Berlin Evelyn Weigert zu #reallife auf Instagram: „Das ist einfach riesengroßer Bullshit“
Sie ist von der Schule geflogen, bezeichnet sich selbst als Legasthenikerin und hat doch einen Spiegel-Bestseller geschrieben: Evelyn Weigert über Lügen auf Instagram und die Superkraft, die ihre Mama ihr mitgegeben hat.
Wenn man sich als ganz normaler Mensch auf Instagram rumtreibt, kann man sich schnell fragen, was im eigenen Leben eigentlich schief läuft. Alle anderen scheinen ständig perfekte Outfits zu tragen, in wunderschönen Wohnungen zu leben, verliebte Reisen mit ihrem Seelenpartner zu machen oder mit natürlich auch perfekt gestylten Kindern eine unglaublich gesunde und gleichzeitig hübsch aussehende Mahlzeit zu verspeisen.
Dagegen kann das eigene Leben nur verlieren.
Und auch wenn wir natürlich wissen, dass Instagram nur wenig mit der Realität zu tun hat – genauso wie Fotos in Frauenzeitschriften oder Liebesgeschichten in Hollywoodfilmen – bleibt doch ein leichter Zweifel zurück und das Gefühl, dass wir uns zumindest ein bisschen mehr anstrengen sollten.
Quatsch, sagt Evelyn Weigert. Die Moderatorin und Influencerin kennt sich mit Instagram aus. Und mit unnötigen Selbstzweifeln. In ihrem Buch „Peace, Bitches! Nimm dich, wie du bist - mehr brauchst du nicht“ erzählt sie offen von ihren Komplexen und davon, wie sie sich lange für ihren Körper geschämt hat. Aber auch davon, welche körperlichen Nebenwirkungen eine Geburt haben kann und warum sie nach dem abrupten Ende ihrer Schullaufbahn erstmal eine Ausbildung zur Krankenschwester begonnen hat. Und sie spricht sich klar gegen Anstrengung aus. Zumindest gegen Anstrengungen, die uns eigentlich gar nicht glücklich machen und die wir nur denken, leisten zu müssen.
Mit ihren ehrlichen Worten und ungeschönten Bildern hebt sich die Influencerin ab – obwohl sie betont, dass auch sie von den ehrlichen Fotos immer noch das schönste postet. Im Interview verrät die zweifache Mama, was Selbstliebe für sie bedeutet und wie man Instagram richtig nutzt.
Frage: Dein Buch liest sich teilweise wie ein Brief. Hast Du Dir beim Schreiben Deine Leserin vorgestellt?
Antwort: Evelyn Weigert: Ich wollte meine Leserinnen direkt ansprechen, das war mir super wichtig. Wenn man über so intime Themen spricht und sich öffnet, ist es doch bescheuert, einen auf diskret zu machen. Darüber bin ich im Nachhinein auch super glücklich, weil mir ganz viele Frauen schreiben, dass sie sich krass angesprochen fühlen und in meinem Buch wiederfinden. Das freut mich natürlich.
Frage: Meinst Du, die Zusammensetzung Deiner Follower bei Instagram hat sich verändert, seitdem Du Kinder hast?
Antwort: Nicht so wirklich. Ich frage auch immer wieder, wer von euch hat jetzt eigentlich Kinder und es sind gar nicht so viele. Vielleicht so 70/30 – 70 Prozent haben keine Kinder. Ich bin ja auch keine richtige „Mombloggerin“. Ich baue meine Kinder organisch in meinen Alltag auf Instagram ein und zeige auch nicht so viel von ihnen.
Frage: Dann leistest Du mit Deinen ehrlichen Postings über Dein Leben als Mutter ja richtige Aufklärungsarbeit. Vielleicht stehen Deine Followerinnen dadurch mal nicht da und denken „Mist, warum hat mir das niemand gesagt?“
Antwort: Stimmt. Aber ich glaube ehrlich gesagt, man kann noch so viele Dinge hören und es sich trotzdem nicht richtig vorstellen. Man muss es erleben. Allein diese Liebe zu den eigenen Kindern. Da kann man vorher noch so oft hören, wie groß diese Liebe sein wird. Dieses Gefühl kann man einfach nicht beschreiben. Man versteht es erst, wenn man selber Kinder hat.
Frage: Trotzdem ist bei Dir nicht alles rosarot. Du bist ja sehr ehrlich, wenn Du von Deinem Leben als Mutter sprichst.
