Hamburg Rocklegende Iggy Pop lässt auch mit 75 Jahren die Muskeln spielen
Die Veranstalter hatten das Konzert in Hamburg mit Sitzplätzen geplant. Doch mit alten Hits und neuen Volltreffern riss Iggy Pop seine Fans von Anfang an von den Stühlen.
Die Zeichen stehen auf einen nasskalten Abend. Kurz vor dem Iggy-Pop-Auftritt im Hamburger Stadtpark hat es geregnet, ach was, gegossen. Auf den Stühlen haben sich Pfützen gebildet. Man verspürt wenig Lust, sich zu setzen – obwohl das Gerücht kursiert, der Amerikaner, der als James Newell Osterberg geboren wurde, werde ein ruhiges, eher jazziges Konzert geben.
Aber wie das so oft mit bloßem Gerede ist: Es entpuppt sich als Fehlalarm. Statt nur auf die ruhigen Stücke seines Jazz-Ambient-Albums „Free“ von 2019 zu setzen, ackert sich der Godfather of Punk musikalisch durch seine gesamte Karriere. Mit Stooges-Songs sowie älteren und jüngeren Sololiedern.
Der 75-Jährige kommt in einem schwarzen Smoking auf die Bühne, allerdings ohne Hemd. Binnen einer Viertelstunde wirft er sein Sakko ab und performt mit freiem Oberkörper. Man sieht ihm an, dass er viel Sport treibt. Immer noch kann er mühelos seine Muskeln spielen lassen. Wohl deshalb liebt er es, seinen Bizeps zu präsentieren.
Auf der anderen Seite nagt der Zahn der Zeit logischerweise auch an ihm. Sein Gesicht ist verwittert. Er hat Gelenkprobleme. Beim Gehen zieht er ein Bein nach. So wild wie früher springt er also nicht mehr umher. Einmal gerät er sogar für einen Moment ins Straucheln, zum Glück findet er rasch sein Gleichgewicht wieder.
Die Fans stören sich indes nicht weiter an irgendwelchen physischen Unzulänglichkeiten. Sie feiern ihr Idol wie verrückt. Nach dem Intro springen diejenigen, die sich gesetzt haben, sofort von ihren Plätzen auf. Geschuldet ist das den ersten Takten von „Five Foot One“ aus den Siebzigerjahren. „Loves missing“, eines der neuen Lieder, entpuppt sich wiederum als ein echter Hörgenuss.
Es ist beeindruckend, wie souverän der Sänger immer noch die ganz tiefen Töne trifft. Auch in der Höhe patzt er erstaunlicherweise nie. Stimmlich ist er in Bestform – egal, ob er schreit, fleht oder flüstert. Und seine Show beschwört noch immer sämtliche Punkrockklischees herauf. Hemmungslos schleudert er den Mikrofonständer von sich, manchmal steckt er sich das Mikrofon in seinen Hosenbund.
Vor allem aber sucht er permanent den Kontakt zum Publikum. Er klatscht nicht nur Hände ab, sondern klettert sogar über die Absperrung, um ein Bad in der Menge zu nehmen. Das macht ihn sympathisch und nahbar. Darum steht plötzlich ein junger Mann neben Iggy Pop, der den Meister offensichtlich imitiert. Wie der Altrocker hat er sein Oberteil ausgezogen und schüttelt seine langen Haare im Takt der Musik. Zumindest für eine Songlänge, danach verschwindet er wieder in der Menge.
Nun steuert Iggy Pop allmählich auf populäre Titel wie „Lust for Life“ oder „The Passenger“ zu. Streng genommen waren sie keine richtigen Hits, lediglich in Großbritannien schafften sie den Sprung in die Top Twenty. Aber die Iggy-Anhänger können natürlich trotzdem jede Zeile mitsingen und hätten sicher nichts dagegen gehabt, wenn noch „Real wild Child (Wild One)“ gefolgt wäre. Doch dieses Lied steht nicht auf der Setlist.
Dafür gibt es noch einen längeren Zugabenblock – inklusive dem getragenen „James Bond“ mit einem schönen Bläserpart. Der Höhepunkt ist jedoch kurz vor Schluss die Stooges-Nummer „I‘m sick of you“, die der Musiker größtenteils im Sitzen singt. Ohne die Klassiker seiner alten Band geht es einfach nicht. Sie scheinen auch den Wettergott milde gestimmt zu haben. Knapp zwei Stunden lang ist kein einziger Regentropfen gefallen.