
Hoffmann ist der Romantiker, der die bohrendsten Fragen an seine Zeit stellt. Er will nicht einfach leben, er will ein Leben wie ein Kunstwerk, wie einen ständigen Rausch - und am Ende wie eine Heimkehr in eine Welt, in der all das noch eins und ungeteilt war, was in seiner Zeit explodiert: Medien und Technik, Tempo und Gesellschaft. Hoffmann reagiert wie ein Kreativer: Er antwortet auf die biedermeierliche Selbstzufriedenheit vieler Zeitgenossen mit jener Phantastik, die kompensieren soll, was das banale Alltagsleben einer bis zum Zerreißen sensiblen Künstlernatur vorenthält. Seine Helden wollen ihr Stück vom Leben und zahlen für ihre Ambition den bitteren Preis von Selbstentfremdung und zerstörerischen Lebenskrisen.
Hoffmanns Erzählwerke gehen in die Weltliteratur ein, seine Erzählbände wie "Nachtstücke" oder "Die Serapionsbrüder", sein Roman "Elixiere des Teufels", ein früher Thriller der Schauerliteratur. In seinen "Lebensansichten des Katers Murr", einem der besten Romane in deutscher Sprache überhaupt, schiebt der Autor zwei Bücher in eines, die Autobiografie eines schreibkundigen Katers und die Lebensbeschreibung eines an sich selbst scheiternden Kapellmeisters. Bei Hoffmann zerfällt das Leben in endlose Perspektivierungen. Hoffmann ist mit dieser Krisenerfahrung schon bestürzend modern. Und er macht brillante Literatur daraus. Kein Wunder, dass seine Erzählungen berühmte Bühnenwerke wie Offenbachs Oper "Hoffmanns Erzählungen" oder Tschaikowskys Ballett "Der Nussknacker" inspirieren.
Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann, der seinen dritten Vornamen aus Verehrung für Mozarts gegen Amadeus austauscht, nimmt vorweg, was das 20. Jahrhundert spannend machen wird, Einsichten der Tiefenpsychologie, den Daseinsschwindel Kafkas, die Rasanz der Thrillerliteratur, linke Gesellschaftskritik. Und ganz nebenbei bietet dieser Mann, der sich so brillant selbst zu karikieren verstand, Leseerlebnisse, die einen nie wieder loslassen. Wer einmal in den Feuerkreis seiner fiktiven Welt eingetreten ist, verlässt sie auf immer verwandelt. Zu viel Pathos zum Dichterjubiläum? Nein, nur die kleine Warnung an alle, die ihre Hände von Hoffmanns Erzählungen einfach nicht lassen können.