Antwort: Ich bin eine krass leidenschaftliche Mum und ich habe selten Momente als Mutter, in denen ich denke, jetzt verpisst euch. Ich bin zwar genervt und angeschlagen, aber das geht nie gegen meine Kinder. Es ist eher meine eigene Erschöpfung. Und man kann ja gleichzeitig unglaublich müde sein und trotzdem ist Kinder zu haben das Geilste überhaupt. Das eine schließt das andere nicht aus.
Frage: Gerade diese Ambivalenz ist jemandem gegenüber, der keine Kinder hat, manchmal schwer zu erklären.
Antwort: Ja, es sind negative und positive Gefühle gleichzeitig. Das ist wie mit dem eigenen Körperbild: Man kann auch seinen Körper eigentlich geil finden und gewisse Körperstellen trotzdem scheiße.
Frage: Body Positivity ist auch ein großes Thema in Deinem Buch. Was ist Selbstliebe für Dich?
Antwort: Sich selber gegenüber respektvoll zu sein und sich zu mögen. „Lieben“ und „müssen“ find’ ich so bescheuert. Das geht doch gar nicht. Entweder man liebt etwas, weil man es aus vollstem Herzen liebt oder nicht. Ich lieb’ mich krass selber. Stehe manchmal aber auch vorm Spiegel und denke, wie scheiße ich heute eigentlich aussehe und habe voll den Komplex. Wenn mein Mann reinkommt und ich gerade nackt bin, dann brülle ich ihn an, dass er weggucken soll, weil ich mich derbe unwohl fühle. Aber am nächsten Tag lieb’ ich mich wieder hart und denke mir, eigentlich ist doch alles ganz geil.
Antwort: Auch an meinem Mann, meinen Eltern oder Freunden gibt es Seiten, die ich scheiße finde, aber ich liebe sie trotzdem. Man ist häufig allen anderen gegenüber viel nachsichtiger und sich selbst gegenüber das größte Arschloch.
Wir würden gerne von Euch wissen: Wie findet Ihr eigentlich #neo? Die Umfrage ist ganz, ganz kurz, versprochen! Wenn Ihr mitmacht, helft Ihr uns aber sehr.
Frage: Gerade Instagram kann ja großen Druck aufbauen, dort wird einem das perfekte Leben, die perfekte Figur vorgegaukelt. Du schreibst in Deinem Buch, dass alles auf Instagram Fake ist – auch das, was sich „real life“ nennt. Und das auch Du, die Du sehr ehrliche Bilder teils, nicht das unvorteilshafte der unvorteilhaften Fotos auswählt. Was magst Du trotz allem an der Plattform?
Antwort: Mich inspiriert Instagram und macht mir gute Laune. Ich kann mich damit auch mal kurz in eine andere Welt flüchten, was mir als Mum mal ganz gut tut. Aber ich konsumiere Instagram so, dass es mir gut tut. Das sollte jeder da draußen lernen: Du musst niemandem folgen. Wenn Du merkst, jemand triggert mich und ich bin jedes Mal aggressiv oder wütend, wenn ich mir was von dem ansehe, dann entfolg doch den Leuten. Man kann Instagram cool konsumieren – immer mit dem Hintergedanken, dass alles inszeniert ist, was man da sieht. Es ist ‘ne Show. Auch wenn die Leute einem was von „real life“ erzählen, das ist einfach riesengroßer Bullshit.
Frage: Wenn Du in Deinem Buch über Deine Eltern schreibst, wird Dein Ton ein anderer. Man merkt, wie gut euer Verhältnis ist. Für was bist Du ihnen besonders dankbar?
Antwort: Dass sie mich immer bedingungslos geliebt haben. Das habe ich auch immer gespürt. Ich hatte mit meinem Vater als Teenager echt krasse Zeiten, wir waren damals alles andere als Freunde. Aber trotzdem wusste ich, dass ich geliebt werde und dass sie hinter mir stehen. Meine Mama hat mir das geilste Urvertrauen mitgegeben. Wenn ich dachte, dass alles schief läuft und mich niemand mag, hat sie mich aufgebaut und mir das Gefühl gegeben, dass alles gut wird. Sie hat es hinbekommen, dass ich mich geliebt fühle und Vertrauen in die Welt habe. Sich geliebt zu fühlen ist für mich das A und O. Weil am Ende des Tages, will jeder nur gesehen werden und geliebt werden. Es klingt so banal, aber es ist die absolute Basic, die sich jeder wünscht und die jeder braucht.